Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Cassian († 430/35) - Von den Einrichtungen der Klöster (De institutis coenobiorum et de octo principalium vitiorum remediis)
Zehntes Buch: Von dem Geiste der Lauheit.

7. Zeugnisse des Apostels über den Geist der Lauheit.

Diese Krankheit, welche aus dem Geiste der Lauheit hervorgeht, sah der heilige Apostel Paulus als wahrer Seelenarzt schon damals heranschleichen, und durch Offenbarung des heiligen Geistes wurde ihm im Voraus gezeigt, wie sie unter den Mönchen emportauchen würde; darum eilte er, ihr durch die heilsamen Arzneien seiner Vorschriften vorzubeugen. Im Briefe an die Thessalonicher pflegte er zuerst, wie ein kundiger und vollendeter Arzt, die Krankheit der Neuaufgenommenen durch die sanfte und milde Heilmethode des Wortes, und mit der Liebe beginnend lobt er sie in diesem Stücke, bis die durch ein sanfteres Mittel gelinderte tödtliche Wunde die Geschwulst der Entrüstung verloren hat und nun leichter strengere Mittel erträgt; denn er schreibt: 1„Ueber die brüderliche Liebe haben wir nicht nöthig, euch zu schreiben; denn ihr selbst seid von Gott belehrt, euch einander zu lieben. Denn ihr erweiset ja Solches gegen alle Brüder in ganz Macedonien.“ Er schickt die Linderungsmittel des Lobes voraus, macht ihre Ohren zur Heilung durch das heilsame Wort ruhig und bereit. Wiederum sagt er:2 „Wir bitten euch aber, Brüder, daß ihr darin noch mehr zunehmet.“ Noch schmeichelt er ihnen mit der sanften Linderung der Worte, um sie nicht etwa noch ungeeignet zur Annahme vollkommener Heilung zu finden. Warum bittest du, o Apostel, daß sie darin noch mehr zunehmen sollen, in der Liebe nämlich, von der du oben sagtest: „Ueber [S. 207] die Bruderliebe aber bedarf es nicht, daß wir euch schreiben“? Und was brauchst du zu sagen: „Wir bitten euch aber, daß ihr noch mehr zunehmet,“ da sie nicht einmal nöthig haben, daß ihnen hierüber Etwas geschrieben werde, zumal da du auch den Grund angibst, warum sie dessen nicht bedürfen, indem du sagst: „Denn ihr selbst seid von Gott gelehrt, euch einander zu lieben,“ und als dritten noch stärkeren Grund beifügst, daß sie nicht nur von Gott belehrt seien, sondern auch im Werke diese Lehre bethätigten? Denn ihr erweiset Das ja, sagst du, nicht an einem oder zweien Brüdern, sondern gegen alle Brüder, nicht nur gegen eure Mitbürger und Bekannten, sondern gegen die Brüder in ganz Macedonien. Sag’ also endlich, warum schickst du Dieses so angelegentlich voraus? ― Wieder sagt er: „Wir bitten euch aber, Brüder, daß ihr noch mehr darin zunehmet.“ Und mit Mühe bricht er endlich mit Dem hervor, was er zuvor so sehr milderte: „Und daß ihr euch bemühet, ein ruhiges Leben zu führen.“ 3 Die erste Ursache hat er eben genannt. Nun gibt er die zweite an: „Und daß ihr euren eigenen Geschäften oblieget.“ Auch die dritte: „Und euch nähret mit eurer Hände Arbeit, wie ich euch befohlen habe;“4 die vierte: „Daß ihr einen anständigen Wandel führet vor Denen, welche draussen sind;“5 die fünfte: „Und daß ihr Niemandes bedürfet.“6 Ja, hier erkennt man den Grund jenes Zögerns, das den Apostel veranlaßte, vermittelst solcher einleitenden Bemerkungen Das hinauszuschieben, was er mit Schmerzen in seiner Brust barg. „Und bemühet euch, ein ruhiges Leben zu führen,“ d. h. bleibet in euren Zellen und laßt euch nicht beunruhigen durch verschiedene Gerüchte, welche aus den Wünschen und dem Gerede der Müssiggänger hervorgehen; aber bereitet auch Andern keine Beunruhigungen. „Und daß ihr euren eigenen Geschäften oblieget;“ daß ihr euch nicht aus Neugierde um die Werke der Welt kümmern [S. 208] möget und, indem ihr die Unterhaltungen verschiedener Leute erforschet, eure eigene Thätigkeit auf eure Besserung und die Pflege der Tugend, nicht aber auf die Verleumdung der Brüder richten möget. „Und ernähret euch mit eurer Hände Arbeit, wie ich euch befohlen habe:“ damit nicht Das eintreffe, wovor er oben gewarnt hatte, nämlich damit sie sich nicht der Unruhe überließen und sich um fremde Angelegenheiten kümmerten, noch einen unanständigen Wandel führten vor Denen, welche draussen sind, noch Jemandes bedürften; darum fügt er jetzt noch bei: „und daß ihr arbeitet mit euren Händen, wie ich euch befohlen habe.“ Denn damit bezeichnet er den Müssiggang als die Ursache, weßhalb Das geschehe, was er oben getadelt hat. Keiner nämlich kann weder der Unruhe sich überlassen noch sich um fremde Angelegenheiten kümmern, es sei denn, daß er sich nicht dazu bequeme, bei seiner Hände Arbeit auszuharren. Noch eine vierte Krankheit führt er an, die dem Müssiggange entsproßt, nämlich den ungeziemenden Lebenswandel, indem er sagt: „Und daß ihr einen wohlanständigen Wandel führet vor Denen, welche draussen sind.“ Denn nimmermehr, auch nicht vor Weltleuten kann Derjenige anständig auftreten, der nicht seine Zufriedenheit darin findet, hinter dem Riegel seiner Zelle bei der Arbeit seiner Hände zu verharren; sondern er ist nothwendig jeder Wohlanständigkeit bar, indem er seinen Lebensunterhalt erbettelt. Er befleißt sich auch der Schmeichelei, jagt nach Neuigkeiten, sucht Veranlassungen zu Plaudereien und Erzählungen, durch die er sich Zugang und die Möglichkeit verschafft, in verschiedener Leute Häuser einzudringen. „Und daß ihr Niemandes bedürfet.“ Es kann nicht ausbleiben, daß Der nach Anderer Gaben und Geschenken verlangt, der an der frommen und ruhigen Arbeit seines Handwerkes kein Gefallen findet, wodurch er sich seinen täglichen Lebensunterhalt erwerben soll. ― Seht ihr, wie so viele, so verderbliche und schimpfliche Dinge aus dem Schmutze des Müssiggangs hervorgehen? wie der Apostel gerade Diejenigen, an denen er in seinem ersten Briefe die mildernde und gleichsam streichelnde Heilmethode vermittelst des Wortes [S. 209] versucht hatte, im zweiten Briefe, gleichsam als hätten sie bei leichteren Heilmitteln keine Fortschritte gemacht, gewissermaßen mit schärferen und einschneidenden Mitteln zu heilen sich anschickt? Nun schickt er kein Linderungsmittel sanfter Worte mehr voraus, keine zarten und einschmeichelnden Reden, wie dort: „Wir bitten euch aber, Brüder,“ sondern: „Wir befehlen euch im Namen unsers Herrn Jesu Christi, daß ihr euch fern haltet von jedem Bruder, der einen unordentlichen Wandel führt.“7 Dort bittet, hier befiehlt er; dort spricht die Stimme des Liebkosenden, hier der Ernst des Beschwörenden und Drohenden: „Wir gebieten euch, Brüder!“ Weil ihr ehedem auf Bitten zu hören verschmähet habt, so gehorchet jetzt den Befehlen! Und diesen Befehl spricht er jetzt nicht mit nackten Worten aus, sondern begleitet ihn mit der furchtbaren Beschwörung des Namens unsers Herrn Jesu Christi, aus Furcht, sie möchten diesen Befehl als den einfachen Ausspruch eines Menschen wieder verachten und auf seine Vollziehung keinen großen Werth legen. Und wie ein geschickter Arzt schickt er sich alsbald an, die ungesunden Glieder, denen er kein gelindes Heilmittel beibringen konnte, durch die Anwendung des geistigen Messers zu heilen, indem er spricht: „Haltet euch fern von jedem Bruder, der einen unordentlichen Lebenswandel führt und nicht wandelt nach der Ueberlieferung, die sie von uns empfangen haben.“ Er befiehlt also, sich fern zu halten von Denen, die nicht der Arbeit obliegen wollen, und die durch die Fäulniß des Müssiggangs verdorbenen Glieder wegzuschneiden, damit nicht die Krankheit der Trägheit wie eine todbringende Ansteckung auch die gesunden Glieder durch den an sie herandringenden Eiter verderbe. Vernehmet nun, wo er von Denen reden will, welche nicht mit ihren Händen arbeiten und ihr Brod in der Stille essen wollen, und von denen er ebenfalls sich ferne zu halten gebietet, mit welchen Vorwürfen er Diese gleich im Anfang gleichsam brandmarkt! [S. 210] Zuerst nennt er sie ungeordnet und sagt, sie wandelten nicht nach seiner Überlieferung, mit andern Worten: er bezeichnet sie als hartnäckig, da sie nicht nach seiner Unterweisung wandeln wollten, und als unanständig, d. h. als Solche, die weder für einen Ausgang, noch für einen Besuch, noch für ein Gespräch eine passende und geziemende Gelegenheit wahrten. Allen diesen Fehlern unterliegt nothwendig jeder Unordentliche. — „Und nicht nach der Ueberlieferung, die sie von uns empfangen.“ Hiermit brandmarkt er sie gewissermaßen als Empörer und Verächter, da sie die von ihm empfangene Ueberlieferung zu beobachten verschmähten und Das nicht nachahmen wollten, was, wie sie sich erinnerten, ihr Meister nicht bloß gelehrt, sondern auch, wie sie wußten, in der That vollbracht habe. „Denn ihr wisset selbst, wie ihr uns nachahmen sollt.“8 Einen unermeßlichen Haufen von Tadel schüttet er auf, indem er behauptet, daß sie Das nicht beobachten, was in ihrem Gedächtnisse eingeprägt sei, und daß sie nicht nur durch das Wort, das sie in der Nachahmung unterweise, gelernt, sondern auch durch die Ermunterung des thatsächlichen Beispieles überkommen hätten.

1: I. Thess. 14, 9 f.
2: I. Thess. 14, 10.
3: I. Thess. 14, 10.
4: I. Thess. 14, 11.
5: I. Thess. 14, 11.
6: I. Thess. 14, 11.
7: II. Thess. 3, 6.
8: II. Thess. 3, 7.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Bilder Vorlage

Navigation
. Mehr
. Zweites Buch: Die kano...
. Drittes Buch: Von dem ...
. Viertes Buch: Regeln ...
. Fünftes Buch: Von ...
. Sechstes Buch: Von ...
. Siebentes Buch: Von ...
. Achtes Buch: Von dem ...
. Neuntes Buch: Von dem ...
. Zehntes Buch: Von dem ...
. . 1. Einleitung.
. . 2. Wie die Lauheit ...
. . 3. Was ermöglicht ...
. . 4. Der Überdruß vers...
. . 5. Ein zweifacher Übe...
. . 6. Von den verderblichen ...
. . 7. Zeugnisse des Apostels ...
. . 8. Unruhig ist nothwendig ...
. . 9. Nicht nur der Apostel, ...
. . 10. Der Apostel erwarb ...
. . 11. Durch sein Beispiel ...
. . 12. Der Apostel begnügt ...
. . 13. Über die Worte: ...
. . 14. Die Arbeit beseitigt ...
. . 15. Auch gegen die ...
. . 16. Nicht aus Haß, ...
. . 17. Verschiedene Zeugnisse ...
. . 18. Soviel arbeitete ...
. . 19. Über den Sinn ...
. . Mehr
. Elftes Buch: Von dem ...
. Zwölftes Buch: Von ...

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger