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Chrysostomus († 407) - Homilien über den Brief an die Hebräer
Achtundzwanzigste Homilie.

V.

Sage mir, gehen die Engel nicht ohne Geleit auf der Erde herum und bedürfen Niemandes, der ihnen folgt? Sind sie nun geringer als wir, die wir Dessen bedürfen, während sie Solches nicht nöthig haben? Wenn also ganz und gar keines Dieners zu bedürfen engelähnlich macht, wer steht dann dem Leben der Engel nahe, Derjenige, welcher viele oder wenige nothwendig hat? Ist Dieß nicht schimpflich? Schimpflich ist, wenn man etwas Ungeziemendes thut. Sage mir, welche Frau macht Diejenigen, die auf dem Markte verweilen, auf sich aufmerksam, die viele oder wenige (Diener) mit sich führt? Kommt nun Diejenige, welche allein ist, nicht noch unvorhergesehener (μλλον ἀπρόοπτος) zum Vorschein, als Die, welche zu ihrem Gefolge Wenige zählt? Siehst du, daß Jenes schimpflich ist? Welche Frau wird die Augen der Marktsteher auf sich ziehen, die schöne Gewänder trägt, oder die einfach und ohne Ziererei gekleidet ist? Welche wiederum wird unter den Marktbesuchern Aufsehen machen, die auf Maulthieren, welche goldgestickte Decken tragen, daherreitet, oder die einfach und mit würdevollem Anstande einhergeht? Diese werden wir, wenn wir sie auch gesehen haben, nicht weiter beachten; aber nicht allein um Jene zu begaffen wird sich der große Haufe herandrängen, sondern auch fragen, was das für eine Frau sei und woher sie komme. Und ich unterlasse es zu sagen, [S. 424] welch’ gewaltige Quelle des Neides das ist. Was ist nun, sage mir, schimpflich: Begafft oder nicht begafft zu werden? Wann ist die Beschämung größer: da Viele auf sie hinschauen, oder da Niemand Das thut? Da man sich über sie erkundigt, oder da man sich um sie gar nicht kümmert? Siehst du, daß wir nicht der Scham wegen, sondern aus Eitelkeit Alles thun? Weil es aber unmöglich ist, euch davon abzubringen, so genügt es mir unterdessen, euch belehrt zu haben, daß Dieß keine Schande ist. Die Sünde allein, welche Niemand für schändlich hält, und vor der alles Andere für schmachvoll erachtet wird, gereicht zur Schande. So viele Gewänder, als nöthig sind, aber keine überflüssigen, möge man haben. Damit ich euch aber nicht in eine große Beengung einschließe, spreche ich die Mahnung aus, daß ihr weder goldgestickte, noch gar feine Stoffe nothwendig habt. Aber Dieß sage nicht ich; denn daß es nicht meine Worte sind, höre, was der selige Paulus sagt, und wie er die Weiber ermahnt: „Deßgleichen sollen sich auch die Weiber mit Sittsamkeit schmücken, nicht mit Haarflechten, oder Gold, oder Perlen, oder kostbarem Gewande.“1 Aber sage doch, Paulus, wie soll man sich denn schmücken? Dann vielleicht sagt man, daß die goldenen Gewänder allein kostbar seien, die seidenen aber nicht; sprich’ daher aus, wie du es haben willst: „Wenn wir aber Nahrung und Kleidung haben, so lasset uns damit zufrieden sein.“2 Die Kleider seien nun also beschaffen, daß sie uns nur gehörig bedecken; denn darum hat uns Gott dieselben gegeben, damit wir unsere Blöße verhüllen; Das vermag aber ganz wohl ein Kleid von geringem Werthe. Vielleicht lachen Die, welche seidene Kleider tragen. Man muß in der That lachen; denn was hat Paulus befohlen, was aber thun wir? Diese Worte spreche ich aber nicht allein zu den Frauen, sondern auch zu den Männern. Denn alles Übrige, was wir besitzen, ist Überfluß; nur die Armen besitzen nichts Unnöthiges; [S. 425] aber auch diese vielleicht nur aus Zwang, so daß auch sie, falls es ihnen freistände anders zu handeln, darauf nicht Verzicht leisten würden. Jedoch sie haben, sei es nun Schein oder Wahrheit, keinen Überfluß. Tragen wir also solche Kleider, welche dem Bedürfnisse entsprechen. Denn wozu das viele Gold? Das paßt für Schauspielerinen, zu deren Putz es gehört, und für Buhldirnen, die Alles aufbieten, um nur angestiert zu werden. Mag Jene sich herausputzen, die sich da auf der Bühne, die sich da im Orchester befindet; denn sie will Alle zu sich heranbuhlen; die sich aber zur Frömmigkeit bekennt, ziere sich nicht auf diese Weise; aber in anderer Beziehung hat sie einen Schmuck, der viel prächtiger ist als jener. Auch du hast eine Bühne; für diese ziere dich und lege diesen Schmuck an! Welche ist deine Bühne? Der Himmel, die Schaar der Engel; nicht allein die (gottgeweihten) Jungfrauen meine ich, sondern auch Jene, die in der Welt leben, Alle die an Christus glauben, besitzen jene Bühne. Solches wollen wir sprechen, damit wir die Zuschauer ergötzen; Solches anziehen, damit wir sie erfreuen. Denn sage mir, wenn die Buhldirne das Gold und die Gewänder und das Lächeln und die süßelnden und schlüpfrigen Reden ablegte, und ein ärmliches Kleid anzöge, und in kunstloser Einfachheit aufträte, und sich in gottesfürchtigen Worten erginge und über die Keuschheit reden wollte, und ihrem Munde keine anstößige Silbe entschlüpfte: würden dann nicht Alle aufstehen? Würde sich das Theater nicht auflösen? Würde man sie nicht hinauswerfen, weil sie es nicht verstehe, sich dem Volke anzubequemen, und Ungehöriges spreche, was auf diese Teufelsbühne nicht paßt? So würden auch dich, wenn du mit den Putzgewändern Jener angethan auf die Himmelsbühne einzutreten dich unterständest, die Zuschauer hinausschaffen; denn dort sind nicht diese goldenen Kleider, sondern andere nothwendig. Welche denn? Solche, wovon der Prophet spricht: „Bunt ist ihr Gewand, mit Gold verbrämt,“3 [S. 426] nicht um den Leib schimmernd und glänzend zu machen, sondern um die Seele zu schmücken; denn diese ist es, welche dort (auf dieser Bühne) ringt und kämpft: „Alle Herrlichkeit der Tochter des Königs ist inwendig,“4 heißt es. Diese Kleider ziehe an; denn du wirst dich auch von unzähligen andern Übeln befreien, und deinen Mann von der Sorge, und dich vom Kummer erlösen; denn deinem Manne wirst du dann ehrwürdig erscheinen, wenn du nicht Vieles bedarfst.

1: 1 Tim 2,9
2: 1 Tim 6,8
3: Ps 44,15
4: Ps 44,14

 

 

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Einleitung: Homilien über den Brief an die Hebräer
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger