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Chrysostomus († 407) - Homilien über den Brief an die Hebräer

Neunundzwanzigste Homilie.

I.

4. - 7. Noch habt ihr nicht bis auf’s Blut widerstanden im Kampfe wider die Sünde. Und ihr habt vergessen den Trost, der zu euch als zu Kindern redet, da er spricht: Mein Sohn, achte nicht gering die Züchtigung des Herrn, und verzage nicht, wenn du von ihm gestraft wirst. Denn wen der Herr lieb hat, den züchtiget er; er schlägt jedes Kind, das er aufnimmt. Haltet aus unter der Züchtigung; Gott verfährt mit euch, wie mit seinen Kindern; denn wo ist ein Kind, das der Vater nicht züchtiget?

Es gibt zwei Arten des Trostes, welche sich einander zu widersprechen scheinen, sich aber gegenseitig große Kraft verleihen, und beide hat er hier angebracht. Die eine findet statt, wenn wir sagen, daß Jemand viele Leiden erduldet habe; denn die Seele athmet in erquicklicher Ruhe auf, wenn sie viele Zeugen ihrer Leiden hat. In dieser Weise hat er sich oben ausgesprochen, wo er sagte: „Erinnert euch [S. 434] aber der vorigen Tage, in welchen ihr nach euerer Erleuchtung einen schweren Kampf der Leiden bestandet.“1 Die andere Art findet Anwendung, wenn wir sagen: Du hast nichts Besonderes gelitten; denn durch diese Worte werden wir angeregt und gespornt, und schreiten muthiger allen Leiden entgegen. Jene Weise zu trösten läßt die erschöpfte Seele ausruhen und aufathmen, diese aber führt die lässig gewordene und niedergebeugte zur reuigen Rückkehr und schlägt den Stolz nieder. Damit nun durch jenes Zeugniß in ihnen kein Stolz erzeugt werde, siehe, was er thut: „Noch habt ihr nicht bis auf’s Blut widerstanden im Kampfe wider die Sünde, und ihr habt vergessen den Trost“ ... Und er fügt nicht sogleich das Folgende bei, sondern, nachdem er ihnen alle Diejenigen gezeigt, die bis auf’s Blut widerstanden, und darnach gesagt hatte, daß die Leiden eine Verherrlichung Christi seien, geht er rasch weiter. Dasselbe hat er auch den Korinthern in den Worten geschrieben: „Lasset euch von keiner Versuchung ergreifen, als von einer menschlichen,“2 d. i. von einer leichten. Denn der Gedanke, daß sie noch nicht bis zur Vollendung emporgestiegen, und die aus den gewonnenen Erfolgen gebildete Überzeugung sind ganz geeignet, die Seele anzuregen und aus der rechten Bahn zu erhalten. Er will aber damit Folgendes sagen: Ihr habt noch nicht den Tod ausgestanden; euer Verlust erstreckt sich nur bis zum Gelde, bis zur Ehre, bis zur Verbannung; Christus aber hat für uns sein Blut vergossen, ihr jedoch nicht einmal für euch selber. Er hat bis zum Tode im Interesse der Wahrheit gestritten, für euch gekämpft; ihr aber seid nicht einmal bis zu toddrohenden Gefahren gekommen: „Und ihr habt vergessen den Trost,“ d. h. ihr habt die Hände sinken lassen, ihr seid träge geworden: „Noch habt ihr nicht,“ sagt er, „bis auf’s Blut widerstanden im Kampfe [S. 435] gegen die Sünde.“ Hier zeigt er sowohl, daß die Sünde gewaltige Kraftanstrengungen mache, als auch, daß sie Waffen habe; denn die Worte: „ihr habt widerstanden“ sind zu Denen gesprochen, welche feststehen. Der zu euch als zu Kindern redet, da er spricht: „Mein Sohn, achte nicht gering die Züchtigung des Herrn, und verzage nicht, wenn du von ihm gestraft wirst.“ Er hat ihnen aus den Thatsachen Trost bereitet, zum Überflusse tröstet er sie auch in Worten durch dieses Zeugniß. „Und verzage nicht, wenn du von ihm gestraft wirst.“ Das kommt von Gott; und Dieß ist kein geringer Trost, da wir lernen, daß es Gottes Werk ist, wenn Solches geschieht, indem er es zuläßt. So sagt auch Paulus: „Um deßwillen habe ich drei Mal den Herrn gebeten; er aber sprach: es genügt dir meine Gnade, denn die Kraft wird in der Schwachheit vollkommen,“ so daß Jener es ist, der Solches zuläßt; „denn wen der Herr lieb hat, den züchtiget er; er schlägt jedes Kind, das er aufnimmt.“ Du kannst nicht behaupten, will er sagen, daß irgend ein Gerechter ohne Trübsal sei; denn mag es auch so scheinen, wir sind mit den Leiden anderer Menschen nicht bekannt; darum ist es nothwendig, daß jeder Gerechte durch Trübsal hindurchgehe. Denn es ist der Ausspruch Christi, daß der breite und ebene Weg in’s Verderben, der enge und schmale aber zum Leben führt. Wenn man daher auf diesem in’s Leben eingehen, von anderswoher aber nicht dahin gelangen kann, so sind auf dem schmalen Alle gewandelt, die das ewige Leben erhalten haben: „Haltet aus,“ sagt er, „unter der Züchtigung; Gott verfährt mit euch, wie mit seinen Kindern; denn wo ist ein Kind, das der Vater nicht züchtiget?“ Wenn er züchtiget, geschieht es also zur Besserung, nicht zur Strafe, noch auch aus Rache oder um Übles zuzufügen. Siehe, was ihnen die Meinung beibrachte, sie seien verlassen, daraus, sagt er, sollten sie die Überzeugung gewinnen, daß sie nicht verlassen seien; wie wenn er sagte: [S. 436] Glaubt ihr, da ihr so viele Übel erduldet habt, daß euch Gott verlassen habe und er euch hasse? Wenn ihr keine Leiden hättet, dann müßtet ihr diesen Argwohn haben. Denn wenn er jeden Sohn, den er liebt, züchtigt, so ist der, welcher ohne Züchtigung bleibt, wohl nicht sein Sohn. Wie, sagt man, verhält es sich nun? Haben denn die Bösen keine Leiden? Freilich haben sie solche; denn wie könnte es anders sein? Aber er hat nicht gesagt: „Jeder, der gezüchtiget wird, ist ein Sohn,“ sondern „jeder Sohn wird gezüchtigt.“ Du wirst aber wohl nicht sagen können: „Der Gezüchtigten sind Viele, auch Böse, wie z. B. Mörder, Räuber, Betrüger, Gräberplünderer;“ denn diese büßen ihre eigenen Frevelthaten und werden nicht wie Söhne gezüchtigt, sondern werden wie Verbrecher gestraft, ihr aber wie Söhne. Siehst du, wie er von allen Seiten die Beweisgründe herholt: aus den Thatsachen, die in der Schrift erzählt werden, aus den Worten derselben, aus den selbsteigenen Betrachtungen und aus den Beispielen, die im Leben vorkommen? Darnach wiederum von der gemeinsamen Gewohnheit:

8. Wenn ihr ohne Züchtigung wäret, deren Alle theilhaftig geworden, so waret ihr unechte Kinder und keine Söhne.

1: Hebr 10,32
2: 1 Kor 10,13

 

 

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Einleitung: Homilien über den Brief an die Hebräer
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger