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Cassian († 430/35) - Von den Einrichtungen der Klöster (De institutis coenobiorum et de octo principalium vitiorum remediis)
Fünftes Buch: Von dem Geiste der Unmäßigkeit.

30. Des Abtes Machetes Vorschrift, über Niemanden zu urtheilen.

Als dieser Greis die Lehre vortrug, daß wir Niemanden richten sollten, sagte er, drei Stücke habe er mit den Brüdern besprochen oder vielmehr an ihnen getadelt: weil sie sich das Zäpfchen1 abschneiden ließen, weil sie in den Zellen ein Tuch hätten, und weil sie Öl segneten und es den Weltleuten auf Verlangen gäben. Dieß alles sei ihm, wie er sagte, hernach selbst widerfahren. Denn als ich, so erzählte er, an der Entzündung des Zäpfchens litt, welkte ich in Folge dieses Leidens so lange hin, bis ich sowohl vom Schmerze überwältigt, als durch die Aufforderung aller Obern gedrängt, es abschneiden ließ. In Folge dieser Krankheit war ich auch genöthigt, ein Tuch zu tragen. Auch mußte [S. 123] ich Öl segnen und es den Leuten, die darum baten, reichen, was ich über Alles verwünschte, da es nach meiner Ueberzeugung von großer Vermessenheit herrührte. Ich sah mich indessen plötzlich von vielen Weltleuten umgeben, die mich so gefangen hielten, daß ich auf keine Weise entrinnen konnte, bis sie mich mit Gewalt und Bitten dazu vermochten, auf das dargereichte Gefäß mit Öl das Kreuzzeichen zu machen und meine Hand zu legen. Im Glauben nun, geweihtes Oel empfangen zu haben, ließen sie mich endlich los. Durch diese Vorfälle wurde mir klar, daß ein Mönch in dieselben Händel und Fehler verwickelt wird, worüber er sich ein Urtheil an Anderen erlaubt. Es muß also ein Jeder nur sich selbst richten und umsichtig und vorsichtig auf sich Acht geben, nicht aber den Lebenswandel Anderer einer Kritik unterziehen nach dem Gebote des Apostels:2 „Du aber, was richtest du deinen Bruder? Seinem Herrn steht oder fällt er,“ und (nach des Heilandes3 Wort): „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet; denn mit welchem Gerichte ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden.“

Ausser der genannten Ursache ist es auch deßhalb gefährlich zu urtheilen, weil wir nicht die Noth oder den Grund kennen, der die Menschen in dem, worin wir sie fehlen sehen, vor Gott recht oder wenigstens verzeihlich handeln läßt. Deßhalb können wir als vermessene Richter befunden werden und so eine nicht geringe Sünde begehen, wenn wir etwas Unziemliches von unsern Brüdern denken.

1: Das Zäpfchen, ein in Form einer kleinen Säule am Ende des Gaumens hängendes Stückchen Fleisch, schwillt bei Entzündungen, die bei den Mönchen vielleicht von dem zu häufigen Genusse kalten Wassers herrührten, sehr stark an, wodurch es die Form einer Traube erhält und auch so von den Griechen (σταφυλή) [staphylē] und Lateinern (uva) genannt wurde.
2: Röm. 14, 4; vergl. I. Kor. 4, 5.
3: Matth. 7, 1.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger