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Chrysostomus († 407) - Homilien über den Brief an die Hebräer

Vierunddreissigste Homilie.

I.

17. Gehorchet eueren Vorstehern und seid ihnen unterthan; denn sie wachen für euere Seelen als Solche, die Rechenschaft geben werden, damit sie Dieß mit Freude thun und nicht mit Seufzen; denn Das würde euch keinen Nutzen bringen.

Zwar überall ist der Mangel eines Vorstandes ein Übel und die Quelle vieler Mißstände, und der Anfang der Unordnung und Verwirrung, ganz besonders aber ist dieser Zustand in der Kirche um so gefährlicher, als ihre Herrschaft eine größere und erhabenere Bedeutung hat. Denn gleichwie der Chor, wenn du ihn seines Führers beraubst, sich nicht mehr im Tonschritt und in Ordnung befinden und die Truppen, wenn du dem Kriegsheere den Feldherrn entziehst, nicht in Reih’ und Glied verbleiben; und wenn du dem Schiffe den Steuermann wegnimmst, das Fahrzeug zum Versinken bringst: so überlieferst du auch, wenn du die Herde hirtenlos machst, Alles der Unordnung und dem Verderben. Ein Übel ist nun zwar der Mangel eines [S. 499] Vorstandes und die Grundlage der Verwirrung; ein nicht geringeres Übel ist aber auch der Ungehorsam der Untergebenen; denn da tritt nun wieder Dasselbe ein. Denn ein Volk, welches seinem Vorsteher nicht gehorcht, ist dem ähnlich, das keinen hat, vielleicht noch schlimmer; denn letzteres kann noch Verzeihung seiner Unordnung finden, jenes aber nicht, sondern es empfängt Strafe. Aber vielleicht wendet da Jemand ein, es gebe noch ein drittes Übel, wenn nämlich der Vorsteher böse ist. Auch ich weiß es, daß Dieß kein geringes Übel, sondern noch viel schlimmer ist, als wenn gar kein Vorsteher da wäre; denn es ist besser von keinem, als von einem solchen, der böse ist, geführt zu werden; denn wer ohne Führer geht, bleibt zuweilen unversehrt, manchmal kommt auch er in Gefahr; wer aber einem bösen Führer folgt, läuft ganz und gar Gefahr, denn er geht dem Verderben entgegen. Wie sagt nun Paulus: Gehorchet eueren Vorstehern und seid ihnen unterthan? Nachdem er oben gesprochen: Sehet auf den Ausgang ihres Wandels und folget ihrem Glauben nach, sagt er nun: Gehorchet eueren Vorstehern und seid ihnen unterthan. Wie verhält es sich nun? Sollen wir ihm keinen Gehorsam leisten, wenn er böse ist? In welchem Sinne nennst du ihn böse? Wenn du ihn des Glaubens wegen also heissest, so fliehe ihn und weiche zurück, nicht nur wenn er ein Mensch ist, sondern auch, wenn er ein Engel vom Himmel wäre; wenn du ihn aber seines Wandels wegen also nennest, so kümmere dich nicht um fremde Angelegenheiten. Und diese Vorschrift gebe ich nicht aus mir, sondern aus der heiligen Schrift; denn höre, was Christus sagt: „Auf dem Stuhle des Moses sitzen die Schriftgelehrten und Pharisäer.“1 Nachdem er vorher manches [S. 500] gar Schlimme in Betreff ihrer gesprochen, sagt er: Auf dem Stuhle des Moses sitzen die Schriftgelehrten und Pharisäer. Darum haltet und thut Alles, was sie euch sagen; nach ihren Werken aber sollet ihr nicht thun. Sie haben, will er sagen, die Würde, aber ihr Wandel ist lasterhaft. Allein nicht auf ihren Lebenswandel, sondern auf ihre Worte gebet Acht; denn ihrer Sitten wegen kann wohl Niemand Schaden leiden. Warum? Weil diese Allen bekannt sind, und Keiner, wenn er auch noch so lasterhaft wäre, jemals das Böse lehren wird. Bezüglich des Glaubens aber ist die Sache nicht Allen so klar, und wird der Böse ohne Scheu (seine Irrthümer) lehren. Sind ja auch die Worte: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet,“2 nicht in Betreff des Glaubens, sondern des Wandels gesprochen, was aus dem Folgenden ersichtlich ist: „Was siehst du aber den Splitter in dem Auge deines Bruders, und den Balken in deinem Auge siehst du nicht?“3 Darum haltet und thut Alles, was sie euch sagen, (das Thun aber bezieht sich auf die Werke, nicht auf den Glauben), nach ihren Werken aber sollet ihr nicht thun. Siehst du, daß nicht von den Glaubenslehren die Rede ist, sondern vom Wandel und den Werken? Aber Paulus hat sie zuerst unterrichtet, und dann sagt er: Gehorchet eueren Vorstehern und seid ihnen unterthan; denn sie wachen für euere Seelen als Solche, die Rechenschaft geben werden. Aber nicht allein die Untergebenen, sondern auch die Vorsteher sollen es hören, daß, sowie die Untergebenen gehorchen müssen, so der Vorsteher die Pflicht der Wachsamkeit und der Nüchternheit habe. Was sagst du? Erwacht; sein eigen Haupt steht in Gefahr; er verfällt der Strafe [S. 501] wegen deiner Sünden; durch dich schmachtet er in so großer Furcht, - und du willst nachlässig, eigensinnig, dummstolz und ungehorsam sein? Darum setzt er die Worte bei: damit sie Dieß mit Freude thun und nicht mit Seufzen; denn Das würde euch keinen Nutzen bringen. Siehst du, daß der Obere, der verachtet wird, sich nicht zu rächen braucht. sondern daß die größte Rache im Weinen und Seufzen liegt? Und natürlich; denn auch der Arzt, welcher vom Kranken verächtlich behandelt wird, soll sich nicht rächen, sondern weinen und aufseufzen; so daß, wenn der Obere seufzt, sich Gott an dir rächt. Denn wenn wir durch Seufzen über unsere Sünden Gott für uns gewinnen, wird Dieß nicht noch mehr der Fall sein, wenn wir über die Verwegenheit und Verachtung Anderer seufzen? Siehst du, daß Gott ihn nicht kühn auftreten läßt? Siehst du, welch’ tiefe Weisheit Das ist? Seufzen muß, wer verachtet, wer mit Füßen getreten, wer angespuckt wird. Hege ja keine dreiste Zuversicht, daß er sich an dir nicht räche; denn das Seufzen ist schlimmer als jegliche Rache. Denn wenn sein Seufzen Nichts ausrichtet, so ruft er den Herrn. Und wie bei der Widerspenstigkeit eines Knaben, der auf seinen Lehrer und Erzieher nicht hört, Jemand gerufen wird, welcher schärfer auf ihn losgeht, - so verhält es sich auch hier. Ha, welche Gefahr! Was soll man wohl zu den Elenden sagen, welche sich selbst in einen solchen Abgrund von Strafen stürzen? Über Alle, sowohl Weiber als Männer und Kinder, deren Oberer du bist, mußt du Rechenschaft geben. Einem solchen Feuer unterlegst du dein Haupt. Es wundert mich, wenn noch irgend ein Vorsteher4 gerettet werden kann, da ich bei einer solchen Drohung und der gegenwärtigen Verkommenheit [S. 502] doch noch Manche herbeilaufen und sich selbst in eine solche Wucht der Verwaltung hineinstürzen sehe. Denn wenn Diejenigen, welche dem Zwange nachgaben, keine Entschuldigung und keine Verzeihung finden, falls sie ihr Amt schlecht verwalten und nachlässig sind, - wie ja auch Aaron sich der Nöthigung fügte und in Gefahr kam, und Moses wieder Gefahr lief, obgleich er den Ruf wiederholt ausgeschlagen hatte, und Saul, der mit Widerstreben eine andere Herrschaft überkommen hatte, entging der Gefahr nicht, weil er seiner Pflicht untreu geworden: - um wie viel mehr wird das bei Jenen der Fall sein, die sich hinzudrängen und sich selbst hineinstürzen? Wer Das thut, macht sich noch weit eher jeglicher Verzeihung verlustig. Denn beben muß man und zittern, sowohl des Gewissens, als auch der furchtbaren Last der Verwaltung wegen; welche aber einmal herangezogen werden, dürfen sich nicht entziehen, noch dürfen Diejenigen, welche nicht gezwungen werden, die Last sich selber aufladen, sondern sollen sogar im Hinblicke auf die Würde und Bürde fliehen; festgehalten aber gebietet die Pflicht wiederum, sich geduldig zu fügen. Nichts geschehe ohne Mäßigung, Alles nach Gebühr. Kannst du den Ruf vorher ahnen, so weiche zurück, indem du die Überzeugung von deiner Unwürdigkeit zu gewinnen suchest; wirst du aber wieder ergriffen, so erweise dich fügsam und zeige in jeder Hinsicht eine edle Gesinnung.

18. Betet, sagt er, für uns; wir vertrauen wohl, ein gutes Gewissen zuhaben, indem wir bei Allen einen guten Wandel führen wollen.

1: Mt 23,2.3
2: Mt 7,1
3: Mt 7,3
4: Chrysostomus redet hier vorzugsweise von den Kirchenvorstehern, d.h. den Bischöfen, Aebten u.s.w.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger