Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Chrysostomus († 407) - Homilien über den Brief an die Hebräer

Neunzehnte Homilie.

I.

(Fortsetzung.)

19. - 23. Weil wir nun, Brüder, zuversichtliche Hoffnung haben, in das Heiligthum durch das Blut Christi einzugehen, wohin er uns einen neuen und lebendigen Weg durch den Vorhang, das ist durch sein Fleisch, bereitet hat, und weil wir einen großen Priester über das Haus Gottes haben: so lasset uns hinzutreten mit aufrichtigem Herzen, mit vollkommenem Glauben, nachdem unsere Herzen besprengt sind (zur Reinigung) vom Bewußtsein des Bösen, und der Leib gewaschen ist mit reinem Wasser; lasset uns unwandelbar festhalten am Bekenntniß unserer Hoffnung.

Nachdem er gezeigt hatte, wie groß der Unterschied sei zwischen dem Hohenpriester und den Opfern und dem Zelte, dem Testamente und der Verheißung, und daß derselbe sehr bedeutend sei, indem jene zeitlich, diese aber ewig, jene dem Untergange nahe, diese aber bleibend, jene schwach, diese vollkommen, jene Vorbild, diese aber Wahrheit seien, - [S. 293] „denn nicht nach Vorschrift einer fleischlichen Bestimmung,“ heißt es, „sondern nach der Kraft eines unauflösbaren Lebens;“1 und wieder: „Du bist ein Priester in Ewigkeit“ (siehe die Ewigkeit des Priesters!) und in Bezug auf das Testament sagt er, daß jenes alt sei; denn „was veraltet ist und hinfällig wird, ist seinem Ende nahe;2 dieses aber sei neu und habe die Nachlassung der Sünden, jenes aber besitze Nichts der Art; denn „das Gesetz,“ heißt es, „hat nichts zur Vollkommenheit gebracht;“3 und wieder: „Opfer und Gaben hast du nicht gewollt;“ jenes sei von Menschenhand, dieses aber nicht; jenes habe das Blut der Böcke, dieses aber das des Herrn; jenes den Priester stehend, dieses aber denselben sitzend -: nachdem er also gezeigt hatte, daß all Jenes kleiner, Dieses aber größer sei, darum sagt er: „Weil wir nun, Brüder, zuversichtliche Hoffnung haben.“ Woher diese Zuversicht? Von der Nachlassung. Denn wie die Sünden, sagt er, Scham bereiten, so erzeugt die gänzliche Nachlassung derselben Zuversicht. Und Das nicht allein; wir sind auch Miterben und einer so großen Liebe theilhaftig geworden.

„In das Heiligthum einzugehen.“ Was nennt er hier Eingang? Den Himmel und den Zutritt zu den geistigen Gütern. „Welchen (Weg) er uns neu bereitet hat,“ d. h. eingerichtet, und auf dem er den Anfang gemacht hat; denn die Neueinrichtung will so viel heissen als der erste Gebrauch; welchen er neu einrichtete, sagt er, und auf welchem er selbst einging. „Einen neuen und lebendigen Weg.“ Hier zeigt er die Fülle der Hoffnung. „Einen neuen,“ sagt er. Er bemüht sich, zu zeigen, daß wir Alles größer erhalten haben, da uns jetzt die Himmelspforten geöffnet worden, was nicht einmal bei Abraham geschah. Treffend sagt er: „Einen [S. 294] neuen und lebendigen Weg;“ denn der erste war der Weg des Todes, der zur Hölle führt; dieser aber ist der Weg des Lebens. Er nennt ihn aber nicht Weg des Lebens, sondern lebendigen Weg, um anzuzeigen, daß er bleibt.

„Durch den Vorhang, das ist durch sein Fleisch.“ Denn dieses Fleisch hat zuerst ihm jenen Weg geöffnet, wovon es heißt, daß er ihn neu bereitet habe, indem er selbst sich würdigte, durch denselben einzugehen. Passend aber hat er das Fleisch einen Vorhang genannt; denn nachdem er in die Höhe emporgehoben war, da erschienen die himmlischen Dinge.

„So lasset uns,“ sagt er, „hinzutreten mit aufrichtigem Herzen!“ Als welche wollen wir hinzutreten? Wenn Jemand heilig ist durch den Glauben und die Anbetung im Geiste: „mit aufrichtigem Herzen, mit vollkommenem Glauben“ das ist, da Nichts sichtbar ist, weder der Priester noch das Opfer noch der Altar gesehen wird, wiewohl auch jener Priester nicht sichtbar war, sondern er selbst stand drinnen, Jene alle aber, das ganze Volk nämlich, draussen. Hier aber zeigt er nicht allein Dieses, daß der Priester in das Heiligthum einging, denn Das bekundet er durch die Worte: „Und einen großen Priester über das Haus Gottes,“ sondern daß auch wir eingehen. Darum sagt er: „mit vollkommenem Glauben;“ denn man kann auch zweifelnd glauben, sowie es auch jetzt Viele gibt, die da sagen, daß Manche auferstehen, Manche aber nicht. Das aber ist kein vollkommener Glaube; denn man muß so glauben, als schaute man wirklich, und noch viel mehr; denn hier ist bei Dem, was man schaut, ein Irrthum möglich, dort aber nicht; denn hier verlassen wir uns auf die sinnliche Wahrnehmung, dort aber auf den Geist.

„Nachdem unsere Herzen besprengt sind (zur Reinigung) vom Bewußtsein des Bösen.“ [S. 295] Hier zeigt er, daß nicht nur der Glaube, sondern auch ein tugendhaftes Leben verlangt wird, und daß man sich selbst keiner Missethat bewußt sei. Denn das Heiligthum nimmt nur Diejenigen auf, welche mit der Fülle des Glaubens ausgerüstet sind; denn es ist das Heiligthum und das Allerheiligste; darum betritt es auch kein unheiliger Mensch. Jene wurden am Körper besprengt, wir aber im Gewissen, so daß man auch jetzt besprengt werden kann, aber durch die Tugend selbst. „Und der Leib gewaschen ist mit reinem Wasser.“ Hier meint er das Abwaschen, nicht das, welches den Leib, sondern die Seele reinigt. „Denn getreu ist, der die Verheissung gethan hat.“ Und was hat er denn versprochen und ist treu? Daß man dorthin kommen und in das Reich eintreten solle. Grüble also nicht und verlange nicht nach Gründen! Unsere Sache fordert Glauben.

24. 25. Und lasset uns, sagt er, auf einander Acht haben, um zu wetteifern in der Liebe und in guten Werken, indem wir nicht verlassen unsere Versammlung, wie Einige die Gewohnheit haben, sondern einander aufmuntern, und Das um so mehr, je mehr ihr sehet, daß der Tag herannahet.

Und wieder an einer anderen Stelle: „Der Herr ist nahe; seid nicht ängstlich besorgt; denn jetzt ist unser Heil näher.“4 Und wiederum: „Die Zeit ist kurz.“5 Was heißt Das: „Indem wir nicht verlassen unsere Versammlung“? Er wußte, daß in dem Zusammensein und in der Vereinigung große Kraft liege; „denn wo Zwei oder Drei,“ heißt es, „in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“6 Und wieder: [S. 296] „Damit sie Eins seien, wie auch wir Eins sind.“7 Und wiederum: „Alle waren ein Herz und eine Seele.“8 Aber nicht darum allein, sondern weil aus der Versammlung auch die Liebe Nahrung schöpft, aus der wachsenden Liebe aber auch nothwendig die Sache Gottes gewinnt. „Die Kirche,“ heißt es, „betete ohne Unterlaß zu Gott.“9

„Wie Einige die Gewohnheit haben.“ Hier spricht er nicht nur eine Ermunterung, sondern auch einen Tadel aus.

„Und lasset uns auf einander Acht haben, um zu wetteifern in der Liebe und in guten Werken!“ Er wußte, daß auch Dieß durch ihre Versammlung geschehe; denn wie Eisen Eisen schärft, so vermehrt auch die Versammlung die Liebe. Denn wenn der Stein an Stein gerieben Feuer gibt, um wie viel mehr thun Dieß die in einander geflossenen Seelen? Siehe, er sagt nicht: nachzuahmen, sondern: „zu wetteifern in der Liebe.“ Was heißt Das: „zu wetteifern in der Liebe“? Um mehr zu lieben und geliebt zu werden. Er fügt aber bei: „und in guten Werken,“ - damit sie Eifer gewännen. Mit Recht. Denn wenn die Thaten, will er sagen, eine größere Gewalt haben, zu belehren, als die Worte, so habt auch ihr viele Lehrer in der Menge, die durch ihre Thaten also wirken. Was heißt Das: „Lasset uns hinzutreten mit aufrichtigem Herzen?“ Das heißt: ohne Heuchelei; „denn wehe,“ heißt es, „dem doppelten Herzen, den Händen, die Böses thun!“10 Keine Lüge, will er sagen, sei in euch; wir dürfen nicht Anderes sprechen [S. 297] und Anderes denken; denn das ist Lüge; auch nicht kleinmüthig sein, denn Das beweist kein aufrichtiges Herz; stammt ja aus dem Unglauben der Kleinmuth. Wie aber wird Dieß geschehen? Wenn wir uns eine sichere Überzeugung durch den Glauben verschaffen. „Nachdem unsere Herzen besprengt sind.“ Warum sagt er nicht: gereinigt, sondern: besprengt ? Er will die Verschiedenheit der Besprengung zeigen, und daß es ein Anderes ist, was Gott thut, und ein Anderes, was wir thun. Denn das Gewissen zu waschen und zu besprengen ist Gottes Werk; mit Aufrichtigkeit aber und mit der Fülle des Glaubens hinzuzutreten ist unsere Sache. Dann gibt er dem Glauben auch Kraft von der Wahrhaftigkeit Dessen, der die Verheissung gemacht hat. Was heißt Das: „Und der Leib gewaschen ist mit reinem Wasser“? Entweder will er sagen: welches rein macht, oder: welches kein Blut enthält. Dann fügt er das Vollkommene, nämlich die Liebe, hinzu. „Indem wir,“ sagt er, „nicht verlassen unsere Versammlung,“ - was Einige, sagt er, thun und die Zusammenkünfte trennen. Dieses verbietet er ihnen: „Wenn ein Bruder dem andern zu Hilfe kommt, so ist’s wie eine feste Stadt.“11

„Sondern lasset uns auf einander Acht haben, um zu wetteifern in der Liebe!“ Was heißt Das: „Lasset uns auf einander Acht haben“? Wenn z. B. Jemand tugendhaft ist, den wollen wir nachahmen, wollen auf ihn sehen, um zu lieben und geliebt zu werden; denn aus der Liebe stammen die guten Werke.

1: Hebr 7,16; 5,6
2: Hebr 8,13
3: Hebr 7,19
4: Phil 4,5
5: 1 Kor 7,29
6: Mt 18,20
7: Joh 17,11
8: Apg 4,32
9: Apg 12,5
10: Ekkli 2,14
11: Spr 18,19

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Homilien über den Brief an die Hebräer
Bilder Vorlage

Navigation
. Mehr
. Elfte Homilie.
. Zwölfte Homilie.
. Dreizehnte Homilie. ...
. Vierzehnte Homilie
. Fünfzehnte Homilie. ...
. Sechzehnte Homilie. ...
. Siebenzehnte Homilie. ...
. Achtzehnte Homilie. ...
. Neunzehnte Homilie. ...
. . I.
. . II.
. Zwanzigste Homilie. ...
. Einundzwanzigste Homil...
. Zweiundzwanzigste Homi...
. Dreiundzwanzigste Homi...
. Vierundzwanzigste Homi...
. Fünfundzwanzigste ...
. Sechsundzwanzigste ...
. Siebenundzwanzigste ...
. Mehr

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger