Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Chrysostomus († 407) - Homilien über den Brief an die Hebräer
Achtzehnte Homilie.

II.

Verbannen wir daher die fleischlichen Bestrebungen! Welche sind aber fleischlich? Alle, die da bewirken, daß der Körper blühend und behäbig sei, die Seele aber schädigen, z. B. Reichthum, Wohlleben, Ruhm; alle diese sind fleischlich, sind Körperliebe. Wünschen wir daher nicht, mehr zu haben, sondern streben wir immer nach der Armuth; denn diese ist ein großes Gut! Aber, sagt man, sie macht niedrig und gering. Dieß ist uns nothwendig; denn es bringt uns großen Nutzen. „Die Armuth,“ heißt es, „macht den Menschen demüthig.1 Und wiederum sagt Christus: „Selig sind die Armen im Geiste.“2 Betrübst du dich darüber also, daß du einen Weg hast, der zur Tugend führt? Weißt du nicht, daß uns diese große Zuversicht verleiht? „Aber die Weisheit des Armen,“ heißt es, „wird verachtet;“3 und ein Anderer sagt: „Armuthund Reichthum gib mir nicht;“4 und: „Aus dem Glutofen der Armuth rette mich.“ Wie aber wiederum, wenn Reichthum und Armuth vom Herrn kommen, können denn die Armuth und der Reichthum ein Übel sein? Weßhalb nun sind diese Worte gesprochen? Diese Worte wurden im alten Testamente gesprochen, wo der Reichthum sehr geschätzt war, die Armuth in großer Verachtung stand, diese als Fluch, jener als Segen galt. Aber jetzt ist es nicht mehr so. Allein willst du das Loh der Armuth hören? Christus hat sie gewählt, und er spricht: „Der Menschensohn hat nicht, wohin er sein Haupt hinlege.“5 Und wieder sagt er zu seinen Jüngern: „Ihr sollet weder Gold noch Silber noch [S. 288] zwei Röcke haben.“6 Und Paulus schreibt: „Wie Nichts habend und doch Alles besitzend.“7 Und Petrus sprach zum Lahmgebornen: „Silber und Gold habe ich nicht.“8 Selbst im alten Testamente, wo der Reichthum in hohem Ansehen stand, welche, sage mir, waren hochgeehrt? Nicht Elias, welcher ausser dem Schafspelze Nichts besaß? nicht Elisäus? nicht Johannes? Niemand sei daher niedergeschlagen wegen der Armuth; denn nicht die Armuth ist es, die dienstbar macht, sondern der Reichthum, der viele Bedürfnisse schafft und zwingt, Vielen dankbar zu sein. Wer war denn ärmer, sag’ an, als Jakob, der da sprach: „So Gott mir Brod zu essen gibt und Kleider anzuziehen.“9 Waren nun Elias und Johannes mit ihrer Umgebung nicht freimüthig? Hat Jener nicht den Achab, Dieser den Herodes getadelt? Er sagte: „Es ist dir nicht erlaubt, deines Bruders Philippus Weib zu haben.“10 Elias aber sprach mit Freimuth zu Achab: „Ich verwirre Israel nicht, sondern du und das Haus deines Vaters.“11 Siehst du, daß gerade die Armuth eine freie Sprache zu führen erlaubt? Denn der Reiche ist ein Sklave, da er dem Verluste ausgesetzt ist und von Jedem, der dazu die Absicht hat, Schaden erleiden kann; wer aber Nichts hat, fürchtet weder Entziehung der Güter noch Verurtheilung. Wenn also die Armuth nicht eine freimüthige Sprache verliehe, würde Christus seine Jünger gewiß nicht in Armuth zu einer Sache ausgesandt haben, die eine so große Freimüthigkeit erheischte. Denn der Arme ist gar stark, und er hat Nichts, woraus ihm ein Unrecht oder ein Schaden erwachsen könnte. Dem Reichen ist aber von allen Seiten bequem beizukommen; und wie man Einen, der da viele und lange Stricke nachschleppt, leicht fangen kann, wer aber nackt ist, sich nicht so leicht festhalten läßt, also verhält es sich auch mit dem [S. 289] Reichen: Sklaven, Gold, Güter, unzählige Sachen, zahllose Sorgen, Verhältnisse und Nothwendigkeiten machen ihn für Alle leicht bezwingbar.

1: Spr 10,4
2: Mt 5,3
3: Ekkle 9,16
4: Spr 30,8
5: Mt 8,20
6: Mt 10,9
7: 2 Kor 6,10
8: Apg 3,6
9: Gen 28,20
10: Mk 6,18
11: 3 Kön 18,18

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Homilien über den Brief an die Hebräer
Bilder Vorlage

Navigation
. Mehr
. Zehnte Homilie.
. Elfte Homilie.
. Zwölfte Homilie.
. Dreizehnte Homilie. ...
. Vierzehnte Homilie
. Fünfzehnte Homilie. ...
. Sechzehnte Homilie. ...
. Siebenzehnte Homilie. ...
. Achtzehnte Homilie. ...
. . I.
. . II.
. . III.
. Neunzehnte Homilie. ...
. Zwanzigste Homilie. ...
. Einundzwanzigste Homil...
. Zweiundzwanzigste Homi...
. Dreiundzwanzigste Homi...
. Vierundzwanzigste Homi...
. Fünfundzwanzigste ...
. Sechsundzwanzigste ...
. Mehr

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger