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Chrysostomus († 407) - Homilien über den Brief an die Hebräer
Dreizehnte Homilie.

IV.

So Viele also von uns des Siegels gewürdiget worden; so Viele am Genusse des Opfers Antheil bekommen; so Viele an dem unsterblichen Tische ihren Platz gefunden: stets treu wollen wir unseren Adel und unsere Ehre bewahren; denn der Abfall ist nicht ohne Gefahr. Alle Diejenigen aber, welche bis jetzt dieser Güter noch nicht gewürdiget worden, sollen darum kein vermessenes Vertrauen [S. 223] fassen; denn wenn Jemand deßhalb sündigt, um die heilig Taufe in den letzten Augenblicken des Lebens zu empfangen, wird er sie oft gar nicht erlangen.1 Ja, glaubet mir, ich will euch durch Das, was ich sage, nicht schrecken; ich habe Viele gekannt, welche diese traurige Erfahrung gemacht haben, indem sie im Vertrauen auf die Taufgnade viele Sünden begingen, am Ende ihres Lebens aber leer ausgingen; denn Gott hat die Taufe eingesetzt, um die Sünden zu tilgen, nicht aber, um dieselben zu mehren. Wollte sie aber Jemand dazugebrauchen, um desto ungescheuter sündigen zu können, so würde sie ja die Veranlassung der Ausschweifung sein. Denn gäbe es keine Taufe, dann würden die Menschen vorsichtiger wandeln, weil sie keine Vergebung zu erwarten hätten. Siehst du, daß wir jene Worte: „Sollen wir Böses thun, damit Gutes daraus komme?“2 zur vollen Geltung bringen? Darum wandelt auch ihr, die ihr noch nicht zu den Geheimnissen zugelassen worden seid, ich bitte euch, mit Vorsicht. Niemand trete als ein Miethling, Niemand ohne Überlegung in den Dienst der Tugend; Niemand scheue sie als eine schwere Last. Mit Lust und Freude wollen wir ihr uns weihen; denn müßten wir nicht auch dann gut sein, wenn kein Lohn zu hoffen wäre? Da uns nun aber eine Vergeltung in Aussicht gestellt ist, so wollen wir wenigst so gut werden. Ist aber Das nicht eine Schande und die größte Schmach? Wenn du mir keinen Lohn bietest, sagst du, werde ich nicht rechtschaffen werden. Darf ich mir da eine Bemerkung erlauben? Du wirst nie rechtschaffen sein, auch nicht, falls du dich rechtschaffen geberdest, wenn du es bloß um Lohn thust; denn du hältst die Tugend für Nichts, wenn du sie nicht liebst. Allein obgleich Gott unserer großen Schwäche wegen für die Tugendübung Lohn verheißt, so wollen wir [S. 224] ihr dennoch nicht folgen. Setzen wir aber den Fall, wenn ihr wollt, es scheide ein Mensch, der unzählige Verbrechen begangen, nach empfangener Taufe, was nach meiner Meinung nicht so leicht vorkommen wird, aus diesem Leben. Wie wird er, sage mir, dorthin übergehen? Wenn er auch seiner Thaten wegen nicht gerichtet wird, so wird er doch keine wahre Befriedigung finden, und zwar mit Recht. Denn wenn er, hundert Jahre alt geworden, kein anderen Verdienst aufzuweisen hätte, als daß er von Sünden frei geblieben, oder vielmehr nur, daß er aus purer Gnade Rettung gefunden, die Anderen aber mit Kronen geschmückt in Glanz und Ehre erblickte: würde er, obgleich er nicht der Hölle verfiel, den Schmerz wohl ertragen? Damit ich aber die Sache durch ein Beispiel deutlicher mache, nehmen wir an, es seien zwei Soldaten, von denen der eine stiehlt, Ungerechtigkeiten begeht und Betrügereien verübt, der Andere aber thue Nichts dergleichen, sondern führe sich eines Mannes würdig auf, vollbringe rühmliche Thaten, trage im Kriege glänzende Siege davon und röthe seine Rechte mit dem Blute (der Feinde). Nach einiger Zeit werde er von der Rangstufe, welche auch der Dieb inne hatte, plötzlich auf den kaiserlichen Thron erhoben und mit dem Purpur bekleidet; jener Dieb aber bleibe in seiner früheren Stellung und habe es nur der königlichen Gnade zu verdanken, daß seine Missethaten ungestraft bleiben, müsse sich aber mit dem letzten Platze begnügen und sich dem Könige unterordnen. Wird er nicht, sage es mir, von Schmerz überwältiget werden, wenn er seinen früheren Dienstgenossen auf der höchsten Stufe der Ehre, im Glanze des Thrones als Beherrscher des Erdkreises erblickt, sich selbst aber noch unten findet und selbst seine Straflosigkeit sich nicht zur Ehre rechnen kann, sondern darin nur königliche Huld und Gnade erblicken muß? Denn hat ihm der König auch verziehen und ihn der Rechenschaft entzogen, so lastet auf seinem Leben dennoch die Schande; denn auch Andere werden ihm keine Achtung bezeugen. Denn bei solchen Begnadigungen bewundern wir nicht Die, welche Huld empfangen, [S. 225] sondern Die, welche sie spenden; und je reicher die Gnaden fließen, desto größer wird die Scham der Empfänger, wenn sie sich vieler Verbrechen schuldig gemacht. Mit welchen Augen wird ein Solcher die Seligen im Himmelreich anschauen können, da diese zahllose Schweißtropfen und Wunden aufweisen können, er aber gar Nichts zu zeigen hat, sondern auch noch seine Rettung allein der Barmherzigkeit Gottes zuschreiben muß? Denn gleichwie ein Mörder oder ein Dieb oder ein Ehebrecher, der auf dem Punkte steht, seiner Strafe entgegengeführt zu werden, falls er von Jemandem los gebeten und in den Vorhof des königlichen Palastes hingestellt würde, Niemandem frei in’s Angesicht schauen könnte, obgleich ihm die Strafe erlassen worden: so würde es auch mit diesem der Fall sein.

1: Chrysostomus spricht hier gegen Jene, welche die Taufe bis zum Tode verschoben.
2: Röm 3,8

 

 

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Einleitung: Homilien über den Brief an die Hebräer
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger