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Chrysostomus († 407) - Homilien über den Brief an die Hebräer
Neunundzwanzigste Homilie.

III.

Die Züchtigung ist daher heilsam, die Züchtigung ist daher eine Theilnahme an der Heiligkeit, und zwar in hohem Grade; denn da sie die Trägheit und die böse Begierlichkeit, und die Liebe zu den Dingen dieser Welt vertreibt, und die Verwerfung der irdischen Güter und die Sammlung der Seele bewirkt, denn Solches thut die Trübsal, - erzeugt sie nun nicht Heiligkeit, zieht sie nicht die Gnade des heiligen Geistes hernieder? Verweilen wir daher immer mit unsern Gedanken bei den Gerechten und betrachten wir, woher sie alle ihren Glanz haben, und vor Allen Abel und Noe. Haben sie ihn nicht von der Trübsal? Denn es ist nicht möglich, daß Derjenige, welcher in der großen [S. 439] Überzahl der Bösen allein dasteht, nicht bitter heimgesucht werde: „Denn Noe,“ heißt es, „war ein gerechter und vollkommener Mann in seinem Geschlechte; er wandelte mit Gott.“1 Denn betrachte nur, wenn wir jetzt, da wir Unzählige, sowohl Väter als Lehrer haben, deren Tugend wir nachahmen sollen, so bedrängt werden: was mag wohl Jener unter so Vielen ausgestanden haben? Soll ich nun sprechen von jenem ungewöhnlichen und wunderbaren Segen? Soll ich reden von Abraham und von Dem, was er zu ertragen gehabt, von seinen häufigen Reisen, von dem Raube seines Weibes, von seinen Gefahren, Kriegen und Versuchungen? Soll ich reden von Jakob und den Widerwärtigkeiten, die er durchlitt, wie er von allen Seiten gedrängt war, wie er vergeblich arbeitete und sich für Andere quälte? Denn alle seine Versuchungen herzuzählen ist nicht nothwendig, zweckdienlich aber ist es, das Zeugniß anzuführen, welches er selbst in seiner Unterredung mit Pharao aussprach: „Die Tage meiner Wanderschaft sind wenige und böse und erreichen nicht die Tage meiner Väter.“2 Oder soll ich von Joseph sprechen? von Moses? von Josua? von David? von Samuel? Von Elias? von Daniel? von allen Propheten? Aber du wirst finden, daß Diese alle durch die Trübsale ihren Glanz empfangen haben. Nun sage mir, willst du aus der Behaglichkeit und aus dem Wohlleben Glanz gewinnen? Das kannst du nicht. Soll ich die Apostel anführen? Aber auch Diese haben Alle durch Elend übertroffen. Warum aber sage ich Dieses? Christus selbst hat ja gesprochen: „In der Welt werdet ihr Bedrängniß haben.“3 Und wieder: „Ihr werdet weinen und wehklagen, aber die Welt wird sich freuen.“4 Und daß der Weg, der zum Leben führt, schmal und enge ist, hat der Herr des Weges selbst gesagt.“5 Du aber suchst den breiten? Ist Das nicht thöricht? Darum aber, weil du [S. 440] auf diesem andern wandelst, wirst du nicht das Leben, sondern das Verderben finden; denn du hast den gewählt, der dorthin führt. Willst du, daß ich von Denen spreche und sie dir vorführe, die im Wohlleben schwelgten? Von den letzten wollen wir zu den ersten hinaufsteigen. Der Reiche, der im Feuerofen brenne; die Juden, welche für den Magen lebten, deren Gott der Bauch war, die in der Wüste immer Ruhe suchten, - wodurch sind sie zu Grunde gegangen? Wie auch die Zeitgenossen des Noe damals untergingen, als sie das weichliche und ausgelassene Leben gewählt hatten. Hat die Sodomiten nicht ihre Schlemmerei in’s Verderben geführt? „Gesättiget,“ heißt es, „von des Brodes Überfluß wurden sie übermüthig.“6 Dieß ist von den Bewohnern Sodoma’s gesagt. Wenn aber des Brodes Überfluß ein solches Unglück herbeiführte, was sollen wir dann wohl sagen von den andern Leckerbissen? War Esau nicht unthätig? Wie waren Die, welche aus der Zahl der Söhne Gottes durch den Anblick der Weiber in den Abgrund stürzten? Wie Die, welche gegen Männer in Wohllust entflammt waren? Haben nicht alle Könige der Heiden, der Babylonier und Ägyptier ein böses Ende genommen? Schmachten sie nicht in der Strafe? Sieht aber die Gegenwart, sage mir, nicht ebenso aus? Höre, was Christus spricht: „Die da weichliche Kleider tragen, sind in den Häusern der Könige,“7 die aber nicht auf solche Weise sich kleiden, sind im Himmel. Denn das weiche Kleid entnervt und schwächt auch eine ernste Seele und läßt dieselbe verkommen, selbst wenn sie einen starken und ausdauernden Körper besitzt; gar bald wird dieser durch eine solche schwelgerische Lebensweise weich und hinfällig sein. Denn woher anders, sage mir, glaubt ihr wohl, daß die so große Schwäche der Weiber stamme? Etwa von der Natur allein? Keineswegs, sondern auch von der Erziehung und der Lebensweise. Denn die weichliche Erziehung, die [S. 441] Unthätigkeit, die Bäder, die Salben, die Menge wohlriechender Kräuter, die Zartheit der Bettdecken hat sie in diesen Zustand gebracht. Und damit du Das einsehen mögest, so gib Acht, was ich sage: Wenn du aus einem Baumgarten in der Wüste, wo die dort stehenden Bäume von den Winden gepeitscht werden, ein junges Stämmchen genommen, und selbes an einen naßfetten und schattigen Ort gesetzt hast; so wirst du dasselbe weit hinter jenen zurückfinden, von denen du es im Anfange weggenommen hast. Daß Dieses wahr ist, erhellet daraus, daß die Weiber, welche auf dem Lande erzogen werden, stärker sind als die Männer in den Städten; und jene brächten es fertig, viele solcher Städter zu Boden zu werfen. Wird aber der Leib verweichlicht, so wird die Seele nothwendig mit in’s Elend gezogen; denn großentheils richtet sich auch ihre Thätigkeit nach dem Zustande des Körpers; denn auch in der Krankheit sind wir wegen der Verweichlichung anders, und anders befinden wir uns in gesundem Zustande. Denn wie bei den Saiten, wenn die Töne weich und schwach und nicht gehörig gedehnt sind, auch die Kunstfertigkeit unterliegt, indem sie gezwungen wird, sich der Schwäche der Saiten zu fügen: so verhält es sich auch mit dem Leibe, und es erduldet die Seele von demselben viele Nachtheile und argen Zwang; denn da er sorgfältiger Pflege bedarf, so unterliegt sie einer empfindlichen Knechtschaft. Deßhalb, ich bitte euch, wollen wir ihn abhärten und ihn nicht kränklich machen. Nicht für die Männer allein, sondern auch für die Weiber spreche ich diese Worte. Denn warum arbeitest du unausgesetzt durch Üppigkeit an seiner Auflösung und machst, daß er verkümmert, o Weib? Warum verdirbst du seine Kraft durch Fett? Denn das Fett macht ihn schwammig, nicht stark. Wenn du aber davon abstehst und ein anderes Verhalten beobachtest, dann wird sich auch, weil Stärke und Wohlbefinden sich einstellen, die Schönheit des Körpers entwickeln; wenn du aber denselben mit unzähligen Krankheiten bedrängst, wirst du weder eine frische Hautfarbe haben, noch dich Wohlbefinden; denn du wirst immer trübsinnig sein. [S. 442]

Ihr wisset aber, daß gerade so, wie ein schönes Haus, welche die Luft mild anweht, hell glänzt, die Heiterkeit der Seele auf ein schönes Antlitz wirkt, dasselbe aber, wenn sie niedergeschlagen und traurig ist, häßlicher wird. Den Trübsinn bewirken Krankheiten und Schmerzen, die Krankheiten aber entstammen der durch große Schlemmerei bewirkten Weichlichkeit des Körpers. Darum fliehet auch schon aus dieser Rücksicht, wenn ihr mir Glauben schenket, das Wohlleben. Aber das Wohlleben, sagt man, bereite Vergnügen. Aber nicht so viele Freuden als Beschwerden. Übrigens reicht das Vergnügen nur bis zum Gaumen, bis an die Zunge; denn sobald der Tisch abgetragen oder die Speise verschluckt ist, bist du Dem ähnlich, welcher nicht mit zu Tische gesessen, oder du bist vielmehr noch schlimmer daran, denn du trägst von dannen Druck, Abspannung, Kopfschmerz und todtähnlichen Schlaf und Schlaflosigkeit, die von der Überfüllung und der Verdumpfung des Geistes und dem Erbrechen herrührt, und tausend Mal hast du schon deinen Magen verflucht, während du deine Unmäßigkeit hättest verwünschen sollen. Wollen wir daher den Leib nicht fett machen, sondern hören, was Paulus spricht: „Pfleget der Sinnlichkeit nicht zur Erregung der Lüste!“8 Denn wie Jemand die Speisen nehmen und sie in eine Kloake hineinwerfen würde, so handelt Der, welcher sie in den Magen hineinschafft, oder vielmehr nicht so, sondern viel schlimmer; denn dort behandelt er die Kloake so, ohne sich selbst ein Leid zu bereiten; hier aber erzeugt er sich selbst unzählige Krankheiten. Denn Das nährt, was der Genügsamkeit entspricht, was auch verdaut werden kann; was aber über Bedürfniß genossen wird, nährt nicht nur nicht, sondern verursacht noch Schaden. Aber Niemand sieht Dieß, weil man von der verwerflichen Vergnügungssucht und dem allgemeinen Vorurtheil irregeführt ist. Willst du den Körper nähren? Entziehe ihm, was zu viel ist, [S. 443] und gib ihm, was zureicht und verdaut werden kann. Beschwere ihn nicht, um ihm nicht den Untergang zu bereiten. Die zureichende Speise nährt und erfreut; denn Nichts vergnügt so, Nichts macht so gesund, Nichts schärft so die Sinneswerkzeuge, Nichts hält so Krankheiten ferne, als die gut verdaute Speise. So verleiht also die zureichende Speise Nahrung, Vergnügen und Gesundheit, die übermäßige aber bewirkt Verderben, Widrigkeit und Krankheit. Denn was der Hunger verursacht, Das bewirkt auch die Völlerei, ja noch viel schwerere Übel. Denn der Hunger führt den Menschen in wenigen Tagen von hinnen und befreit ihn; Diese aber durch frißt den Leib und setzt ihn in Fäulniß, und nach langwieriger Krankheit überliefert sie ihn dem schmerzvollsten Tode. Wir aber halten den Hunger für eine verwünschenswerthe Sache, der Völlerei aber, die drückender als dieser ist, rennen wir nach. Woher stammt diese Krankheit? Woher dieser Wahnsinn? Ich sage nicht, daß wir uns selbst quälen, sondern nur so viel Speise genießen sollen, daß daraus Vergnügen, und zwar wirkliches Vergnügen entsteht, und was im Stande ist, den Leib zu nähren und ihn tüchtig und brauchbar und stark und tauglich macht für die Thätigkeit der Seele. Wenn er durch die Schwelgerei leck geworden ist und sozusagen selbst die Nägel und die verbindenden Klammern aufgelöst sind, so kann er die Säftefluth nicht mehr halten; denn dieser hineingedrungene Überfluß löst den ganzen Körper auf und zerstört ihn: „Pfleget,“ heißt es, „der Sinnlichkeit nicht zur Erregung der Lüste!“9 Und treffend hat er gesagt: „zur Erregung der Lüste;“ denn die Schwelgerei liefert den Stoff für die bösen Begierden; und wäre der Schwelger der größte Weise, durch den Wein und die Speisen entzündet sich in ihm nothwendig die Leidenschaft; er muß ausschweifend werden, und die Flamme der bösen Lust in ihm auflodern. Daher kommen die Hurereien und die Ehebrüche. Denn ein [S. 444] hungeriger Magen kann keine sinnliche Liebe erzeugen, um so weniger aber, wenn er der Genügsamkeit ergeben ist; aus einem solchen aber, der durch Üppigkeit ausgelassen ist, stammen die bösen Begierden. Denn gleichwie der sehr feuchte Erdboden und der Mist, welcher naß wird und viele Feuchtigkeit an sich zieht, Würmer erzeugt, der Boden aber, welcher von dieser Nässe frei ist, viele Früchte trägt, da er nicht von diesem Übermaaß leidet, - denn wenn er auch nicht angebaut wird, so trägt er Gras, wenn er aber bewirthschaftet wird, so trägt er Frucht: so verhält es sich auch mit uns. Lassen wir also unser Fleisch nicht unbrauchbar und ohne Nutzen sein und uns zum Schaden gereichen, sondern pflanzen wir in demselben nützliche Früchte und fruchttragende Bäume, und tragen wir Sorge, daß sie nicht durch Üppigkeit zu Grunde gehen; denn wenn sie faul geworden, bringen auch sie statt der Früchte nur Würmer. So erzeugt auch die angeborne Begierlichkeit, wenn sie übermäßig vollsaftig wird, die böse, ja die allerverderblichste Lust. Dieses Übel wollen wir daher auf jegliche Weise entfernen, damit wir der verheissenen Güter theilhaftig werden können in Christo Jesu unserm Herrn u. s. w. [S. 445]

1: Gen 6,9
2: Gen 47,9
3: Joh 16,33
4: Joh 16,20
5: Mt 7,14
6: Ez 16,49
7: Mt 11,8
8: Röm 13,14
9: Röm 13,14

 

 

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Einleitung: Homilien über den Brief an die Hebräer
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger