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Chrysostomus († 407) - Homilien über den Brief an die Hebräer
Siebenundzwanzigste Homilie.

V.

Befassen wir uns daher mit dem Gebete: es ist eine starke Waffe, wenn es mit Eifer verrichtet wird, wenn es [S. 406] von Eitelkeit frei ist und aus einer fleckenlosen Seele kommt. Dasselbe hat Feinde in die Flucht geschlagen und einem ganzen und unwürdigen Volke Wohlthaten erwiesen: „Ich kenne,“ heißt es, „ihre Leiden, und bin herabgekommen, um sie zu erretten.“1 Dasselbe ist eine heilsame Arznei: es verhindert die Sünden und heilt die Fehler. Eifrig war mit demselben jene Wittwe, die zurückgelassen dastand, beschäftigt. Wenn wir nun mit Demuth beten, wenn wir an unsere Brust schlagen, wie der Zöllner, wenn wir eine Sprache führen wie jener und sagen: „sei mir Sünder gnädig,“2 so werden wir Alles erlangen. Denn sind wir auch keine Zöllner, so haben wir doch andere Sünden, die nicht geringer sind, als die seinigen waren. Denn sage mir nicht, daß du in einer kleinen Sache gefehlt hast; es waltet ja dieselbe Beschaffenheit ob. Denn gleichwie Jemand ein Mörder genannt wird, mag er ein Kind oder einen Mann umgebracht haben: so wird auch, sowohl wer andere um Vieles, als wer sie um Weniges bringt, ein Habsüchtiger heissen. Und der Groll über erlittenes Unrecht ist keine kleine, sondern eine große Sünde: „Denn die Wege Derer, die über erlittenes Unrecht grollen, führen zum Tode.“3 Und: „Ein Jeder, der über seinen Bruder ohne Ursache zürnt, wird des Gerichtes schuldig sein,“4 und wer seinen Bruder einen Bösewicht oder einen Narren und was sonst noch nennt. Wir empfangen auch die schauerlichen Geheimnisse unwürdig, und beneiden und schimpfen. Manche aber von uns sind nicht selten betrunken. Ein Jedes von diesen ist für sich allein hinreichend, uns vom Himmelreiche auszuschließen; finden sich nun dieselben zusammen, wie werden wir uns vertheidigen? Wir haben, Geliebte, viele Buße, vielem Gebet, viele Geduld, vielen Thateifer nothwendig, damit wir die uns verheissenen Güter zu erlangen vermögen. Sprechen daher auch wir: „Sei mir Sünder [S. 407] gnädig,“ oder vielmehr wir wollen es nicht allein sprechen, sondern es auch empfinden, und wenn uns ein Anderer Aehnliches vorwirft, wollen wir uns nicht erzürnen. Jener hörte die Worte: „daß ich nicht bin wie dieser Zöllner da,“ - und er wurde nicht gereizt, sondern ging in sich; Jener nannte die Wunde, Dieser suchte das Heilmittel. Sprechen wir daher: „Sei mir Sünder gnädig,“ und wenn ein Anderer uns so nennt, wollen wir nicht aufgebracht werden. Wenn wir aber selbst von uns unzähliges Böse aussagen, über Andere jedoch, welche Dieses thun, aufgebracht werden, so ist das keine Demuth und kein Eingeständniß mehr, sondern Schaustellen und Eitelkeit. Schaustellen ist es, sagt man, sich selbst einen Sünder zu nennen? Allerdings. Denn wir empfangen den Ruhm der Demuth, wir werden bewundert und gelobt; wenn wir aber von uns das Gegentheil sagen, wird uns Verachtung zu Theil. So thun wir auch Dieß des Ruhmes wegen. Was ist aber Demuth? Die Ertragung der von Andern uns zugefügten Schmähungen, die Erkenntniß der Sünden und die Gelassenheit bei dem Schimpfen der Anderen. Und selbst Dieß möchte vielleicht noch nicht Demuth, sondern Herzensgüte sein. Nun nennen wir uns zwar Sünder, Unwürdige und unzähliges Andere; wenn aber sonst Jemand uns auch nur Eines davon vorwirft, so werden wir ärgerlich und ergrimmen. Siehst du, daß Dieß kein Geständniß und keine Demuth ist? Du sagst, du selbst seiest ein Solcher. Werde daher nicht aufgebracht, wenn du auch von Andern Solches hörst und beschimpft wirst; denn auf diese Weise werden die Sünden verringert, wenn Andere uns schmähen; sich selbst zwar laden Diese eine Last auf, uns aber fuhren sie zur Weisheit. Höre, was der selige David spricht, als ihm Semei fluchte: „Lasset ihn fluchen“, sagte er, „denn der Herr hat ihm befohlen. Vielleicht daß der Herr mir Gutes vergilt für diesen Fluch.“5 Du aber sagst von dir selbst auch übertriebenes Böse; wenn [S. 408] du aber von Anderen nicht die Lobeserhebungen, welche nur großen und gerechten Männern gebühren, vernimmst, so wirst du erbost. Siehst du, daß du mit Dingen spielst, die mit sich nicht spielen lassen? Denn auch das Lob wehren wir aus Begierde nach andern Lobesbezeugungen ab, um noch größeres Lob zu gewinnen, um noch mehr bewundert zu werden, so daß wir das Lob darum nicht zulassen, um dasselbe zu mehren. Alles geschieht bei uns aus Verlangen nach Ruhm und nicht aus Liebe zur Wahrheit. Darum ist Alles eitel, Alles zweifelhaft. Darum bitte ich, doch jetzt abzustehen von der Mutter der Uebel, der Ruhmsucht, und zu suchen was Gott gefällt, damit wir die zukünftigen Güter erlangen in Christo Jesu, unserm Herrn. [S. 409]

1: Ex 3,8
2: Lk 18,13
3: Spr 12,28
4: Mt 5,22
5: 2 Kön 16,10.12

 

 

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Einleitung: Homilien über den Brief an die Hebräer
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger