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Chrysostomus († 407) - Homilien über den Brief an die Hebräer
Neunte Homilie.

IV.

Wie nun? Gibt es denn keine Buße? Wohl gibt es eine Buße, aber eine zweite Taufe gibt es nicht. Es gibt eine Buße, die eine große Kraft besitzt und Denjenigen, der in seinen Verirrungen ganz vergraben liegt, wenn er nur will, von der Sündenlast befreien und aus der Gefahr in Sicherheit versetzen kann, und wäre er bis zum Abgrunde des Verderbens gekommen. „Denn,“ heißt es, „soll denn Der, welcher fällt, nicht wieder aufstehen, oder soll Der, [S. 163] welcher sich abgewendet hat, nicht wieder zurückkehren?“1 Christus kann, wenn wir wollen, in uns neu dargestellt werden; denn höre, was Paulus spricht: „Meine Kindlein, für die ich abermal Geburtsschmerzen habe, bis daß Christus in euch gestaltet wird!“2 Nur müssen wir uns zur Buße wenden. Denn betrachte die Menschenfreundlichkeit Gottes! Schon im Anfang hatten wir verdient, auf jegliche Weise gezüchtigt zu werden, weil wir das Naturgesetz empfangen haben und unzähliger Wohlthaten theilhaftig geworden, den Herrn nicht erkannt und ein unreines Leben geführt haben. Er aber unterzog uns nicht nur keiner Züchtigung, sondern überhäufte uns mit zahllosen Wohlthaten, als hätten wir große Werke vollbracht. Wiederum sind wir gefallen, und er züchtigt uns nicht mit der verdienten Strafe, sondern schenkt uns das Heilmittel der Buße, welches die Kraft hat, alle unsere Sünden zu tilgen und zu erlassen, wenn wir nur das Heilmittel in seiner Bedeutung erfassen und es recht anzuwenden verstehen. Von welcher Beschaffenheit ist nun dieß Heilmittel der Buße, und wie wird es zu Stande gebracht? Zuerst durch die Erkenntniß der eigenen Sünden und das Bekenntniß. „Meine Sünde,“ heißt es, „habe ich dir kund gethan und meine Ungerechtigkeit nicht verborgen;“ und: „Ich will bekennen meine Ungerechtigkeit dem Herrn, und du hast nachgelassen die Gottlosigkeit meines Herzens;“3 und wieder: „Bekenne du zuerst deine Sünden, damit du gerechtfertigt werdest;“4 und: „Der Gerechte klagt sich selbst am ersten an.“5 Zweitens durch große Demuth; ähnlich wie bei einer goldenen Kette dem Anfange das Ganze folgt. Denn hast du die Sünde bekannt, wie man sie bekennen soll, so wird die Seele demüthig; denn das Gewissen, welches ihr zusetzt, macht sie [S. 164] niedergeschlagen. Es muß aber zur Demuth auch noch Anderes hinzukommen, damit sie eine solche sei, wie sie der selige David erflehte mit den Worten: „Schaffe in mir, o Gott, ein reines Herz;“ und ferner: „Ein zerknirschtes und gedemüthigtes Herz wird Gott nicht verschmähen.“6 Denn was zerknirscht ist, erhebt sich nicht und verletzt nicht, sondern ist bereit, auch Übles zu dulden, erhebt sich selbst aber nicht. So ist die Zerknirschung des Herzens beschaffen, daß auch bei erlittener Schmach und bitteren Leiden die Ruhe nicht verloren geht und Rachegedanken nicht aufkommen. Nach der Demuth aber sind eifrige Gebete und viele Reuethränen bei Tag und bei Nacht nothwendig. „Denn ich wasche,“ heißt es, „jede Nacht mein Bett und benetze mit meinen Thränen mein Lager; ich habe mich abgemühet in meinem Seufzen;“7 und wieder: „Denn Asche esse ich wie Brod, und meinen Trank mische ich mit Thränen.“8 Und nach dem so inbrünstigen Gebete muß man reichlich Almosen spenden; denn Dieß ist es eben, was am wirksamsten das Heilmittel der Buße beschafft. Denn gleichwie unter den ärztlichen Mitteln sich ein Heilmittel findet, wozu viele Kräuter genommen werden, eines aber am meisten vorherrscht, so ist auch bei der Buße Dieß das vorherrschende Kraut, ja es möchte fast das Ganze sein; denn höre, was die göttliche Schrift sagt: „Gebet Almosen, und Alles ist euch rein;“9 und wieder: „Denn durch Almosen werden die Sünden getilgt;“10 und: „Das Wasser löscht brennendes Feuer, und das Almosen thut Widerstand großen Sünden.“11 Ferner soll man dem Zorn nicht ergeben und der erlittenen Unbilden nicht eingedenk sein und Allen ihre Sünden verzeihen. „Denn ein Mensch,“ heißt es, „bewahrt den Zorn wider einen andern und sucht bei Gott Vergebung.“12 [S. 165] „Vergebet,“ heißt es, „damit euch vergeben werde!“13 Dann die Brüder von ihrem Irrthum bekehren: „Gehe,“ heißt es, „und bekehre deine Brüder, damit dir deine Sünden vergeben werden!“14 Und sich gegen die Priester geziemend betragen. „Und wenn er Sünden auf sich hat,“ heißt es, „so werden sie ihm vergeben werden.15 Denen Schutz und Schirm angedeihen lassen, welchen Unrecht geschieht; keinen Zorn haben und Alles gelassen erfragen.

1: Jer 8,4
2: Gal 4,19
3: Ps 31,5.6
4: Is 43,26
5: Spr 18,17
6: Ps 50,12.19
7: Ps 50,6.7
8: Ps 101,10
9: Lk 11,41
10: Tob 4,11
11: Ekkli 3,33
12: Ekkli 28,3
13: Mt 6,14
14: Lk 22,52
15: Jak 5,15

 

 

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Einleitung: Homilien über den Brief an die Hebräer
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger