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Chrysostomus († 407) - Homilien über den Brief an die Hebräer

Einundzwanzigste Homilie.

I.

32. 33. 34. Erinnert euch aber der früheren Tage, in welchen ihr nach euerer Erleuchtung einen schweren Kampf der Leiden bestandet, indem ihr einerseits durch Schmach und Trübsal zum Schauspiel geworden, andererseits Theilnehmer Derer wurdet, die solches Schicksal hatten; denn ihr hattet Mitleiden mit den Gefangenen und ertruget mit Freude den Raub euerer Güter, wohl wissend, daß ihr ein besseres und bleibendes Gut im Himmel habet.

Wenn die berühmtesten Ärzte eine tiefe Wunde geschnitten und durch den Schnitt die Schmerzen vermehrt haben, so bringen sie an dem leidenden Theile besänftigende Mittel in Anwendung und beruhigen und heben wieder die beängstigte Seele und fügen keinen zweiten Schnitt hinzu, sondern kommen dem bereits vorhandenen mit lindernden und den größten Schmerz benehmenden Mitteln zu Hilfe. Das hat auch Paulus gethan; nachdem er ihre Seelen erschüttert und durch die Erinnerung an die Hölle durchbohrt und sie überzeugt hatte, daß Derjenige, welcher mit [S. 315] Übermuth der Gnade Gottes begegnet, sicher zu Grunde gehe; und nachdem er aus den Gesetzen des Moses bewiesen hatte, daß sie zu Grunde gehen und einem noch strengern Strafgerichte verfallen würden; und nachdem er seine Worte durch noch andere Zeugnisse bekräftiget und gesagt hatte, daß es schrecklich sei, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen: so tröstet er sie, damit die durch große Furcht niedergedrückte Seele nicht vor Trauer verschmachte, durch Lob und Zuspruch und stellt ihnen den Wetteifer, den sie von Haus aus hatten, vor Augen: „Erinnert euch aber,“ sagt er, „der früheren Tage, in welchen ihr nach euerer Erleuchtung einen schweren Kampf der beiden bestandet!“ Groß ist der Trost, der aus den Werken stammt; denn wer eine Sache angefangen hat, muß auch nothwendig in der Ausführung voranschreiten; als wollte er sagen: im Anfange, da ihr noch in der Reihe der Schüler waret, zeigtet ihr einen so herrlichen Muth und so große Tüchtigkeit; jetzt aber nicht mehr. Und wer eine Mahnung ausspricht, nimmt sie am besten von Dem her, was sie (die zu Ermahnenden) selber angeht. Und siehe, er sagt nicht einfach: „ihr habt einen Kampf bestanden,“ sondern setzt bei: einen „schweren“. Auch sagt er nicht: „Versuchungen“, sondern: „Kampf“, worin das größte Lob und der höchste Ruhm ausgesprochen liegen. Dann zählt er sie (die Kämpfe) der Reihe nach auf, spricht sich weitläufiger aus und ergeht sich in vielen Lobeserhebungen. Wie denn? „Indem ihr,“ sagt er, „einerseits durch Schmach und Trübsale zum Schauspiel geworden.“ Ein vortreffliches Mittel ist die Schmach, um die Herzen zu treffen, und geeignet, die Seele zur Umkehr zu bringen und den Verstand schwindlich zu machen; denn höre, was der Prophet spricht: „Meine Thränen sind meine Speise Tag und Nacht, da man täglich zu mir sagt: wo ist dein Gott?“1 Und [S. 316] wieder: „Wenn mich der Feind geschmäht hätte, so würde ich es ertragen haben;“2 denn weil das Menschengeschlecht sehr an Ruhmsucht leidet, so wird es davon auch leicht ergriffen. Und er sagt nicht einfach: „durch Schmach,“ sondern sagt noch mit besonderem Nachdruck: „zum Schauspiel geworden.“ Denn wenn Jemand für sich Schmach erfährt, so ist Das schon lästig, viel mehr aber noch, wenn es in Gegenwart Aller geschieht. Denn betrachte, wie gar mißlich es war, von der jüdischen Unvollkommenheit abgefallen zu sein und nach der Erhebung zu einem ausgezeichneten Leben die väterlichen Satzungen verachtet zu haben und nun von den Seinigen verfolgt zu werden und keinen Schutz zu finden! Ich kann nicht sagen, bemerkt er, daß ihr Dieß zwar ertragen, aber mit Schmerz erduldet habt, sondern sogar mit freudiger Bereitwilligkeit. Dieß hat er ausgesprochen mit den Worten: „anderseits Theilnehmer Derer wurdet, welche solches Schicksal hatten; denn ihr hattet Mitleiden mit den Gefangenen,“ und bezieht sich auf die Apostel selbst. Ihr habt euch, sagt er, nicht allein euerer Angehörigen nicht geschämt, sondern ihr wäret auch Theilnehmer der Andern, welche Solches erdulden. Das sind auch Worte zu ihrer Ermunterung. Er sagt nicht: ihr traget meine Trübsale, ihr seid meine Theilnehmer, sondern er spricht einfach: „ihr hattet Mitleid mit den Gefangenen.“ Siehst du, daß er von sich und den andern Gefangenen spricht? Auf diese Weise habt ihr die Fesseln nicht für Fesseln gehalten, sondern wie edle Kämpfer standet ihr da, so daß ihr nicht allein in eueren Leiden des Trostes nicht bedurftet, sondern auch noch Andern zum Troste gereichtet. „Und ihr ertruget mit Freude den Raub euerer Güter.“ Ha! Welche Fülle des Glaubens! Dann fügt er auch die Ursache bei, nicht bloß, um sie zum Kampfe zu ermuntern, sondern auch, damit ihr [S. 317] Glaube nicht erschüttert würde. Ihr habt gesehen, sagt er, wie euer Reichthum geraubt wurde, und habt es ertragen; denn ihr habt schon den unsichtbaren (Reichthum) wie sichtbar vor Augen gehabt, was das Zeichen eines ächten Glaubens ist, und habt diesen durch die Thaten selbst gezeigt. Aber das Beraubtwerden war vielleicht eine Folge der Gewaltthätigkeit Derjenigen, die den Raub ausführten, und es konnte möglicher Weise Das Niemand verhindern, so daß es keineswegs einleuchtend ist, daß ihr durch den Glauben den Raub ertragen habt. Jedoch auch Das ist offenbar; denn es stand bei euch, wenn ihr nur gewollt, nicht beraubt zu werden, falls ihr nur dem Glauben entsagt hättet. Aber was noch viel mehr ist als Dieses, habt ihr gethan: ihr habt Solches mit Freude ertragen, was ganz apostolisch und jener edlen Seelen würdig ist, die sich freuten, gegeißelt worden zu sein. „Sie aber,“ heißt es, „gingen freudig vom Angesichte des hohen Rathes hinweg, weil sie gewürdiget wurden, um des Namens Jesu willen Schmach zu leiden.“3 Wer aber mit Freuden Etwas erträgt, zeigt, daß er einen gewissen Lohn hat, und daß ihm die Sache nicht Schaden, sondern Gewinn bringt. Aber auch der Ausdruck: „ertruget“ zeigt an, daß ihr Dulden ein freiwilliges war. Wie habt ihr nun Solches aus freier Wahl ertragen? „Wohl wissend,“ sagt er, „daß ihr ein besseres und bleibendes Gut im Himmel habet.“ Was heißt Das: „ein bleibendes“? Ein festes, das nicht so vergänglich ist wie dieses.

1: Ps 41,4
2: Ps 54,13
3: Apg 5,41

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger