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Chrysostomus († 407) - Homilien über den Brief an die Hebräer
Dreizehnte Homilie.

V.

Wähne aber nicht, daß Alle, wenn von einem königlichen (kaiserlichen) Palaste die Rede ist, eines solchen theilhaftig werden. Denn wenn schon hier der Unterfeldherr (ὕπαρχος) und die ganze königliche Umgebung, dann aber Diejenigen, welche weit unter diesen stehen und die Stelle der sogenannten Hofdiener1 einnehmen, im königlichen Palaste wohnen, - und doch ist ein großer Unterschied zwischen einem Unterfeldherrn und einem Hofdiener, - so wird in noch viel höherem Grade ein ähnliches Verhältniß im Himmelreich stattfinden. Und was ich da sage, ist nicht meine persönliche Ansicht; denn noch eine andere größere Verschiedenheit macht Paulus geltend. Sowie nämlich große Verschiedenheiten obwalten zwischen der Sonne, dem Monde, den Sternen und dem allerkleinsten Sterne, so wird es auch im Himmelreich sein. Und daß ein größerer Unterschied zwischen der Sonne und dem kleinsten Sterne obwalte, als der sogenannte Hofdiener vom Unterfeldherrn verschieden ist, wird Allen einleuchten. Denn die Sonne erleuchtet und [S. 226] erhellt auf einmal den ganzen Erdkreis und stellt den Mond und die Sterne in’s Dunkel; jener aber scheint oft nicht, und diese verschwinden in der Finsterniß; viele Sterne gibt es auch, die dem Auge unsichtbar bleiben. Wenn wir nun sehen, daß Andere zu Sonnen werden, wir aber den Platz der kleinsten Sterne, die wir nicht einmal sehen, einnehmen, welcher Trost wird uns da werden? Leben wir doch nicht, ich bitte, in Trägheit und Faulheit dahin, sondern erwerben wir uns, frei vom Leichtsinne, Heilsschätze bei Gott und vermehren wir sie. Denn wer auch nur Katechumene ist, kennt doch schon Christum, kennt den Glauben, hört das Wort Gottes, ist nicht weit von der Vollkenntniß der göttlichen Heilslehre und weiß den Willen seines Herrn. Warum schiebt er auf? Warum wartet und zögert er? Nichts ist besser als ein rechtschaffenes Leben, sowohl hier wie dort; ebenso bei den Erleuchteten (den Getauften) wie bei den Katechumenen. Denn sage mir, was ist uns denn Schweres zur Pflicht gemacht? Sei verehelicht, heißt es, und lebe keusch. Sag’ an, ist Das etwas Schweres? Und wie? Gibt es nicht Viele, nicht bloß Christen, sondern auch Heiden, welche ledigen Standes keusch leben? Was nun der Heide aus eitler Ruhmsucht vollbringt, willst du Das nicht einmal aus Gottesfurcht leisten? „Gib den Armen,“ heißt es, „von Dem, was du hast!“2 Ist Das schwer? Aber auch hier treten Heiden als Kläger gegen uns auf, indem sie sich, freilich nur aus eitler Ruhmsucht, aller Habe entäussern. „Rede nichts Unfläthiges!“3 Ist Das schwierig? Müßten wir Das nicht vollbringen, um unsere Ehre zu wahren, wenn es auch kein Gebot dieser Art gäbe? Daß aber das Gegentheil, ich meine die schamlosen Reden, schwer seien, geht daraus hervor, daß die Seele, wenn sie sich unterfängt, etwas Solches zu sagen, sich schämt und erröthet; und sie wird solche Reden nicht führen als etwa in trunkenem Zustande. Warum thust du denn Das [S. 227] nicht auf öffentlichem Platze, was du dir wohl zu Hause erlaubst? Nicht aus Rücksicht gegen die Anwesenden? Warum thust du Das nicht in Gegenwart deiner Frau? Geschieht es nicht darum, um sie nicht zu beleidigen? Also um deine Frau nicht zu kränken, thust du es nicht; und Gott beleidigest du, ohne zu erröthen? Denn Gott ist überall gegenwärtig und hört Alles. „Fliehe die Trunkenheit.“ heißt es.4 Ganz recht. Denn ist diese nicht schon an sich eine Strafe? Er sagt nicht: Martere den Leib, sondern was? Betrinke dich nicht, d. h. laß denselben nicht so üppig werden, daß der Seele Herrschaft verloren geht. Wie nun? Braucht man für den Leib nicht zu sorgen? Bewahre. Das sage ich nicht; sondern pflege ihn nicht zu üppiger Ausschweifung; denn denselben Befehl hat auch Paulus gegeben, indem er spricht: „Pfleget der Sinnlichkeit nicht zur Erregung der Lüste!“5 „Reisse nicht fremdes Gut an dich,“ heißt es, „sei nicht habsüchtig, schwöre keinen Meineid!“6 Welcher Mühen bedarf es dazu? welchen Schweißes? „Hüte dich vor dem Ehrabschneiden,“ heißt es, „und vor Verläumdung!“7 Welche Anstrengung kostet denn Das? Das Gegentheil aber hat wohl seine Mühe, denn hast du eine böse Zunge gehabt, so kommst du schnell in Gefahr und mußt besorgt sein, es konnte Der, welchem du Böses nachgesagt hast, davon Kenntniß erhalten, mag derselbe nun einem hohen oder niederen Stand angehören; denn hat er einen hohen Rang, so ist die Sache an sich schon gefährlich; ist er aber eine gewöhnliche Persönlichkeit, so kann er Gleiches mit Gleichem oder vielmehr deine bösen Reden noch in viel größerem Maaße vergelten. Kein Gebot fällt uns schwer, keines lästig, wenn wir nur wollen; fehlt uns aber der Wille, so erscheint uns auch das Leichteste als eine gewaltige Last. Was ist wohl leichter als essen? Allein im Übermaaße der Faulheit haben Viele [S. 228] auch dagegen ihren Widerwillen, Viele höre ich sogar sagen, daß auch das Essen eine Anstrengung sei. Wenn du nur willst, ist Nichts von diesen Dingen beschwerlich; denn nach der Gnade von oben ist Alles am Wollen gelegen. Wollen wir also das Gute, auf daß wir die ewigen Güter erlangen durch die Gnade und Menschenfreundlichkeit u. s. w. [S. 229]

1: Λεϰανοί. Hi decani lictores erant in aula imperatoris. Vide Cangium in Glossario Gr. ad vocem Λεϰανός.
2: Tob 4,7
3: Kol 3,8
4: Eph 5,18
5: Röm 13,14
6: Mt 5,33
7: Lk 3,14

 

 

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Einleitung: Homilien über den Brief an die Hebräer
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger