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Chrysostomus († 407) - Homilien über den Brief an die Hebräer

Fünfundzwanzigste Homilie.

I.

17. 18. 19. Im Glauben hat Abraham, da er geprüft ward, den Isaak dargebracht und den Eingebornen geopfert, er, der die Verheissungen empfangen hatte, zu dem gesagt worden: In Isaak soll dir Nachkommenschaft werden. Er dachte, daß Gott mächtig sei, auch von Todten zu erwecken, weßhalb er ihn auch gleichnißweise wieder erhielt.

Wahrhaftig groß war Abraham’s Glaube; denn bei Abel, Noe und Henoch waren nur Vernunfterwägungen im Kampfe mit einander und nur menschliche Berechnungen zu übersteigen; hier aber mußten nicht allein solche Erwägungen überwunden, sondern es mußte noch etwas Anderes, was mehr war, gezeigt werden; denn zwischen den Aussprüchen Gottes schien ein Widerstreit zu bestehen, und der Glaube kämpfte mit dem Glauben und der Befehl mit der Verheissung. So z. B. sprach Gott: „Geh’ aus deinem Lande und aus deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters [S. 367] Haus, und ich werde dir dieses Land (in das du kommen wirst) geben,“1 und er gab ihm auch nicht einen Schritt breit Erbantheil in demselben. Siehst du, wie Dasjenige, was geschah, mit der Verheissung in Widerspruch steht? Wiederum spricht er: „Nach Isaak wird dein Same genannt werden,“2 und er glaubte; und wieder sagt er: Opfere mir Diesen, der da mit seinem Samen den ganzem Erdkreis erfüllen soll! Siehst du den Kampf der Befehle mit der Verheissung? Er befahl Dinge, die das Gegentheil von den Verheissungen waren; aber auch so wurde der gerechte Mann nicht bestürzt und klagte nicht über Täuschung. Denn ihr, will er sagen, könnt nicht behaupten, daß er euch Ruhe versprochen und Trübsal gegeben habe; denn hier thut er, was er vorhergesagt hat. Wie denn? „In der Welt,“ heißt es, „werdet ihr Bedrängnis haben.“3 „Wer sein Kreuz nicht auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht werth.“4 Wer seine eigene Seele nicht haßt, der kann mein Jünger nicht sein.“5 „Wer nicht Allem entsagt, was er besitzt, und mir nachfolgt, ist meiner nicht werth.“6 Und wieder: „Vor Statthalter und Könige werdet ihr geführt werden um meinetwillen.“7 Und wieder: „Des Menschen Feinde werden seine Hausgenossen sein.“8 Hier ist die Trübsal, jenseits aber die Ruhe. Bei Abraham aber fand das Gegentheil statt. Er empfing den Auftrag, zu thun, was mit den Verheissungen im Widerspruch stand, und auch so gerieth er nicht in Verwirrung noch in Bestürzung, noch hielt er sich für betrogen; ihr aber erduldet Nichts, was mit den Verheissungen nicht im Einklange stände, und ihr seid verwirrt. Jener hörte das Gegentheil des Verheissenen und zwar von Dem, der die Verheissung gemacht hatte, und er [S. 369] wurde nicht bestürzt, sondern handelte, als wenn Übereinstimmung stattfände; denn es bestand Harmonie, Widerspruch zwar nach den Erwägungen der menschlichen Vernunft, Harmonie aber im Lichte des Glaubens. Über das Wie hat uns der Apostel selbst belehrt in den Worten: „Er dachte, daß Gott mächtig sei, auch von Todten zu erwecken.“ Was er aber sagt, ist Dieses: Durch denselben Glauben, durch den er es für gewiß hielt, daß er ihm einen Sohn, der noch nicht da war, schenken werde, hatte er auch die Überzeugung, daß er den Gestorbenen erwecken und den Geschlachteten neu beleben werde; denn es war, menschlich betrachtet, ebenso schwer, aus einer erstorbenen und alten und zur Geburt schon unfähigen Mutter einen Sohn zu schenken, als einen Geschlachteten wieder zu erwecken. Aber dennoch war er fest überzeugt; denn der vorhergehende Glaube bereitet für Zukünftiges den Weg. Übrigens aber sah auch Dieser das Angenehme zuerst, das Schmerzliche aber zuletzt in seinem Alter. Bei uns aber nehmen wir das Gegentheil wahr, sagt er: das Verdrießliche kommt zuerst, das Erfreuliche nachher. Diese Worte gelten für Diejenigen, welche es wagen zu sprechen: nach dem Tode hat er uns die Güter verheissen, vielleicht hat er uns getäuscht. Er zeigt, daß Gott mächtig sei, auch von den Todten zu erwecken. Wenn aber Gott die Macht hat, nach dem Tode neues Leben zu verleihen, dann wird er auch ganz und gar Alles schenken. Wenn aber Abraham vor so vielen Jahren die Überzeugung hatte, daß Gott mächtig sei, auch von Todten zu erwecken, dann müssen um so mehr wir von diesem Glauben beseelt sein. Siehst du, was ich bereits gesagt habe, daß der Tod noch nicht eingetreten war, und er sie gleich zur Hoffnung der Auferstehung geführt, und ihnen eine solche Glaubensfülle verliehen hat, daß sie auch dem Befehle, ihre eigenen Söhne zu opfern, von denen sie erwarteten, daß durch dieselben der ganze Erdkreis werde bevölkert werden, freudige Folge leisteten? Er hat hier auch noch etwas Anderes in den Worten gesagt: „Gott [S. 370] hat den Abraham versucht.“ Wie nun? Wußte Gott nicht, daß er ein edler und tadelloser Mann war? Ganz gewiß. Warum hat er ihn dann versucht, wenn er Das wußte? Nicht damit er selbst lerne, sondern um Andere zu belehren und dessen Edelsinn Allen vor Augen zu stellen. Hier zeigt er auch den Grund der Versuchungen, damit wir nicht wähnen, wir hätten als Verlassene Solches zu dulden; denn hier muß man nothwendig Versuchungen bestehen, weil man viele Verfolger und Nachsteller hat. Welche Nothwendigkeit bestand aber dort, für ihn Versuchungen, die nicht bestanden, auszusinnen? Diese Versuchung traf also offenbar auf seinen Befehl ein; die andern Versuchungen erfolgten zwar auf seine Zulassung, diese aber ordnete er selbst an. Wenn daher die Versuchungen solche Tugendhaftigkeit verleihen, daß Gott, auch wenn kein besonderer Grund da ist, seine Kämpfer übt, so müssen noch viel mehr wir Alles standhaft ertragen.

Mit Nachdruck sagt er hier: „Im Glauben hat Abraham, da er geprüft ward, den Isaak dargebracht;“ denn es war keine andere Ursache, ihn zum Opfer zu verlangen, als diese. In diesem Sinne bewegt sich seine Betrachtung nun weiter. Die Bemerkung, will er sagen, kann nicht stattfinden, daß er noch einen andern Sohn hatte, von dem er die Erfüllung der Verheissung erwarten konnte, und wodurch er ermuthiget worden sei, diesen zum Opfer zu bringen: „Und hat,“ sagt er, „den Eingebornen geopfert, er, der die Verheißungen empfangen hatte.“ Warum sagst du: den „Eingebornen“? Wie verhält es sich denn mit Ismael? Woher war denn Dieser? Den „Eingeborenen“ sagt er, nenne ich ihn in Bezug auf die Art und Weise der Verheissung; denn darum setzt er auch, nachdem er gesagt hatte: den „Eingebornen,“ um zu zeigen, daß er in Bezug auf diesen so spreche, die Worte hinzu: „Zu dem gesagt worden ist: In Isaak soll dir Nachkommenschaft werden,“ d. i. von ihm. [S. 371] Siehst du, wie er Das bewundert, was vom Patriarchen geschehen ist. „In Isaak,“ hörte er, „soll dir Nachkommenschaft werden,“ und er brachte seinen Sohn als Schlachtopfer dar. Damit ferner Niemand wähne, er habe aus Mangel des Vertrauens also gehandelt und durch diesen Befehl jenen Glauben daran gegeben, sondern damit er lerne, daß auch Dieß eine Frucht des Glaubens war, sagt er, daß er auch jenen Glauben festhielt, obgleich er diesem zu widerstreiten schien. Aber es war kein Widerstreit da; denn er bemaß die Macht Gottes nicht nach menschlichen Berechnungen, sondern überließ Alles dem Glauben. Darum scheute er sich auch nicht zu sagen, „daß Gott mächtig sei, auch von Todten zu erwecken; weßhalb er ihn auch gleichnißweise wieder erhielt.“ d. i. in einem Zeichen, im Widder, will er sagen. Wie denn? Denn da der Widder geschlachtet war, blieb Isaak unversehrt, so daß er ihn durch den Widder wieder erhielt, nachdem er nämlich diesen für ihn geschlachtet hatte. Das sind aber gewisse Vorbilder; denn hier ist es der Sohn Gottes, der geschlachtet wird. Und betrachte, wie groß die Menschenfreundlichkeit ist! Denn da den Menschen ein großes Geschenk gegeben werden sollte, und er dieses nicht aus Gnade, sondern wie ein Schuldner geben wollte, machte er, daß zuerst ein Mensch seinen eigenen Sohn gemäß göttlichen Auftrages hingab, damit er nicht, indem er seinen eigenen Sohn opferte, etwas Großes zu gewähren schiene, da ja vor ihm ein Mensch Dieses geleistet habe, und daß nicht geglaubt werde, daß er Dieß allein aus Gnade, sondern auch aus Pflicht thue. Denn Denjenigen, welche wir lieben, wünschen wir dadurch etwas Angenehmes zu thun, daß wir scheinen, von ihnen vorher irgend Etwas empfangen zu haben, um ihnen so das Ganze zuzuwenden, und wir rühmen uns mehr Dessen, was wir empfangen, als was wir gegeben haben, und wir sagen nicht: Dieß haben wir ihm gegeben, sondern Dieß haben wir von ihm erhalten: „weßhalb er ihn auch,“ sagt er, [S. 372] „gleichnißweise wieder erhielt,“ d. i. wie in einem Räthsel; denn der Widder war wie ein Gleichniß des Isaak, oder ein Bild desselben: denn weil das Opfer dargebracht, und Isaak durch den Willensentschluß geschlachtet worden war, darum schenkt er ihn dem Patriarchen.

1: Gen 12,1
2: Gen 21,12
3: Joh 16,33
4: Mt 10,38
5: Lk 14,26
6: Lk 14,33
7: Mt 10,18
8: Mt 10,36

 

 

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Einleitung: Homilien über den Brief an die Hebräer
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger