Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Cassian († 430/35) - Von den Einrichtungen der Klöster (De institutis coenobiorum et de octo principalium vitiorum remediis)
Siebentes Buch: Von dem Geiste der Habsucht.

7. Quellen und Folgen der Habsucht.

Hat diese Leidenschaft einmal von dem schlaffen und lauen Geiste Besitz genommen, so macht sie ihn zuerst nur um eine geringe Summe besorgt und stellt ihm etliche gar vernünftig scheinende Gründe vor, aus welchen er sich etwas [S. 155] Geld zurücklegen oder erwerben dürfe. Denn er klagt, daß das im Kloster ihm Gereichte nicht hinreiche, und daß es damit für einen gesunden und starken Körper kaum auszuhalten sei. Was sei zu thun, wenn eine Krankheit auftauche und nicht etwas Geld aufgehoben sei, um während derselben leben zu können? Was das Kloster reiche, sei zu gering, und es herrsche eine große Nachläßigkeit gegen die Kranken. Wenn man nicht etwas Eigenthum habe, womit man den Leib pflegen und heilen könne, müsse man elend sterben. Selbst das Kleid, das man erhalte, reiche nicht aus, wenn man nicht für Etwas gesorgt habe, wovon man sich ein anderes anschaffen könne. Endlich könne man nicht an demselben Orte oder Kloster bleiben, und wenn man sich nicht für Wegzehrung und Ueberfahrtsgeld gesorgt habe, könne man mit dem besten Willen nicht reisen, und eingeschränkt durch den Mangel am Nothwendigsten würde man stets ein beschwerliches und elendes Leben zu ertragen haben und es nie zu Etwas bringen. In seiner Armuth und Entblößung könne man nie ohne Vorwürfe und Beschämung von fremdem Gute leben. — Und hat nun der Mönch seinen Geist von derartigen Gedanken umstricken lassen, so überlegt er, wie er wenigstens einen Zehner sich verschaffen kann. Dann sieht er sich voll Besorgniß nach einer Arbeit um, an der er ohne des Abtes Wissen arbeitet. Diese verkauft er nun heimlich, und endlich im Besitze der gewünschten Münze plagt er sich noch viel ärger mit dem Gedanken, wie er sie verdoppeln könnte, noch im Zweifel, wohin er sie legen oder wem er sie anvertrauen soll. Dann quält ihn noch mehr die Sorge, was er mit ihr kaufen und mit welchem Geschäfte er sie verdoppeln könne. Und ist ihm das nach Wunsch gelungen, so wächst sein Heißhunger nach Gold noch mehr und wird um so heftiger gereizt, je größer die Summe ist, die vor ihm liegt. Denn mit dem Anwachsen des Geldes wächst auch die rasende Gier nach demselben. Schließlich verspricht er sich ein langes Leben, ein ungebeugtes Greisenalter und verschiedene langwierige Krankheiten, die er im Alter nicht ertragen könne, wenn er nicht in der Jugend für eine größere [S. 156] Geldsumme gesorgt habe. So geht die unglückliche, von den Windungen der Schlange umstrickte Seele zu Grunde, indem sie den sündhaft zusammengerafften Besitz mit noch nichtswürdigerer Sorge zu vermehren begehrt. Das verderbliche Feuer, dessen Flammen immer grausamer an ihr nagen, selbst erzeugend und von dem Gedanken an Gewinn ganz eingenommen hält sie ihren Blick auf nichts Anderes gerichtet, als woher sie Geld gewinnen könne, um vermittelst desselben der Zucht des Klosters möglichst bald zu entfliehen. Denn Glaube und Vertrauen werden da über Bord geworfen, wo die Hoffnung auf ein Geldstück aufleuchtet. Diese Hoffnung läßt den Mönch nicht vor Lüge und Meineid, nicht vor Diebstahl und Treubruch, nicht vor der sündigen Wuth des Jähzornes zurückschaudern. Wenn er, von der Hoffnung auf Gewinn verlockt, in eine Sünde gefallen ist, fürchtet er nicht das Maß der Ehrbarkeit und Demuth zu überschreiten, und in Allem wird ihm, wie Andern der Bauch, das Geld und die Hoffnung auf Gewinn zum Gott. Daher hat der heilige Paulus, im Hinblick auf das schädliche Gift dieser Krankheit, sie nicht nur die Wurzel aller Uebel, sondern auch Götzendienst genannt, indem er sagt: „Und die Habsucht, welche Götzendienst ist“. Du siehst also, zu welchem Verderben diese Wuth allmählig anwächst, so daß sie sogar Idololatrie oder Götzendienst vom Apostel genannt wird, weil sie Gottes Bild und Gleichniß, das der Mensch durch treuen Dienst gegen Gott unversehrt in sich hätte bewahren sollen, mißachtet und lieber in Gold geformte Götzenbilder als Gott lieben und bewahren will.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Bilder Vorlage

Navigation
. Erstes Buch: Von der ...
. Zweites Buch: Die kano...
. Drittes Buch: Von dem ...
. Viertes Buch: Regeln ...
. Fünftes Buch: Von ...
. Sechstes Buch: Von ...
. Siebentes Buch: Von ...
. . 1. Einleitung.
. . 2. Verderblichkeit ...
. . 3. Ihrer Natur nach ...
. . 4. Ohne Gott zu beleid...
. . 5. Von den Fehlern, ...
. . 6. Einmal aufgenommen, ...
. . 7. Quellen und Folgen ...
. . 8. Die Habsucht verhindert ...
. . 9. Ein Mönch, der ...
. . 10. Von den schlimmen ...
. . 11. Um das Geld aufzub...
. . 12. Beispiel eines ...
. . 13. Die älteren Brüder ...
. . 14. Von der dreifachen ...
. . 15. Unterschied zwischen ...
. . 16. Mit welchem falschen ...
. . 17. Die Entsagung der ...
. . 18. Wollen wir die ...
. . 19. Ein Wort des heiligen ...
. . Mehr
. Achtes Buch: Von dem ...
. Neuntes Buch: Von dem ...
. Zehntes Buch: Von dem ...
. Elftes Buch: Von dem ...
. Zwölftes Buch: Von ...

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger