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Cassian († 430/35) - Von den Einrichtungen der Klöster (De institutis coenobiorum et de octo principalium vitiorum remediis)
Zwölftes Buch: Von dem Geiste des Hochmuthes.

27. Schilderung der aus der Krankheit des Stolzes erzeugten Sünden.

Durch solche Leidenschaften verhärtet und mit einer solchen Lauheit beginnend macht die Seele nothwendig täglich Fortschritte im Schlechten und beschließt ihr übriges Leben mit einem noch schlimmeren Ende; und indem sie an den früheren Leidenschaften Gefallen findet und, wie der Apostel sagt, von der gottesräuberischen Habsucht sich [S. 264] besiegen läßt, von welcher gleichfalls der Apostel sagt:1 „Welche ist Bilder- oder Götzendienst,“ und ferner sagt:2 „Denn die Wurzel aller Uebel ist die Habsucht,“ kann sie nimmer die einfältige und wahre Demuth Christi in sich aufnehmen. Denn er brüstet sich entweder mit dem Adel seiner Geburt oder läßt sich aufblähen von einer ehemals in der Welt bekleideten Würde und bekundet dadurch, daß er sie bloß dem Leibe, nicht aber dem Geiste nach verlassen hat, oder er wird stolz auf das Geld, das er zu seinem Verderben zurückbehalten. Dieß alles wird ihm die Ertragung des klösterlichen Joches und die Belehrung durch einen Anderen gründlich verleiden. Denn wer immer von der Krankheit des Stolzes beherrscht wird, hält es nicht nur unter seiner Würde, irgend eine Regel der Unterordnung und des Gehorsams zu erfüllen, sondern leiht nicht einmal der Lehre der Vollkommenheit sein Ohr; und dergestalt wächst in seinem Herzen der Ueberdruß am geistigen Worte, daß, wenn einmal eine solche Unterhaltung begonnen hat, sein Blick nicht an einem Orte zu verweilen weiß, sondern hierhin und dorthin der stumpfsinnige Blick schweift, nach dieser und jener Seite hin die Augen sich wenden. Statt heilsamer Seufzer kommt Speichel aus trockenem Halse, auch Verwünschungen werden ausgestoßen, ohne irgendwie den Auswurf des Schleimes zu unterbrechen; die Finger spielen, und gleichsam als schrieben sie Etwas, fliegen sie hin und her und malen. So drehen sich alle Glieder des Leibes hin und her, daß er während eines geistigen Vortrages auf einem Haufen Würmer oder auf spitzen Pfählen zu sitzen meint und, was der einfache Vortrag zur Erbauung der Brüder vorbringt, zu seiner Beschämung gesagt wähnt. Und in der ganzen Zeit, in welcher eine Prüfung des geistigen Lebens vorgenommen wird, mit seinen Verdächtigungen beschäftigt sieht er nicht darauf, was er von jetzt an zu seinem Fortschritte ergreifen muß, sondern [S. 265] ängstlich forscht er nach den Gründen, weßhalb Jegliches geredet sei; oder schweigend bei sich überlegend grübelt er darüber nach, was er jedem einzelnen Punkte entgegenstellen könne, so daß er von Dem, was zu seinem wahren Heile dargelegt wurde, Nichts ganz zu erfassen oder sich dadurch in irgend einem Punkte zu bessern vermag. Und so kommt es, daß der geistige Vortrag ihm nicht nur in keinem Punkte Etwas nützt, sondern sogar noch mehr Schaden verursacht und ihm Ursache zu größerer Sünde wird. Denn indem er in seinem Gewissen argwöhnt, das sei alles gegen ihn gesprochen, verhärtet er sich in einer engeren inneren Hartnäckigkeit und wird heftiger von dem Stachel des Zornes gereizt; hierauf hochfahrende Reden, abstoßende Unterhaltung, bittere und verwirrte Antwort, hochaufgerichteter und flüchtiger Gang, geläufige Zunge, freche Beschwerde, niemals freundliche Verschwiegenheit, ausser wenn er gegen einen Bruder Groll im Herzen hegt. Sein Schweigen wird nicht ein Zeichen der Zerknirschung nach der Demuth, sondern des Stolzes und des Zornes, so daß sich nicht leicht unterscheiden läßt, was an ihm verabscheuungswürdiger ist: ob jene ausgelassene und freche Fröhlichkeit oder diese heftige und giftige Schweigsamkeit. Denn in jener herrscht eine ungeziemende Sprache, ein leichtsinniges und albernes Lachen, zügel- und zuchtlose Erhebung des Herzens vor; in dieser aber ein zorniges und giftiges Schweigen, das man nur deßhalb annimmt, um den Groll gegen einen Bruder durch Verschwiegenheit bewahren und die Aussöhnung noch weiter hinausschieben zu können. Und da er, selbst vom Hochmuthsdünkel eingenommen, Andern leicht Verdrießlichkeiten bereitet und es unter seiner Würde hält, sich zur Genugthuung gegen einen beleidigten Bruder herbeizulassen, weist er auch die angebotene mit Verachtung zurück. Und nicht nur wird er durch die Genugthuung eines Bruders nicht erschüttert, sondern geräth in noch größeren Zorn darüber, daß jener ihm in der Demuth zuvorgekommen ist. Und eine heilsame Demüthigung und Genugthuung, die sonst den [S. 266] Versuchungen des Teufels ein Ende zu machen pflegt, wird ihm zur Ursache eines noch heftigeren Brandes.

1: Kol. 3, 5.
2: I. Tim. 6, 10.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger