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Chrysostomus († 407) - Homilien über den Brief an die Hebräer

Dreissigste Homilie.

I.

11 - 13. Jede Züchtigung aber scheint für die Gegenwart nicht zur Freude zu sein, sondern zur Trauer; in der Folge aber bringt sie Denen, welche durch sie geübt wurden, friedenreiche Früchte der Gerechtigkeit. Darum richtet wieder auf die erschlafften Hände und die wankenden Kniee, und machet gerade Tritte mit eueren Füßen, damit nicht Jemand hinke und abgleite, sondern vielmehr geheilt werde.

Diejenigen, welche bittere Arzneien einnehmen, haben Anfangs eine gewisse Abneigung dagegen, dann aber merken sie deren Zuträglichkeit. Ähnlich verhält es sich mit der Tugend; und ebenso mit dem Laster: hier ist zuerst Wonne, dann Trauer, dort zuerst Unbehagen, dann Freude. Aber es besteht keine volle Gleichheit; denn Das ist wohl von einander verschieden, zuerst Leid, dann Freude, und zuerst [S. 446] Freude, dann Leid zu haben. Wie so? Hier verringert die Furcht vor der zukünftigen Trauer das gegenwärtige Vergnügen, dort aber mildert die Hoffnung auf die dereinstige Freude die Heftigkeit des gegenwärtigen Schmerzes, so daß in dem einen Falle niemals Vergnügen, in dem andern niemals Schmerz stattfindet. Allein nicht nur in dieser, sondern auch in einer andern Beziehung zeigt sich ein Unterschied. Wie denn? Auch in Betreff der Zeit besteht keine Gleichheit; denn die geistigen Freuden sind nicht nur größer, sondern auch andauernder. Von diesem Gesichtspunkte aus versucht nun Paulus seinem Troste Eingang zu verschaffen, und stützt sich wieder auf das allgemeine Urtheil, dem Niemand widerstehen, und die gemeinsame Stimme, mit der Niemand in Widerstreit treten kann. Denn wenn Einer Etwas sagt, worüber Alle einig sind, so stimmen Alle bei und Keiner widerspricht. Ihr trauert, sagt er; und Das ist der Vernunft gemäß; denn so ist die Zucht beschaffen, und einen solchen Anfang hat sie, weßhalb er auch also weiter fortfährt: „Jede Züchtigung aber scheint für die Gegenwart nicht zur Freude zu sein, sondern zur Trauer.“ Schön sagt er: „scheint ... nicht;“ denn die Züchtigung ist nicht zur Trauer, sondern scheint es nur zu sein, und nicht diese, jene aber nicht, sondern jede: „Denn jede Züchtigung scheint nicht zur Freude, sondern zur Trauer zu sein,“ d. h. sowohl die menschliche, als auch die geistige. Siehst du, daß er nach den gemeinsamen Begriffen den Kampf führt? Sie scheint, sagt er, zur Trauer zu sein, so daß sie es noch nicht wirklich ist; denn welche Trauer erzeugt Freude? keine; so wie auch Vergnügen keine Trauer bewirkt: „in der Folge aber bringt sie Denen, die durch sie geübt wurden, friedenreiche Früchte der Gerechtigkeit.“ Er sagt nicht Frucht, sondern Früchte, um die große Menge anzuzeigen. „Denen, die durch sie geübt wurden.“ Was heißt Das: „Denen, die durch [S. 447] sie geübt wurden“? Die lange Zeit ausgeharrt und geduldet haben. Siehst du, wie er sich auch eines treffenden Ausdruckes bedient hat? Eine Übung also ist die Züchtigung, welche den Körper stark macht, und unüberwindlich im Wettkampfe und unbesiegbar im Kriege. Ist daher jede Zucht also beschaffen, dann wird auch diese nicht anders sein, so daß also herrliche Güter in Aussicht stehen, und ein süßes, friedenreiches Ende. Und darüber wundere dich nicht, daß sie, obgleich sie rauh ist, süße Früchte hat, da ja auch bei Bäumen die Rinde fast ohne alle Eigenschaften und rauh ist, die Früchte aber süß sind. Dieß ist in der allgemeinen Erfahrung begründet. Wenn daher Solches in Aussicht steht, was trauert ihr denn? Warum verfallet ihr, da ihr Widerwärtigkeiten erduldet habt, in Betreff der Güter in Erschlaffung? Die Bitterkeiten, die zu ertragen waren, habt ihr standhaft ertragen; werdet daher auch hinsichtlich der Vergeltung nicht fahrlässig: „Darum richtet wieder auf die erschlafften Hände und die wankenden Kniee, und machet gerade Tritte mit eueren Füßen, damit nicht Jemand hinke und abgleite, sondern vielmehr geheilt werde.“ Er spricht zu ihnen wie zu Wettrennern und Faustkämpfern und Streitern. Siehst du, wie er sie bewaffnet, wie er sie emporhebt? Er spricht diese Worte in Bezug auf ihre Gesinnungen. Machet, sagt er, gerade Tritte, d.h. keine unsicheren; denn wenn die Züchtigung aus der Liebe stammt, wenn sie aus der Fürsorge ihr Entstehen hat, - was Paulus aus Thatsachen, aus Worten und aus Allem beweist, - warum erschlaffet ihr denn? Denn so machen es Diejenigen, welche verzweifeln und durch keine Hoffnung auf die zukünftigen Güter gestärkt werden. Machet, sagt er, gerade Tritte, damit die Lahmheit nicht fortbestehe, sondern der frühere Zustand wieder eintrete; denn wer mit einer Lähmung läuft, macht das Übel noch ärger. Siehst du, daß die volle Heilung in unserer Macht liegt? [S. 448]

14. Strebet nach Frieden mit Allen und nach Heiligung, ohne welche Niemand Gott schauen wird.

Was er oben sagte: „indem wir nicht verlassen unsere Versammlung,“1 Das deutet er auch hier an. Denn Nichts trägt in den Versuchungen so sehr dazu bei, daß man leicht besiegt und bezwungen wird, als wenn man getrennt dasteht. Und betrachte, wie? Trenne im Kriege die Schlachtreihe, und die Feinde werden keine Anstrengung mehr nothwendig haben, sondern sie werden Diejenigen, welche sie vereinzelt und dadurch zum Widerstande weniger fähig gefunden haben, binden und abführen. „Strebet nach Frieden mit Allen,“ sagt er. Also auch mit Denjenigen, welche Böses thun. Dieß sagt er auch an einer andern Stelle: „Wenn es möglich ist, so habet, so viel an euch liegt, Frieden mit allen Menschen.“2 Deinestheils, sagt er, halte Frieden und verletze die Liebe nicht, und ertrage deine Leiden mit Muth; denn in den Versuchungen ist die Geduld eine gewaltige Waffe. So stärkte auch Christus seine Jünger, indem er spricht: „Siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter Wölfe. Seid daher klug wie die Schlangen, und einfältig wie die Tauben.“3 Was sagst du? Mitten unter Wölfen sind wir, und du befiehlst uns, wie Schafe und Tauben zu sein? Allerdings, sagt er; denn Nichts beschämt Den, welcher uns Böses zufügt, so, als wenn wir die erlittenen Unbilden standhaft ertragen, und uns weder durch Worte noch durch Handlungen rächen. Dadurch gewinnen wir selbst an Weisheit, und bereiten uns Lohn und jenem Nutzen. Aber Jener hat dir Schmach zugefügt? Du aber segne ihn. Erwäge, wie viele Vortheile dir daraus erwachsen: das Böse hast du vernichtet, [S. 449] dir selbst Lohn bereitet, Jenen beschämt, und es ist dir nichts Schlimmes begegnet: „Strebet nach Frieden mit Allen und nach Heiligung!“ Was nennt er Heiligung? Die Mäßigung und die Ehrbarkeit im Ehestande. Ist Jemand unverehelicht, so lebe er enthaltsam, oder heirathe; lebt Jemand im Ehestande, so werde er kein Ehebrecher, sondern lebe mit seinem eigenen Weibe; denn auch Das gehört zur Heiligung. Wie denn? Die Ehe ist nicht die Heiligung, sondern die Ehe bewahrt die Heiligung, die aus dem Glauben kommt, und schützt vor dem Umgang mit einer Hure. Denn die Ehe ist ehrenhaft, nicht heilig; die Ehe ist rein, aber sie verleiht nicht die Heiligung, sondern verhindert nur, daß die vom Glauben gegebene Heiligung nicht befleckt werde: „Ohne welche Niemand Gott schauen wird.“ Dasselbe sagt er auch im Briefe an die Korinther: „Täuschet euch nicht. Weder Hurer, noch Götzendiener, nach Knabenschänder, noch Geizige, noch Diebe, noch Säufer, noch Lästerer, noch Räuber werden das Reich Gottes besitzen.“4 Denn wie kann Der, welcher einer Hure Leib geworden ist, Christi Leib sein?

15. 16. Sehet zu, daß Keiner die Gnade Gottes versäume, damit keine bittere Wurzel aufwachse und hinderlich sei, und dadurch Viele verunreiniget werden; daß nicht Jemand ein Unzüchtiger oder Verächter des Heiligen sei:

1: Hebr 10,25
2: Röm 12,18
3: Mt 10,16
4: 1 Kor 6,9.10

 

 

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Einleitung: Homilien über den Brief an die Hebräer
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger