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Chrysostomus († 407) - Homilien über den Brief an die Hebräer

Zweiundzwanzigste Homilie.

I.

3. 4. Durch den Glauben erkennen wir, daß die Welt durch das Wort Gottes geschaffen worden, damit aus Unsichtbarem Sichtbares würde. Durch den Glauben brachte Abel Gott ein besseres Opfer als Kain dar, und erhielt dadurch das Zeugniß, gerecht zu sein, indem Gott seinen Gaben Zeugniß gab; und mittelst dessen redet der Verstorbene jetzt noch.

Der Glaube bedarf einer edlen und jugendlich frischen Seele, die sich über alles Wahrnehmbare erhebt und die Schwäche menschlicher Beweisgründe übersteigt. Denn unmöglich kann man anders gläubig werden, als wenn man sich selbst über die allgemeine Gewohnheit hinausführt. Da nun die Seelen der Hebräer schwach geworden waren, und zwar die Anfänge des Glaubens hatten, aber durch die Ereignisse, ich meine nämlich durch die Leiden und Trübsale kleinmüthig, niedergebeugt und voll Unruhe waren: so tröstet er sie zuerst durch Das, was sie selbst anging, [S. 328] indem er bemerkt: „Erinnert euch der vorigen Tage;“1 dann durch die Schrift, die da spricht: „Der Gerechte aber lebt aus dem Glauben;“ ferner durch Überzeugungsgründe, indem er sagt: „Es ist aber der Glaube ein fester Grund für Das, was man hofft, eine gewisse Überzeugung von Dem, was man nicht sieht;“ jetzt aber entnimmt er wieder Trost für sie von den Vorfahren, jenen großen und bewunderungswürdigen Männern, indem er ungefähr Folgendes sagt: Wenn damals, wo die Güter in Hoffnung standen, Alle durch den Glauben Rettung fanden, so werden noch viel mehr wir dieses Glückes theilhaftig werden. Denn hat die Seele in den Dingen, die ihr begegnen, einen Genossen gefunden, so ruht sie aus und athmet neu auf. Dieß kann man auch bezüglich des Glaubens und der Trübsal zutreffen sehen, so wie es auch an einer andern Stelle heißt: „Das ist, um zugleich bei euch durch wechselseitigen Glauben, den eurigen und den meinigen, getrösteten werden;“2 - denn das Menschengeschlecht ist sehr ungläubig und kann sich selber nicht trauen, und ist in Furcht in Betreff der Dinge, worüber es entscheiden soll, welches gar sehr besorgt ist in Bezug auf die Meinung der Menge. Was thut nun Paulus? Er entnimmt für sie Trostgründe von den Vorfahren, und vorher noch von der allgemeinen Überzeugung; denn weil damals der Glaube verleumderischer Weise als eine unerweisliche Sache und als ein Werk des Betruges dargestellt wurde, so zeigt er deßhalb, daß die größten Werke den Glauben und keineswegs die Beweisgründe zu ihrer Quelle hatten. Und wie, sage mir, zeigt er denn Dieses? „Durch den Glauben,“ sagt er, „erkennen wir, daß die Welt durch das Wort Gottes geschaffen worden, damit aus Unsichtbarem Sichtbares würde.“ Es ist klar, will er sagen, daß Gott aus dem Nichts Dasjenige, was da ist, [S. 329] und aus dem Unsichtbaren das Sichtbare, und aus Dem, was keinen Bestand hat, das Bestehende erschaffen hat. Woraus erhellet aber, daß er Dieß durch ein Wort gethan hat? Denn die Vernunft unterstellt Solches nicht, sondern gerade das Gegentheil, daß nämlich aus dem Sichtbaren das Unsichtbare geworden, weßhalb die Philosophen auch meistentheils sagen, daß Nichts aus Nichts sei. Sie sind nämlich Naturmenschen, welche dem Glauben keinen Platz gönnen, die sich aber dann selbst wieder fangen, wenn sie irgend etwas Großes und Erhabenes aussprechen und es dem Glauben zuweisen. So sagen sie, Gott sei ohne Anfang und ohne Ursprung, was die Vernunft nicht unterstellt, sondern wovon sie das Gegentheil verlangt. Nun betrachte mir aber ihre große Thorheit. Gott, sagen sie, sei ohne Anfang, was doch viel bewunderungswürdiger ist, als daß Etwas aus dem Nichts sein Dasein habe; denn die Behauptung, daß er ohne Anfang, daß er ohne Ursprung, daß er weder durch sich, noch durch einen Andern geworden ist, ist schwerer zu erweisen, als die Behauptung, Gott habe, was da ist, aus Nichts erschaffen. Denn hier ist Manches annehmbar, so z. B., daß er Etwas erschaffen hat, daß Dasjenige, was erschaffen wurde, einen Anfang hatte, und daß es überhaupt erschaffen wurde. Ist aber dort, sage mir, wo es heißt, daß er durch sich selbst, daß er ohne Ursprung, daß er ohne Anfang und ohne Zeit sei, nicht Glauben nothwendig? Allein er setzte nicht Dieses, was mehr gewesen wäre, sondern was weniger ist, sagte er in den Worten: „Durch den Glauben erkennen wir, daß die Welt durch das Wort Gottes geschaffen worden.“ Woher sagst du nun, es sei offenbar, daß Gott durch ein Wort Alles erschaffen habe? Denn die Vernunft unterstellt Dieses nicht, noch war irgend Einer gegenwärtig, als Dieß geschah. Durch den Glauben; denn die Erkenntniß ist ein Werk des Glaubens. Daher sagt er auch so: durch den Glauben erkennen wir. Was erkennen wir, sprich, durch den Glauben? Daß aus dem Unsichtbaren das Sichtbare geworden ist; denn Das ist der Glaube. [S. 330] Nachdem er nun im Allgemeinen gesprochen hat, zeigt er dasselbe auch an Personen; denn in gleichem Werthe mit dem Erdkreise steht ein ruhmvoller Mann. Dieß hat er auch später angedeutet; denn nachdem er Solches an hundert oder zweihundert Personen nachgewiesen hatte, und nun die geringe Anzahl sah, sagte er dann: „ihrer war die Welt nicht werth.“3 „Durch den Glauben brachte Abel Gott ein besseres Opfer als Kain dar.“ Betrachte, wen er zuerst hinstellt, Denjenigen nämlich, der da Böses erduldet vom eigenen Bruder, dem kein Unrecht zugefügt worden, sondern der Gottes wegen neiderfüllt war. Das Leiden war daher mit dem ihrigen verwandt: „Da auch ihr, will er sagen, Dasselbe erlitten habt von eueren Landsleuten.“4 Zugleich zeigt er, daß auch diese von Neid und Mißgunst erfüllt seien. Jener ehrte Gott und zog sich durch diese Verehrung den Tod zu, und ist der Auferstehung doch nicht theilhaftig geworden. Jedoch sein Eifer ist offenbar, und was an ihm lag, ist geschehen, aber die göttliche Vergeltung ist ihm noch nicht zu Theil geworden.

Ein „besseres Opfer“ heißt aber hier so viel als ein geschätzteres, ein glänzenderes, ein nothwendigeres. Wir können aber nicht sagen, daß es nicht angenehm gewesen sei; denn Gott nahm es auf und sagte zu Kain, daß, wenn er auch recht geopfert, so doch nicht recht getheilt habe.5 Also hat Abel recht geopfert und recht getheilt. Welche Vergeltung hat er aber dafür erhalten? Er ist gemordet worden von der Hand des Bruders, und die Strafe, welche der Vater wegen der Sünde erwartete, empfing zuerst der Sohn, der fromm gelebt hatte; und um so schwerer war, was er erduldete, als er dieses vom Bruder, und zwar als der Erste erlitt. Und das Gute übte er, ohne auf Jemanden hinzuschauen. Denn auf wen sah er und ehrte Gott? [S. 331] Auf den Vater und die Mutter? Aber diese fügten ihm für seine guten Werke Unbilden zu. Auf den Bruder. Aber auch von diesem erfuhr er Schmach: er fand also das Gute aus sich selber. Und was widerfährt ihm, der so großer Ehre würdig war? Er wird ermordet. Dann stellt er noch ein anderes Lob hin mit den Worten: „und erhielt dadurch das Zeugniß, gerecht zu sein, indem Gott seinen Gaben Zeugniß gab; und mittelst desselben redet der Verstorbene jetzt noch.“ Wie aber empfing er auch auf andere Weise das Zeugniß, gerecht zu sein? Es soll Feuer herunter gekommen sein und die Opfergaben verkehrt haben. Denn statt der Worte: „Da sah der Herr auf Abel und seine Gaben,“ liest man auch: „verzehrte mit Feuer.“ Der also durch Worte wie durch Thaten gezeigt hatte, daß er gerecht sei, und der deßhalb ihn auch durch Mord fallen sah, leistete keine Abwehr, sondern ließ es geschehen.

1: Hebr 1032,
2: Röm 1,12
3: Hebr 11,38
4: 1 Thess 2,14
5: vgl. Gen 4,7

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger