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Cassian († 430/35) - Von den Einrichtungen der Klöster (De institutis coenobiorum et de octo principalium vitiorum remediis)
Fünftes Buch: Von dem Geiste der Unmäßigkeit.

5. Nicht Alle können eine einheitliche Fastenordnung beobachten.

Was das Fasten angeht, so kann nicht leicht eine [S. 100] gleichförmige Regel in Anwendung kommen, weil nicht Alle dieselbe Körperkraft besitzen und die Tugend des Fastens nicht, wie die übrigen Tugenden, bloß durch die Strenge des Geistes erlangt wird. Und gerade weil das Fasten nicht lediglich in der geistigen Kraft wurzelt, sondern theilweise auch durch die Tauglichkeit des Körpers bedingt ist, haben wir nach der Ueberlieferung folgenden Begriff von demselben überkommen: Zeit, Maß und Beschaffenheit des Essens ist zwar verschieden nach der ungleichen Körperbeschaffenbeit, nach Alter und Geschlecht; was jedoch die geistige Enthaltsamkeit und die innere Tugend angebt, so besteht für Alle nur eine Regel der Abtödtung. Denn nicht Alle vermögen eine ganze Woche zu fasten, ja noch nicht einmal zwei oder drei Tage sich der Speise zu enthalten. Viele, durch Krankheit und besonders durch Altersschwäche entkräftet, können nicht einmal bis Sonnenuntergang ohne große Beschwerde das Fasten einhalten. Nicht Alle können den Genuß kraftloser (bloß) eingeweichter Gemüse ertragen, nicht Allen ist der spärliche Genuß von bloßem Kohl zuträglich, und nicht Alle dürfen sich den kärglichen Genuß von trockenem Brode auferlegen. Der Eine fühlt nach dem Genusse von zwei Pfund keine Sättigung, der Andere ist vollständig satt, wenn er ein Pfund oder gar nur sechs Unzen genossen hat; doch herrscht hier überall ein Ziel der Enthaltsamkeit, welches darin besteht, daß Keiner nach dem Maße dessen, was er zu fassen vermag, sich übersättige. Denn nicht nur die Beschaffenheit, sondern auch die Menge der Speisen stumpft das Herz ab und facht, wenn der Geist zugleich mit dem Leibe gleichsam fett wird, den schädlichen Zündstoff der Sünde an.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger