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Cassian († 430/35) - Von den Einrichtungen der Klöster (De institutis coenobiorum et de octo principalium vitiorum remediis)
Fünftes Buch: Von dem Geiste der Unmäßigkeit.

14. Überwindung der Gaumenlust.

Zuerst also müssen wir die Gaumenlust niederkämpfen und den Geist nicht bloß durch Fasten, sondern auch durch Nachtwachen, Lesung und häufige Zerknirschung des Herzens gewissermaßen mürbe machen. Bei diesen Beschäftigungen gedenkt er vielleicht seiner Verhöhnung und Besiegung, seufzt bald vor Entsetzen über seine Sünden, bald verzehrt ihn die Sehnsucht nach Vollkommenheit und Reinheit, bis er, in [S. 108] derartige Sorgen und Betrachtungen ganz versenkt, in dem Genusse der Speisen nicht so sehr ein Zugeständniß an die angenehme Empfindung als eine ihm auferlegte Last erkennt und ihn mehr als ein dem Leibe geschuldetes Bedürfniß, denn als eine dem Geiste wünschenswerte Annehmlichkeit fühlt. Durch diese geistige Anstrengung und beständige Zerknirschung niedergehalten werden wir die Üppigkeit des Fleisches, das unter dem Einflusse der Speisen noch viel übermüthiger wird, sowie seine schädlichen Reize abstumpfen. Sie wird uns in den Stand setzen, den Feuerofen unseres Leibes durch reiche Thränen und vieles Weinen zu ersticken, den Feuerofen, zu dessen Heizung der König von Babylon die Gelegenheiten zur Sünde und die Leidenschaften herbeischafft, die uns heftiger als Naphta und Pech brennen. Schließlich jedoch wird dann durch Gottes Gnade die Frische des Thaues, den der heilige Geist in unsere Herzen träufelt, die Gluthen der fleischlichen Begierlichkeit vollends auslöschen.1 Das ist also unser erster Kampf; darin besteht gleichsam unsere erste Prüfung in den olympischen Wettkämpfen, daß wir die Begierde des Gaumens und Bauches durch das Verlangen nach Vollkommenheit ersticken. Deßhalb muß nicht nur das überflüssige Verlangen nach Speise durch die Betrachtung der Tugenden ertödtet, sondern auch selbst die nothwendigen Forderungen der Natur, gleichsam als seien sie unserer Reinheit feindlich, nicht ohne innere Bekümmerniß befriedigt werden. Und so müssen wir endlich unsern Lebenslauf einrichten, daß wir uns zu keiner Zeit von den geistigen Uebungen mehr abgezogen fühlen, als wann uns die körperliche Gebrechlichkeit zwingt, uns zur nothwendigen Sorge für den Leib zu bequemen. Wenn wir uns zur Befriedigung dieses [S. 109] nothwendigen Bedürfnisses herbeilassen, mehr den Anforderungen des Lebens als dem Wunsche des Geistes dienend, so müssen wir möglichst schnell uns von diesem Bedürfnisse loszumachen eilen, als von einer Sache, die uns von den heilsamen Beschäftigungen abzieht. Denn nimmer werden wir im Stande sein, das Vergnügen an den vorhandenen Speisen zu verachten, wenn nicht der in göttliche Betrachtung versenkte Geist eher an der Liebe zur Tugend und der Schönheit himmlischer Dinge seine Freude findet. Und so wird man alles Irdische als vergänglich verachten, wenn man auf das Unwandelbare und Ewige unverwandt den geistigen Blick gefesselt hält und, obwohl im Fleische wandelnd, die Glückseligkeit der künftigen Heimath durch die innere Beschauung schon genießt.

1: Der Verfasser spielt hier auf den von Nabuchodonosor König von Babylon, erbauten und zur Verbrennung Jener bestimmten Feuerofen an, welche der neu errichteten Baalsstatue die göttliche Verehrung verweigerten. Unter dem „Könige von Babylon“ versteht Cassian hier den Satan.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger