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Chrysostomus († 407) - Homilien über den Brief an die Hebräer
Dreiundreissigste Homilie.

IV.

Du siehst also, daß wir theilhaftig wurden des Blutes, das in’s Heiligthum, ja in’s wahre Heiligthum getragen wurde; theilhaftig des Opfers, wovon nur der Hohenpriester genoß. Wir sind also Theilhaber an der Wahrheit. Wenn wir daher nicht an der Schmach, sondern an der Heiligung Antheil nehmen, so ist die Schmach die Ursache der Heiligung; denn wie er, so haben auch wir Schmach erduldet. Wenn wir also hinausgegangen sein werden, sind wir seine Genossen. Was besagen also die Worte: Lasset uns hinausgehen zu ihm? Seien wir Theilnehmer an seinen Leiden, tragen wir seine Schmach; denn nicht ohne Grund hat er ausserhalb des Thores gelitten, sondern damit auch wir sein Kreuz nehmen, und ausserhalb der Welt verweilen und daselbst zu verbleiben uns beeifern sollen. Wie also Jener wie ein Verurtheilter Schmach erfuhr, so auch wir. - Durch ihn lasset uns Gott das Opfer darbringen. Welches Opfer meint er? Er selbst hat die Erklärung in den Worten gegeben: Die Frucht der Lippen, welche seinen Namen bekennen, d.h. Bitten, Lobgesänge, Danksagung; denn diese sind die Frucht der Lippen. Jene opferten Schafe, Kälber und gaben sie dem Priester; wir aber wollen Nichts von Diesem, sondern Danksagung zum Opfer bringen, und in Allem, soweit es geschehen kann, die Nachahmung Christi; Dieß sollen unsere Lippen hervorbringen. - Aber wohlzuthun und [S. 494] mitzutheilen vergesset nicht; denn solche Opfer gefallen Gott. Übergeben wir ihm, sagt er, ein solches Opfer, damit er es vor den Vater bringe; denn anders wird es nicht dargebracht, als nur durch den Sohn, oder vielmehr durch ein zerknirschtes Herz. Dieß alles aber hat er wegen der Schwäche der Zuhörer auf diese Weise ausgesprochen, indem es offenbar die Gnade des Sohnes ist; denn wo wäre sonst die gleiche Ehre? „Damit Alle“, heißt es, „den Sohn ehren, wie sie den Vater ehren.“1 Wenn, da der Vater Ehre empfängt, der Sohn nicht mitgeehrt wird, wo ist da die gleiche Ehre? Da nun die Frucht der Lippen, welche seinen Namen bekennen, darin besteht, daß wir ihm für Alles, auch für Das, was er für uns gelitten hat, Dank wissen; - so wollen wir Alles, sei es nun Armuth, Krankheit oder was immer, mit freudigem Gemüthe ertragen; denn er weiß allein, was uns zuträglich ist: „Um was wir beten sollen,“ heißt es, „wie sich’s gebührt, wissen wir nicht.“2 Wenn wir nun nicht einmal wissen, um was wir beten sollen, falls wir nicht den heiligen Geist empfangen haben: wie sollten wir nun erkennen, was uns wahrhaft frommt? Bemühen wir uns daher, für Alles Dank darzubringen, und wir werden mit muthiger Entschlossenheit Alles, was uns zustößt, ertragen. Seien wir nun in Armuth, seien wir in Krankheit, wir werden danksagen; mögen wir verleumdet werden, wir werden danksagen; mögen wir Leiden erdulden, wir werden danksagen; denn Das bringt uns Gott nahe, und wir haben alsdann Gott zum Schuldner. Wenn wir aber im Glücke leben, dann sind wir Gottes Schuldner und ihm verpflichtet, und oft gereicht uns Dieß zum Gerichte, Jenes aber zur Tilgung unserer Sünden. Jenes erwirkt uns Barmherzigkeit und Schonung, Dieses aber flößt kühnen Stolz [S. 495] ein, führt zu sinnlicher Erschlaffung und erzeugt hochfahrende Gedanken in Betreff der eigenen Person, und schwächt unsere Kraft. Darum sagt auch der Prophet: „Gut ist es mir, daß ich gedemüthigt wurde, damit ich lerne deine Satzungen.“3 Da Ezechias Glück genoß und von seinen Übeln befreit worden war, da erhob sich sein Herz stolz in die Höhe; als ihn aber eine Krankheit befiel, gewann er Demuth und näherte sich Gott. „Wenn er,“ heißt es, „den Tod unter sie schickte, so suchten sie ihn und kehrten um, und kamen frühzeitig zu ihm.“4 Und wieder: „Aber der Liebling ward fett und schlug aus, er verließ Gott, seinen Schöpfer;“5 denn der Herr wird im Gerichte erkannt. Ein großes Gut ist die Trübsal. Eng ist der Weg; die Trübsal drängt uns auf demselben voran, so daß, wer nicht heimgesucht wird, auf demselben nicht wandeln kann. Denn wer auf dem schmalen Wege sich selbst Beschwerde bereitet, der ist es auch, welcher Ruhe genießt; wer sich aber in behaglicher Ruhe gefällt, wird nicht dahingelangen, und von der Trübsal so zu sagen eingekeilt. Höre, wie Paulus diesen schmalen Weg betreten hat: „Ich züchtige meinen Leib,“ sagt er, „und bringe ihn in die Dienstbarkeit.“6 Er züchtigte seinen Leib, um auf demselben (Wege) wandeln zu können; darum brachte er auch in allen Trübsalen Gott unaufhörlich seine Danksagung dar. Hast du Geldverlust gehabt? Das verschaffte dir eine große Erleichterung. Hast du deinen Ruhm verloren? Das ist eine zweite Erleichterung. Bist du verleumdet worden? Fand Das Glauben, was man gegen dich aussagte, und erkanntest du dich dessen für unschuldig? Freue dich und frohlocke; „denn selig,“ heißt es, „seid ihr, wenn euch die Menschen schmähen und verfolgen, und alles Böse mit Unwahrheit wider euch reden um meinetwillen. Freuet euch und frohlocket, denn euer Lohn ist groß im Himmel.“7 [S. 496] Was wunderst du dich, wenn du Betrübniß hast, und von den Versuchungen befreit werden willst? Paulus wollte davon erlöst werden und rief oft zum Herrn, aber er fand keine Erhörung; das Wörtchen dreimal bedeutet so viel wie oft: „Um deßwillen,“ sagt er, „habe ich dreimal den Herrn gebeten, daß er von mir weiche. Er aber sprach zu mir: es genügt dir meine Gnade; denn die Kraft wird in der Schwachheit vollkommen.“8 Schwachheit nennt er hier die Trübsale. Was geschah nun? Nachdem er diese Worte gehört, ertrug er Alles mit dankbarem Gemüthe, und spricht: „Darum habe ich Wohlgefallen an meinen Schwachheiten“9, d. h. ich habe Gefallen an den Trübsalen und ruhe darin aus. Für Alles wollen wir also Dank sagen, sowohl für Ruhe als für Bedrängniß; wir wollen nicht murren, wollen nicht undankbar sein. Sprich auch du: „Nackt bin ich aus dem Schooße meiner Mutter gekommen, nackt werde ich auch wieder hinscheiden.“10 Du bist nicht im Ruhme von dorther gekommen, suche auch keinen Ruhm. Nackt, nicht nur in Bezug auf Reichthümer, sondern auch in Bezug auf Ehre und Ruhm bist du in dieses Leben eingetreten. Erwäge, wie vieler Übel Quelle oft Reichthümer waren, oder vielmehr, was Christus spricht: „Es ist leichter,“ sagt er, „daß ein Kameel durch ein Nadelöhr gehe, als daß ein Reicher in das Himmelreich eingehe.“11 Siehst du, wie vieler Güter Hinderniß der Reichthum ist; und du willst reich werden? und du freust dich nicht, daß du in Armuth lebst und das Hemmniß vernichtet ist? So schmal ist der Weg, der zum Himmelreich führt, und so breit der Reichthum und so voll Schwulst und Dunst! Darum heißt es auch: „Verkaufe, was du hast“12, damit jener Weg dich aufnehme. Warum hast du Verlangen nach Geld? Darum hat dir Gott dasselbe entzogen, um dich von der Knechtschaft zu befreien, wie ja auch die rechtmäßigen Väter, [S. 497] wenn ihr Sohn von irgend einer Buhlerin verführt worden ist und sie durch wiederholte Mahnungen denselben nicht bestimmen können, von ihr abzulassen, die Buhlerin über die Gränze schaffen. So verhält es sich auch mit dem Überflusse an Reichthümern. Indem also der Herr für uns Sorge trägt, und uns von dem Schaden, der von dorther uns droht, befreien will, entzieht er uns die Glücksgüter. Wähnen wir daher nicht, daß die Armuth ein Übel sei; die Sünde allein ist ein Übel; denn der Reichthum ist an sich kein Gut; ein solches ist nur das Wohlgefallen Gottes. Die Armuth wollen wir deßhalb suchen, ihr wollen wir nachstreben. Auf diese Weise werden wir den Himmel erlangen und in den Besitz der himmlischen Güter kommen, deren wir alle theilhaftig werden mögen durch die Gnade und Menschenfreundlichkeit unseres Herrn Jesus Christus, welchem mit dem Vater und dem heiligen Geiste sei Ruhm, Macht und Ehre jetzt und alle Zeit und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen. [S. 498]

1: Joh 5,23
2: Röm 8,26
3: Ps 118,71
4: Ps 77,34
5: Dtn 32,15
6: 1 Kor 9,27
7: Mt 5,11.12
8: 2 Kor 12,8.9
9: 2 Kor 12,10
10: Job 1,21
11: Mt 19,24
12: Mt 19,21

 

 

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Einleitung: Homilien über den Brief an die Hebräer
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger