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Chrysostomus († 407) - Homilien über den Brief an die Hebräer
Achtzehnte Homilie.

III.

Niemand halte also dafür, daß die Armuth die Ursache von Unehre sei; denn wenn sich Tugend vorfindet, ist auch der gesammte Reichthum des Erdkreises mit ihr verglichen nicht einmal Koth oder Spreu! Ihr wollen wir daher nachstreben, wenn wir ins Himmelreich eingehen wollen; denn es heißt: „Verkaufe, was du hast, und gib es den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben.“1 Und wieder: „Es ist schwer, daß ein Reicher ins Himmelreich eingehe.“2 Siehst du, daß man die Armuth, auch wenn sie nicht da ist, zu gewinnen suchen muß? Ein so großes Gut ist die Armuth; denn sie geleitet gleichsam auf den Weg, der zum Himmel führt; sie ist die Salbung zum Kampfe, eine herrliche und bewunderungswürdige Übung, ein ruhiger Hafen. Allein ich brauche Vieles, heißt es, und ich mag von Niemanden eine Gnadengabe annehmen. Aber auch hierin steht der Reiche dir nach; denn du bittest vielleicht um ein Almosen, um dich zu nähren; jener aber fordert unverschämt, um durch den Besitz unzähliger Dinge seine Habsucht zu befriedigen. So sind es die Reichen, die Vieles nothwendig haben. Und was sage ich Vieles? Sie brauchen oft Gegenstände, die ihrer unwürdig sind, z. B. Soldaten und Sklaven. Der Arme bedarf nicht einmal des Königs, und wenn er dessen bedarf, wird er bewundert, daß er sich selbst in diese Lage versetzt hat, da er doch reich sein könnte. Niemand klage daher die Armuth an, als wäre sie die Ursache zahlloser Übel, Niemand widerspreche Christus, der sie ja die Vollendung der Tugend nennt, da er spricht: „Wenn du vollkommen sein willst.“ Das hat er in Worten ausgesprochen, durch Thaten gezeigt und durch seine Schüler gelehrt. Streben wir also nach Armuth; denn sie ist das größte Gut [S. 290] für Diejenigen, welche nüchternen Geistes sind. Vielleicht werden Einige der Zuhörer empfindlich berührt. Ich zweifle nicht daran; denn groß ist diese Krankheit bei den meisten Leuten und so gewaltig die Tyrannei des Geldes, daß man nicht einmal auch nur einen Angriff in Worten auf dieselbe verträgt, sondern vor einem solchen zurückbebt. Ferne sei Dieß von der Seele des Christen; denn Niemand ist reicher als Der, welcher aus freien Stücken und mit freudigem Muthe die Armuth erwählt hat. Wie denn? Ich will es sagen, und wenn ihr wollt, will ich zeigen, daß Derjenige, welcher freiwillig arm geworden, reicher ist als selbst der König. Denn dieser braucht Vieles und lebt in Sorgen und fürchtet, er möchte Mangel haben an Dem, was zum Unterhalte des Heeres gehört. Jener aber hat Alles im Überflusse, hat keine Furcht in Betreff irgend einer Sache, und wenn auch, so ängstigt er sich doch über nichts Besonderes. Wer, sag’ an, ist nun reich? Der sich jeden Tag in Sorgen verzehrt und sich abmüht, Vieles zu sammeln, und von Angst gequält ist, er möchte Mangel leiden, - oder Der, welcher Nichts anhäuft und in reichem Überflusse lebt und keine Bedürfnisse hat? Denn Zuversicht verleiht die Tugend und die Furcht Gottes, nicht aber das Geld, denn dieß macht zum Sklaven; „denn Geschenke,“ heißt es, „und Gaben verblenden die Augen der Weisen (Richter); sie machen sie stumm, so daß sie nicht strafen können.“3 Betrachte, wie jener arme Petrus den reichen Ananias gestraft hat. War Dieser nicht reich, Jener aber arm? Aber siehe, wie er mit Ansehen spricht und sagt: „Habt ihr den Acker um soviel verkauft?“4 Jener aber mit Kleinmuth antwortet: „Ja, um soviel.“ Und wer, sagt man, wird mir Das geben, zu sein wie Petrus? Du kannst wie Petrus sein, wenn du wegwerfen willst, was du hast; theile aus, gib den Armen, folge Christus nach, und du wirst ein Solcher sein. Wie? Jener, sagt man, hat Wunder gethan. [S. 291] Ist es denn Das, sage mir, was den Petrus so bewunderungswerth gemacht hat, oder die Zuversicht, die aus seinem Leben stammt? Hörst du nicht, was Christus sagt? „Freuet euch nicht darüber, daß euch die Teufel gehorchen! Willst du vollkommen sein, so gehe hin, verkaufe Alles, was du hast, und gib es den Armen; so wirst du einen Schatz im Himmel haben.“5 Höre, was Petrus sagt: „Gold und Silber habe ich nicht; was ich aber habe, Das gebe ich dir.“6 Wenn Einer Gold und Silber hat, so hat er Dieses nicht. Wie aber verhält es sich damit, sagt man, daß Viele weder Dieses noch Jenes haben? Weil sie nicht freiwillig arm sind; welche aus freien Stücken in Armuth leben, haben alle Güter. Denn wenn sie auch weder Todte erwecken, noch Lahme heilen, so haben sie doch, was größer als Alles ist. Zuversicht zu Gott; an jenem Tage werden sie die beseligende Stimme hören, die da spricht: „Kommet, ihr Gesegnete meines Vaters!“ Was hat wohl höheren Werth? „Besitzet das Reich, welches seit Grundlegung der Welt euch bereitet ist; ich war durstig, und ihr habt mich getränkt; ich war ein Fremdling, und ihr habt mich beherbergt; ich war nackt, und ihr habt mich bekleidet; ich war krank und im Gefängnisse, und ihr habt mich besucht. Besitzet das Reich, welches seit Grundlegung der Welt euch bereitet ist!7 Fliehen wir also die Habsucht, damit wir das Himmelreich erlangen! Nähren wir die Armen, auf daß wir Christus nähren, damit wir seine Miterben werden, in Christus Jesus, unserem Herrn, welchem mit dem Vater und dem heiligen Geiste sei Ruhm. Macht und Ehre jetzt und alle Zeit und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen. [S. 292]

1: Mt 19,21
2: Mt 19,23
3: Ekkli 20,31
4: Apg 5,8
5: Mt 19,21
6: Apg 3,6
7: Mt 25,34-36

 

 

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Einleitung: Homilien über den Brief an die Hebräer
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger