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Chrysostomus († 407) - Homilien über den Brief an die Hebräer

Vierundzwanzigste Homilie.

I.

13. 14. 15. 16. Im Glauben sind Diese alle gestorben und haben das Verheissene nicht empfangen, sondern von Ferne es angeblickt und begrüßt, und haben bekannt, daß sie Pilger und Fremdlinge auf Erden seien; denn die so sprechen, geben zu erkennen, daß sie ein Vaterland suchen; und hatten sie etwa jenes gemeint, aus dem sie ausgezogen waren, so hatten sie ja Zeit, wieder zurückzukehren; nun aber verlangten sie nach einem bessern, das ist dem himmlischen; darum schämet sich Gott nicht, ihr Gott zu heissen.

Die erste und alle Tugend besteht darin, daß wir als Pilger und Fremdlinge in dieser Welt verweilen und Nichts gemein haben mit den Dingen hienieden, sondern von denselben losgeschält seien wie jene seligen Schüler, von denen es heißt: „Sie gingen umher in Schafspelzen und Ziegenfellen, Mangel leidend, gedrängt, mißhandelt; ihrer war die Welt nicht werth.“1 Jene nun haben bekannt, daß [S. 356] sie Fremdlinge seien, Paulus aber hat noch weit mehr gesagt: er hat sich nicht einfach für einen Fremdling erklärt, sondern er hat ausgesprochen, daß er der Welt und die Welt ihm abgestorben sei; „denn mir,“ sagt er, „ist die Welt gekreuzigt und ich der Welt.“2 Wir aber sind hier wie Bürger und leben gerade wie Bürger, und unsere ganze Thätigkeit ist auf diese Weise eingerichtet; und wie die Gerechten der Welt fremd und abgestorben waren, so verhalten wir uns in Bezug auf den Himmel; wie aber Jene für den Himmel lebten und sich einrichteten, so stehen wir zur Welt. Darum sind wir auch dem Tode verfallen, weil wir das wahre Leben ausgeschlagen und dieses zeitliche gewählt haben. Dadurch erzürnen wir Gott, weil wir, obgleich uns der Genuß der himmlischen Güter in Aussicht steht, auch nicht einmal so von den Dingen dieser Erde abstehen wollen, sondern uns wie gewisse Würmer aus diesem Erdboden in jenen und von diesem wieder in einen andern bewegen, und weil wir auch nicht ein Weniges empor kommen und den menschlichen Verhältnissen zu entsagen uns entschließen, und wie in einen gewissen Schwindel, in Schlafsucht und Trunkenheit versunken, in Luftgebilden verfangen niedergeworfen daliegen. Und wie Diejenigen, die einen süßen Schlaf haben, nicht allein während der Nacht, sondern auch selbst bei anbrechendem Morgen, und wenn es schon heller Tag geworden, im Bette liegen und ohne Scham dem Vergnügen fröhnen, die Zeit der Thätigkeit und des Fleisses zu einer Zeit des Schlafes und der Faulheit machen: so thun auch wir, wenn der Tag herankommt und die Nacht schwindet, oder vielmehr da es schon wirklich Tag ist, - „denn wirket,“ heißt es, „so lange es Tag ist,“3 Alles, was bei Nacht geschieht; wir schlafen, träumen und schwelgen in Phantasiebildern. Die Augen des Geistes und des Leibes sind uns verschlossen, [S. 357] und wir plaudern Unsinn und schwatzen unverständiges Zeug; und wenn uns Jemand einen wuchtigen Schlag versetzte, so würden wir es nicht merken; und wenn er uns auch unser ganzes Vermögen raubte und selbst unser Haus in Brand steckte; oder vielmehr, wir warten nicht ab, bis Dieses Andere thun, sondern vollbringen es in eigener Person, indem wir uns selbst tagtäglich stechen und verwunden und schändlich daliegen und alles Ansehens und aller Ehre bar unsere Schandthaten weder selbst verbergen noch auch Andere Dieses thun lassen und, um die Schmach voll zu machen, Allen, die vorübergehen und es sehen, zum Gelächter und zum tausendfältigen Spotte hingestreckt daliegen. Glaubt ihr nicht, daß selbst die Bösen ihre Gesinnungsgenossen verlachen und verurtheilen? Denn weil Gott in uns ein unbestechliches Gericht hineingelegt hat, das nie und nimmer zerstört werden kann, und wären wir auch bis in den Abgrund des Verderbens versunken, darum verurtheilen sogar die Bösen sich selbst; und wenn sie Jemand mit dem rechten Namen bezeichnet, so schämen sie sich und werden ärgerlich und nennen es Frechheit. So verdammen sie, wenn auch nicht durch ihre Werke, so doch durch Worte, was sie thun, in ihrem Gewissen oder vielmehr auch durch ihre Werke. Denn weil sie ihre Werke heimlich und im Verborgenen thun, erbringen sie ja den klarsten Beweis, was für eine Meinung sie von denselben haben. Das Laster ist nämlich so offenbar (abscheulich), daß selbst Diejenigen, welche ihm fröhnen, es verdammen; und die Tugend ist so beschaffen, daß sie auch bei Denen in Bewunderung steht, die derselben nicht nachstreben. Denn auch der Unzüchtige lobt die Keuschheit, und der Habsüchtige verdammt die Ungerechtigkeit, und der Zornmüthige bewundert die Geduld und tadelt den Kleinmuth, und der Ausgelassene die Ausschweifung. Warum begeht er denn, sagt man, Derartiges? Aus großer Fahrlässigkeit und keineswegs in der Überzeugung, als sei Dieses gut, weil er sich sonst darob nicht schämen und sich nicht aufs Leugnen verlegen würde, wenn er angeklagt wird. Viele sind auch, [S. 358] weil sie die Schande nicht ertragen wollten, zuvorgekommen und haben sich selbst erdrosselt; so mächtig ist in uns das Zeugniß für Ehrbarkeit und Sitte; so auch ist das Gute strahlender als die Sonne und das Gegentheil häßlicher als Alles.

1: Hebr 11,37
2: Gal 6,14
3: Joh 9,4

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger