Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Chrysostomus († 407) - Homilien über den Brief an die Hebräer

Siebente Homilie.

I.

11 - 13. Lasset uns also eilen, in diese Ruh einzugehen, damit nicht Jemand in dasselbe Beispiel des Unglaubens verfalle. Denn lebendig ist das Wort Gottes und wirksam und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis daß es Seele und Geist, auch Mark und Bein scheidet, und ist ein Richter der Gedanken und der Gesinnungen des Herzens. Und es ist kein Geschöpf vor ihm verborgen, sondern Alles ist nackt und offenbar vor den Augen Dessen, bei dem wir Rechenschaft zu geben haben.

Erhaben ist der Glaube und heilbringend, und ohne ihn ist es nicht möglich, selig zu werden. Allein er vermag nicht, aus sich allein Dieß zu bewirken, sondern es ist auch ein rechtschaffener Wandel nothwendig. Darum ermahnet auch Paulus Diejenigen, welche der Geheimnisse schon gewürdiget sind, mit den Worten: „Lasset uns also eilen, in diese Ruhe einzugehen!“ Lasset uns eilen, sagt er, [S. 120] weil der Glaube nicht ausreicht, sondern auch der Lebenswandel hinzukommen und ein großer Pflichteifer an den Tag gelegt werden muß. Ja, in Wahrheit bedarf es eines großen Eifers, um in den Himmel zu kommen. Denn wenn schon Jene des verheissenen Landes nicht gewürdiget wurden, die in der Wüste so viele Mühen erduldet, und in dasselbe nicht einziehen konnten, weil sie gemurrt hatten und in Abgötterei verfallen waren: wie werden wir des Himmelreiches gewürdiget werden, die wir ein so gleichgiltiges und leichtsinniges Leben führen? Wir müssen also einen großen Eifer entwickeln. Und siehe, Das bildet nicht den ganzen Verlust, daß wir nicht eingehen sollen; denn er sagt nicht: Lasset uns eilen, in diese Ruhe einzugehen, damit wir nicht so großer Güter verlustig werden, sondern er fügt Etwas bei, was die Menschen vorzugsweise anzuregen vermag. Und was ist Das? Dieses: „Damit nicht Jemand in dasselbe Beispiel des Unglaubens verfalle,“ d.h. damit wir dort unseren Sinn, unsere Hoffnung und Erwartung haben, um nicht einen gleichen Verlust beklagen zu müssen. Daß wir aber diesen Verlust befürchten müßten, macht das Beispiel klar: „damit nicht in dasselbe,“ heißt es. Damit du ferner, indem du den Ausdruck: „in dasselbe“ hörest, nicht etwa wähnest, hier sei dieselbe Strafe gemeint, so vernimm den Zusatz: „Denn lebendig ist das Wort Gottes und wirksam und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis daß es Seele und Geist, auch Mark und Bein scheidet, und ist ein Richter der Gedanken und Gesinnungen der Herzen.“ Auch hier zeigt er, daß dasselbe göttliche Wort Dieses bewirkt, daß es lebendig ist und nicht aufgehört hat. Fasse daher, wenn du den Ausdruck „Wort“ hörst, Dieses nicht in gewöhnlichem Sinne; „denn es ist,“ heißt es, „schärfer als ein Schwert.“ Siehe, wie er sich herabläßt, und lerne daraus, wie es auch für die Propheten nothwendig war, sich der Ausdrücke: „Dolch“, „Bogen“, „Schwert“ zu [S. 121] bedienen. „Wenn ihr euch nicht bekehret,“ heißt es, „wird er sein Schwert zücken; seinen Bogen hat er gespannt und ihn zugerüstet.“1 Denn wenn er jetzt nach Verlauf einer so langen Zeit sie nicht mehr durch die bloße Bezeichnung „Wort“ erschüttern kann, sondern es noch dieser Ausdrücke bedarf, um durch Vergleich die Wichtigkeit anschaulich zu machen, um wie viel mehr war Dieß damals der Fall? - „Und dringt durch, bis daß es Seele und Geist scheidet.“ Was heißt Das? Er hat damit Etwas, was Furcht erregt, angedeutet: entweder sagt er, daß es den Geist von der Seele scheidet, oder daß es selbst das Unkörperliche durchdringt, nicht wie das Schwert nur die Körper. Hier zeigt er, daß auch die Seele gestraft und das Innerste durchforscht wird, und daß es den Menschen ganz und gar durchdringt: „Und ein Richter der Gedanken und Gesinnungen des Herzens. Und es ist kein Geschöpf vor ihm verborgen.“ Hier versetzt er sie ganz besonders in Schrecken. Was er aber sagen will, ist Dieses: Denn ihr, sagt er, steht nicht mehr im Glauben; wenn Dieß aber dennoch der Fall wäre, doch nicht in voller Überzeugung mit zuversichtlichem Muthe; er aber richtet. was im Herzen ist; denn dorthin dringt er und erforschet und strafet. Und was rede ich von Menschen, sagt er; nenne mir Engel und Erzengel, die Cherubim und die Seraphim und was immer für ein Geschöpf: vor jenem Auge ist Alles enthüllt, Alles klar, Alles offenbar; Nichts kann sich vor ihm verbergen: „Alles ist nackt und entblößt vor dessen Augen, dem wir Rechenschaft zu geben haben.“ Den bildlichen Ausdruck „entblößt“ (τετραχηλισμένα) entlehnt er von den Häuten, welche den geschlachteten Opferthieren abgezogen wurden. Denn wie das Innere des Thieres, sobald Jemand die Haut vom Fleische getrennt hat, bloßgelegt wird und sich unseren Augen deutlich darstellt, so liegt auch Alles offen [S. 122] vor Gott. Du aber sieh’ einmal, wie er sich nothwendig immer körperlicher Bilder bedient, was seinen Grund in der Schwäche der Zuhörer hat. Denn daß sie schwach waren, zeigt er, indem er sagt, daß sie wegen Mangels an Kraft der Milch und nicht fester Nahrung bedürfen. „Alles ist nackt und entblößt vor den Augen Dessen, bei dem wir Rechenschaft zu geben haben.“ Was heißt aber Das: „in dasselbe Beispiel des Unglaubens“? Die Frage lautet ähnlich, als wenn Jemand sagte: Warum bekamen Jene das Land nicht zu sehen? Sie hatten, will er sagen, das Unterpfand2 der Macht Gottes und hätten somit glauben sollen; allein bewältigt von Furcht, und jeder erhabenen Vorstellung von Gott bar und ledig, verfielen sie in Kleinmuth und gingen zu Grunde. Es läßt sich aber auch noch etwas Anderes sagen, nämlich: nachdem sie bereits die Hauptstrecke des Weges zurückgelegt hatten, nachdem sie schon bis zu den Pforten gelangt waren, versanken sie noch selbst am Rande des Hafens; - und Dieß, will er sagen, befürchte ich auch in Bezug auf euch. Diesen Sinn haben also die Worte: „in dasselbe Beispiel des Unglaubens.“ Denn daß auch sie viel gelitten haben, bezeugt er ihnen später, indem er spricht: „Erinnert euch aber der vorigen Tage, in welchen ihr nach euerer Erleuchtung einen schweren Kampf der Leiden bestandet.3 Niemand soll also kleinmüthig werden, damit er nicht am Ende ermüde und falle. Denn es gibt in der That Manche, die im Anfang mit frischem Muth sich in den Kampf stürzen, zuletzt aber dem Ganzen nicht noch ein Weniges beifügen und darum Alles verlieren. Die Vorfahren, sagt er, sind geeignet, euch zur Lehre zu dienen, damit ihr nicht in das Gleiche verfallet und nicht Dasselbe erleidet, was [S. 123] sie erduldet haben. Das heissen die Worte: „in dasselbe Beispiel des Unglaubens.“ Erschlaffen wir also, will er sagen, ja nicht, wie er auch beim Schlusse spricht: „Die erschlafften Hände und die wankenden Kniee richtet auf!“4 „Damit nicht Jemand,“ heißt es, „in dasselbe Beispiel verfalle;“ - auf daß du ferner, wenn du die Worte hörst: „in dasselbe Beispiel verfalle“, unter denselben nicht den gleichen Tod verstehen mögest, durch welchen Jene den Untergang fanden, so gib Acht, was er sagt: „Denn lebendig ist das Wort Gottes und wirksam und schärfer als jedes zweischneidige Schwert;“ denn gewaltiger als jegliches Schwert fällt in ihre Seelen das Wort und versetzt wuchtige Schläge und gibt tödtliche Stiche. Dafür braucht er keine Beweise zu bringen, noch eine Begründung zu geben, da eine so klare Geschichte vorliegt. Denn welcher Krieg, sagt er, hat sie aufgerieben? welches Schwert? Sind sie nicht durch eigene Schuld zu Grunde gegangen? Verfallen wir nun, da wir nicht Dasselbe haben leiden müssen, nicht in Sorglosigkeit. Solange es noch „heute“ heißt, ist es uns vergönnt, uns in neuer Kraft zu erheben. Aber damit sie, nachdem er also geredet und sie Das, was die Seele betrifft, angehört hatten, nicht leichtsinnig würden, spricht er auch von dem Leibe und zeigt, daß sich das Schwert des heiligen Geistes gerade so wirksam erweist wie bei einem Könige, welcher die Befehlshaber, die Schweres verschuldet, vorerst ihres Dienstes entsetzt und dann sie bestraft, nachdem er sie im Beisein des Heroldes des Amtsgürtels und ihrer Würde verlustig erklärt hat. Hierauf nun spricht er in Bezug auf den Sohn Worte, die noch furchtbarer sind, indem er schreibt: „Dem wir Rechenschaft gehen müssen,“ d. h. ihm werden wir Rechenschaft ablegen über Alles, was wir gethan haben. Wir wollen daher vor dem Falle uns hüten und nicht kleinmüthig werden. Das Gesagte reicht [S. 124] bin, uns zu belehren: er aber begnügt sich damit nicht, sondern setzt noch die Worte hinzu:

14. Wir haben aber auch einen großen Hohenpriester, der die Himmel durchdrungen, Jesum, den Sohn Gottes.

1: Ps 7,13
2: Ἀῤῥαβῶνα = Arrha, arrhabo, pignus, vadimonium; vom hebr. ערבּוֹן oder ערבּה
3: Hebr 10,32
4: Hebr 12,12

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Homilien über den Brief an die Hebräer
Bilder Vorlage

Navigation
. Erste Homilie.
. Zweite Homilie.
. Dritte Homilie.
. Vierte Homilie.
. Fünfte Homilie.
. Sechste Homilie.
. Siebente Homilie.
. . I.
. . II.
. . III.
. . IV.
. Achte Homilie.
. Neunte Homilie.
. Zehnte Homilie.
. Elfte Homilie.
. Zwölfte Homilie.
. Dreizehnte Homilie. ...
. Vierzehnte Homilie
. Fünfzehnte Homilie. ...
. Mehr

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger