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Chrysostomus († 407) - Homilien über den Brief an die Hebräer
Zwölfte Homilie.

III.

Daher ist es nothwendig, daß wir uns selbst bewachen, damit wir nicht schlafen. „Denn siehe,“ heißt es, „er schlummert und schläft nicht, der Israel behütet;“1 und: „Lasse nicht wanken deinen Fuß!“ Er sagt nicht: Werde nicht gerüttelt, sondern: Laß du nicht! Das Lassen liegt also in unserer Gewalt, nicht in der eines Anderen. Wenn wir daher fest und unbeweglich dastehen wollen, werden wir nicht wanken. Durch obige Worte hat er Dieses angedeutet. Wie aber? Liegt denn Nichts mehr in der Kraft Gottes? Alles liegt in der Gewalt Gottes, aber nicht so, daß unser freier Wille verletzt würde. Wenn nun, sagt man, Gottes Macht Alles thut, wie kann er uns dann schuldig erklären? Darum habe ich gesagt: Aber nicht so liegt Alles in Gottes Gewalt, daß dadurch unser freier Wille verletzt würde. Es liegt also an uns und an ihm. Wir müssen daher zuerst das Gute wählen, und ist dann die Wahl getroffen, fügt er das Seinige hinzu. Er kommt unseren Entschlüssen nicht zuvor, damit er unseren freien Willen nicht verletze. Haben wir uns aber zu Etwas entschlossen, dann gewährt er uns große Hilfe. Wenn es also auch an uns liegt, wie sagt denn Paulus: „Also liegt es nicht an Jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen“?2 Zunächst sprach er hier nicht seine [S. 205] Meinung aus, sondern was er aus dem vorliegenden Stoff schöpfte, und was vorausgegangen war; denn nachdem er gesagt hatte: „Es steht geschrieben: Ich erbarme mich, wessen ich mich erbarmen will, und ich erzeige Barmherzigkeit, wem ich Barmherzigkeit erzeigen will,“ spricht er: „Also liegt es nicht an Jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen.“ Sage mir also, was trifft ihn noch für ein Vorwurf?3

Zweitens kann Jenes gesagt werden, weil von Dem, welcher das Meiste geleistet hat, ausgesagt wird, er habe das Ganze vollbracht. An uns liegt es, zu wählen und zu wollen, Gott aber vollendet und führt zu Ende. Da also Dieser den größeren Antheil hat, schreibt er ihm das Ganze zu, indem er sich nach der Gewohnheit, wie sie in der menschlichen Gesellschaft besteht, ausdrückt. Denn so machen auch wir es. Ich gebe ein Beispiel. Wenn wir ein schön gebautes Haus sehen, so sprechen wir das Ganze dem Baumeister zu, und doch ist nicht das Ganze sein Werk, sondern auch die Arbeiter haben ihren Antheil und der Herr, der das Material geliefert, und viele Andere; aber dennoch schreiben wir Jenem, da er das Meiste geleistet, das Ganze zu. So auch hier. Und wiederum gebrauchen wir bei einer Menge, wo Viele sind, den Ausdruck: Alle, wo aber Wenige sind, sagen wir: Niemand. Auf ähnliche Weise sagt auch hier Paulus: „Also liegt es nicht an Jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen.“ Durch diese Worte erstrebt er zwei wichtige Zwecke: er will uns vor Hochmuth ob unserer guten Werke bewahren, dann aber auch uns bestimmen, Gott als die Ursache unserer Tugendwerke zu ehren. Magst du also laufen und magst du dich abmühen, was du Rühmliches [S. 206] thust, erachte nicht als dein Werk; denn wenn du den Ausschlag nicht von oben empfängst, ist Alles vergebens. Daß du aber bei selbsteigenem Bemühen mit der Hilfe von dorther zum Ziele gelangen wirst, ist klar, vorausgesetzt, daß du selber läufst und guten Willen zeigst. Er sagt also nicht, daß wir überhaupt vergebens laufen, sondern daß wir in dem Falle vergebens laufen, wenn wir Alles als unser Werk erachten und nicht den größeren Antheil Gott zuschreiben. Gott wollte nicht Alles wirken, damit es nicht scheine, als kröne er uns ohne Verdienst; er wollte aber auch uns nicht Alles vollbringen lassen, auf daß wir nicht dem Übermuthe verfallen. Denn wenn wir, da wir nur den geringeren Antheil haben, aufgeblasenen Geistes sind, was würde erst geschehen, wenn wir Herren des Ganzen wären? Denn Vieles hat Gott gethan, um unsere Prahlerei auszurotten. „Und seine Hand,“ heißt es, „bleibt noch ausgestreckt.“4 Mit wie vielen Leidenschaften hat er uns umgeben, um unseren Stolz zu vernichten. Mit wie vielen Thieren uns umstellt! Denn wenn Manche sagen: Warum Dieses? Wozu Das? so sprechen sie diese Worte gegen Das, was Gott will. Er hat dich in so große Furcht versetzt, und du bewahrest nicht einmal so die Demuth; wenn dir aber auch nur mittelmäßige Erfolge zufielen, würdest du in deiner Hoffart dich bis zum Himmel erheben.

1: Ps 120,4.3
2: Röm 9,6
3: Μέμϕεται - passiv gebraucht, wie es auch bei Diogen. Laert. vorkommt. Anm. d. Übers.
4: Is 5,25

 

 

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Einleitung: Homilien über den Brief an die Hebräer
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger