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Chrysostomus († 407) - Homilien über den Brief an die Hebräer

Achte Homilie.

I.

Kap. V.

1. 2. 3. Jeder Hohepriester, aus den Menschen genommen, wird für die Menschen bestellt in ihren Angelegenheiten bei Gott, damit er darbringe Gaben und Opfer für die Sünden und Mitleiden haben könne mit den Unwissenden und Irrenden, da auch er selbst mit Schwachheit umgeben ist, weßhalb er wie für das Volk so auch für sich selbst Opfer darbringen muß für die Sünden.

Der heilige Paulus will nun zeigen, daß das neue Testament einen großen Vorzug vor dem alten besitze. Zu diesem Zwecke holt er sich weither die Grundlage für seine Beweisführung. Denn da nichts Körperliches oder Vorbildliches mehr zu finden war, da nämlich kein Tempel, kein Allerheiligstes und kein Priester mit der so bedeutenden Diensteinrichtung und keine Gesetzesgebräuche mehr waren, [S. 136] sondern Alles erhabener und vollkommener und frei von allem Körperlichen, ganz geistig geworden, das Geistige aber die Schwächeren nicht so anzieht wie das Körperliche: deßhalb unternimmt er diese ganze Untersuchung. Und betrachte da seinen Verstand! Mit dem ersten Priester beginnt er, und stets nennt er ihn Hohenpriester, und in Bezug auf ihn weist er zuerst den Unterschied nach. Darum gibt er vorerst die Erklärung von Priester und zeigt, was zum Priester gehöre, und welches die äusseren Zeichen des Priesterthumes seien. Und da ihm entgegenstand, daß er nicht von hoher Abkunft und nicht aus der priesterlichen Zunft und nicht auf dieser Erde Priester war, und es daher nahe lag, daß man deßwegen die Einwendung mache: Wie ist denn Dieser ein Priester? - so macht er es hier wie im Briefe an die Römer.1 Denn da er eine Beweisführung unternommen hatte, die nicht annehmbar schien, daß nämlich der Glaube Das wirke, was weder die Werke des Gesetzes noch der Schweiß angestrengter Rechtschaffenheit zu wirken vermögen, und da er zeigen wollte, daß das scheinbar Unmögliche geschehen und glücklich zu Stande gebracht worden sei, so nimmt er seine Zuflucht zum Patriarchen und führt das Ganze auf jenen Zeitpunkt zurück. Ebenso weist er auch hier mit Bezugnahme auf das Frühere einen anderen Ursprung des Priesterthumes nach. Und wie er bei der Bestrafung nicht bloß die Hölle anführt, sondern auch, was sich zur Zeit der Väter begab, so führt er auch hier zuerst aus der Gegenwart den Beweis. Denn das Irdische mußte seine Glaubwürdigkeit aus dem Überirdischen schöpfen, aber wegen der Schwäche der Zuhörer findet das Gegentheil statt. Was nun gemeinsam ist, setzt er zuerst, und dann weist er nach, wo der Vorzug sich findet. Denn so entspringt aus der Vergleichung der Vorzug, wenn in einer Beziehung Gemeinsamkeit, in anderer Beziehung sich Auszeichnung herausstellt; ist aber Dieses nicht der Fall, [S. 137] so findet Solches nicht statt. - „Jeder Hohepriester aus den Menschen genommen.“ Dieses ist Christo gemeinsam. „Wird für die Menschen bestellt in ihren Angelegenheiten bei Gott.“ Auch Das ist gemeinsam. „Damit er darbringe Gaben und Opfer für das Volk.“ Auch Dieses, wenn gleich nicht ganz, das Übrige aber nicht mehr. „Und Mitleid haben könne mit den Unwissenden und Irrenden.“ Hier ist ein Vorzug. „Da auch er selbst mit Schwachheiten umgeben ist, weßhalb er, wie für das Volk, so auch für sich selbst Opfer darbringen muß für die Sünden.“ Darauf macht er einen anderen Zusatz, - daß er es nämlich durch einen Anderen wird und sich nicht selber hinzudrängt (ἐπιπηδ). Auch hier ist Gemeinsamkeit.

4. Auch nimmt sich Niemand selbst die Würde, sondern der von Gott berufen wird wie Aaron.

Hier trägt er wieder für noch etwas Anderes Sorge, indem er nämlich zeigt, daß er von Gott gesandt sei. Dieses hebt Christus in seinen Reden zu den Juden beständig hervor: „Der mich gesandt hat, ist größer als ich“;2 und: „Ich bin nicht von mir selbst gekommen.“ Hier scheint er mir auch auf die Priester der Juden als nicht wirkliche Priester hinzudeuten, die da sich eindrängten und das Gesetz des Priesterthumes verletzten.

5. So hat auch Christus nicht sich selbst verherrlicht, Hoherpriester zu werden.

Unter welchen Verhältnissen ist er also gewählt worden, will er sagen? Denn Aaron wurde oft in seine Würde [S. 138] eingesetzt, so z. B. durch das Zeichen des Stabes (der Ruthe), und da Feuer herabkam und die in’s Priesterthum Eingedrungenen verzehrte; hier aber ist das Gegentheil: es begegnet ihnen nicht nur nichts Widriges, sondern sie stehen in Ansehen. Woher hat er also seine Sendung? Er weist Dieses aus der Prophetie nach. Er hat Nichts, was in die Sinne, was in die Augen fällt. Darum stützt er sich auf Das, was als zukünftig vorhergesagt war: „Sondern der zu ihm geredet hat: Mein Sohn bist du, heute habe ich dich gezeugt.“ Was hat Das für eine Beziehung auf den Sohn? Freilich, will er sagen, gelten diese Worte vom Sohne. In welcher Verbindung steht Dieß aber mit unserer Frage? In sehr naher; denn so wird der Beweis eingeleitet, daß er seine Erwählung von Gott hat.

6. Wie er auch in einer anderen Stelle spricht: Du bist Priester auf ewig nach der Weise des Melchisedech.

Wem gelten diese Worte? Wer ist nach der Weise des Melchisedech? Kein Anderer als er selbst; denn Alle waren unter dem Gesetze, Alle hatten den Sabbat und die Beschneidung; keinen Anderen, sagt er, würde Jemand aufzuweisen vermögen.

7. Welcher in den Tagen seines Fleisches, nachdem er Gebet und Flehen unter starkem Geschrei und Thränen Dem dargebracht hatte, der ihn vom Tode retten konnte, und wegen seiner Ehrerbietigkeit erhört worden ist, obwohl Sohn Gottes seiend, aus Dem, was er gelitten, den Gehorsam gelernt hat.

Siehst du, daß er nichts Anderes thut als für uns sorgen und das Übermaaß der Liebe an den Tag legen? [S. 139] Denn was besagen die Worte: „unter starkem Geschrei,“ da doch das Evangelium Dieß an keiner Stelle bemerkt, noch auch, daß er „unter Thränen und Geschrei“ gebetet habe? Siebst du da seine Herablassung? Denn es genügte ihm nicht, zu sagen, daß er gebetet habe, sondern daß Dieß „unter starkem Geschrei“ geschehen sei. „Und erhört,“ heißt es, „wegen seiner Ehrerbietigkeit, hat er, obwohl Sohn Gottes seiend, aus Dem, was er gelitten, den Gehorsam gelernt.“

9. 10. Und, zur Vollendung gebracht, Allen, die ihm gehorsam sind, Urheber der ewigen Seligkeit wurde, genannt von Gott Hoherpriester nach der Weise Melchisedechs.Sei es mit „Geschrei“; warum heißt es aber: „mit starkem Geschrei“? „Und hat unter Thränen,“ heißt es, „dargebracht und ist erhört worden wegen seiner Ehrerbietigkeit.“ Schämen müssen sich die Häretiker, welche die Körperlichkeit läugnen. Was sagst du? Wegen seiner Ehrerbietigkeit wurde der Sohn Gottes erhört? Und was möchte da Jemand noch weiter von den Propheten sprechen? Welche Schlußfolge liegt in den Worten: „Er ist erhört worden wegen seiner Ehrerbietigkeit“ und in dem Beisatz: „obwohl er als Sohn Gottes aus Dem, was er gelitten, Gehorsam lernte“? Wer wird Dieß auf Gott anwenden wollen? Wer wird so thöricht sein? Wer wird eine so verkehrte Sprache führen? „Er ist erhört worden.“ heißt es, „wegen seiner Ehrerbietigkeit; er hat aus Dem, was er gelitten, Gehorsam gelernt.“ Was für einen Gehorsam hat er gelernt? Der bis zum Tode vorher wie ein Sohn dem Vater Gehorsam geleistet, wie hat er ihn denn nachher gelernt?

1: Röm 4
2: Joh 8,42

 

 

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