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Cassian († 430/35) - Von den Einrichtungen der Klöster (De institutis coenobiorum et de octo principalium vitiorum remediis)
Viertes Buch: Regeln für die Novizen.

24. Derselbe Abt Johannes begießt auf Befehl seines Obern ein dürres Holz, wie um es wieder zu beleben.

Auch diente der selige Johannes von seiner Jugend bis zu seinem Mannesalter seinem Obern, so lange er mit ihm verkehrte, und befolgte mit solcher Demuth dessen Befehle, daß sein Gehorsam selbst dem greisen Vorsteher die höchste Bewunderung abnöthigte. Letzterer wollte sich einmal genau davon überzeugen, ob diese seine Tugend wahrem Glauben und echter Herzenseinfalt entspringe oder mehr eine erheuchelte und gewissermaßen gezwungene sei und sich nur nach [S. 78] der Miene des Befehlenden richte. Er trug ihm deßbalb möglichst viele überflüssige und weniger nothwendige, ja selbst öfter unmögliche Handlungen auf. Nur drei seien hier angeführt, wodurch die wißbegierigen Leser von der Reinheit seiner Gesinnung und Unterwürfigkeit sich überzeugen können. Es nahm nämlich der Greis aus seinem Holzkasten ein ehemals abgehauenes und zum Herdfeuer bestimmtes Reis hervor. Da das Kochen zuweilen lange unterbleibt, so war dasselbe nicht bloß dürr, sondern wegen der Länge der Zeit fast verfault. Dieses steckte er vor des Johannes Augen in die Erde und befahl ihm, Wasser zu holen und das Reis täglich zweimal zu begießen, damit es durch die tägliche Bewässerung Wurzel schlage und, wieder zum Baume erstehend, durch seine ausgebreiteten Äste den Augen einen freundlichen Anblick und den bei glühender Sonnenhitze unter ihm Lagernden Schatten gewähre. Diesen Befehl nahm der Jüngling mit gewohnter Ehrfurcht ohne irgend welches Nachdenken über seine Unmöglichkeit auf und führte ihn alltäglich aus. Ununterbrochen trug er aus einer Entfernung von zwei Millien Wasser herbei und bewässerte das Holz. Das ganze Jahr hindurch konnte ihn weder Krankheit noch die Feier eines Festes noch eine nothwendige Beschäftigung, die ihn wegen der Unterlassung des Auftrages hätte entschuldigen können, noch endlich die eintretende Strenge des Winters an der Ausführung des Befehles hindern. Schweigend und heimlich vergewisserte sich der Greis jeden Tag dieses emsigen Eifers und sah, wie der junge Mann mit großer Herzenseinfalt seinen Auftrag, wie von Gott gegeben, ohne eine Miene zu verziehen, ohne ihn mit Vernunftgründen zu erwägen, ausführte. So hatte er Gelegenheit, seinen aufrichtigen und demüthigen Gehorsam zu erproben; doch bemitleidete er ihn auch wegen seiner so langen Mühe, die er ein ganzes Jahr auf die Uebung der Demuth verwandt hatte, trat an das dürre Reis und sagte: „Nun, Johannes, hat der Baum Wurzeln angesetzt oder nicht?“ Auf die Antwort, er wisse es nicht, ging der Greis, als ob er die Wahrheit seiner Aussage erforschen und nachsehen wolle, ob das Reis [S. 79] schon Wurzeln habe, zu demselben hin und riß es in Johannes’ Gegenwart mit geringer Anstrengung aus, warf es weg und befahl ihm, es in Zukunft nicht mehr zu begießen.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger