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Chrysostomus († 407) - Homilien über den Brief an die Hebräer
Siebente Homilie.

IV.

Wir ehren das Greisenalter, nicht weil wir die weisse Farbe der schwarzen vorziehen, sondern weil es ein Zeichen eines tugendreichen Lebens ist und wir bei dessen Anblick auf den inneren Glanz schließen. Handeln nun Greise ihrer Alterspflicht schnurstracks entgegen, so verfallen sie dadurch um so mehr dem Gespötte. Wir ehren ja auch den König, sowie auch sein Purpurgewand und sein Diadem als Zeichen der Herrschaft. Sehen wir aber, daß er in seinem Purpur angespieen und von seiner Leibwache mit Füßen getreten, gewürgt, in’s Gefängniß geworfen, hin und her gezerrt wird: werden wir dann, sag’ an, Ehrfurcht haben vor dem Purpurgewande und dem Diadem, oder wird uns nicht die Erscheinung selbst in Thränen versetzen? Wolle also nicht, daß man dich wegen des Alters in Ehren halte, da du selbst dasselbe schändest; und gerade deine grauen Haare müssen an dir Rache nehmen, da du ihren Glanz und ihre Ehre so arg beschimpfest. Diese Worte richten wir nicht gegen Alle, noch sprechen wir überhaupt gegen das Alter; so wahnsinnig bin ich wohl nicht; sondern gegen ein jugendlich leichtfertiges Leben, das dem Alter Schmach bereitet; auch ist unsere schmerzerfüllte Rede nicht gegen Diejenigen gerichtet, welche alt geworden, sondern welche ihr Greisenalter entehren. Denn der Greis ist ein König, und wenn [S. 132] er will, in vollerem Sinne des Wortes als Der, welcher den Purpur trägt, falls er die Leidenschaften beherrscht und die Triebe wie fügsame Trabanten sich unterwirft. Wenn er aber sich fortreissen und vom Throne herabwerfen läßt und ein Sklave der Habsucht, des eitlen Ruhmes und der Ziersucht und der Völlerei und der Trunkenheit und des Zornes und der Fleischeslust wird und das Haar mit Salböl durchduftet und ein Alter zeigt, das nach freiem Entschlusse von Schmach bedeckt ist: welcher Züchtigung wäre ein Solcher nicht werth? - Ihr Jünglinge aber, werdet nicht so. Denn ihr erlangt keine Verzeihung, wenn ihr euch verirret. Warum? Weil Jemand in der Jugend schon ein Greis sein kann; und wie im Alter sich Jünglinge finden, so findet auch das Gegentheil statt. Denn wie dort das silberweiße Haar Niemanden schützt, so ist hier das schwarze für Keinen ein Hemmniß. Wenn auch der Greis durch die besprochenen Ausschweifungen in größerer Schande dasteht als der Jüngling, so ist der Jüngling dennoch nicht frei von der Schuld. Dem Jünglinge kann man nur dann Verzeihung gewähren, wenn er ohne Geschäftskenntniß, die man nur durch Zeit und Erfahrung gewinnt, zu einem Amte berufen wird, keineswegs aber, wenn es gilt, Selbstbeherrschung zu zeigen und die Obmacht über die irdischen Güter. Es ist aber auch der Fall möglich, daß der Jüngling vor dem Greise Tadel verdient; denn der Greis hat manche Dienstleistung nöthig, da das Alter seine Kräfte abschwächt; der Jüngling aber kann, wenn er nur will, sich selber helfen; - wie sollte ihm, wenn er nicht will, Verzeihung zu Theil werden, wenn er mehr raubt als der Greis, wenn er rachsüchtig ist; wenn er Andere mit Verachtung behandelt; wenn er der Noth (der Armen) weniger steuert1 als der Hochbetagte, wenn er viel Unzeitiges herschwatzt; wenn er Übermuth übt; wenn er sich im Schmähen gefällt; wenn er ein Trunkenbold ist? Wenn er aber bezüglich der [S. 133] Selbstbeherrschung keinen Vorwurf bekommen zu können glaubt, so überzeuge dich, wie er auch hier viele Hilfsmittel hat, wenn er nur will! Denn wenn ihm auch die Sinnlichkeit ungestümere Angriffe als dem alten Manne bereitet, so hat er doch wieder Vieles vor dem Alter voraus, wodurch er dieses Thier zur Ruhe zu bringen vermag. Und was sind das für Mittel? Arbeit, (fromme) Lesung, Nachtwachen, Fasten. Wie kannst du aber Das uns sagen, die wir keine Einsiedler sind? Diese Einrede machst du mir? Mache sie Paulus, der da spricht: „Seid beharrlich im Gebete und wachsam darin;“2 wenn er spricht: „Pfleget die Sinnlichkeit nicht zur Erregung der Lüste!“3 Diese Mahnung hat er nicht allein für die Einsiedler, sondern auch für alle Städtebewohner geschrieben. Denn wer in der Welt lebt, soll vor den Einsiedlern Nichts voraus haben als nur, daß er verehelicht sein kann; in dieser Beziehung findet er Nachsicht, in allen anderen Stücken hat er dieselbe Pflicht wie Der zu erfüllen, der als Einsiedler lebt. Denn die Seligpreisungen Christi sind nicht für die Mönche allein gesprochen, - würde ja sonst der ganze Erdkreis zu Grunde gehen, und wir könnten Gott der Grausamkeit beschuldigen. Wenn aber die Seligpreisungen für die Mönche allein Geltung hätten und für die Weltleute unerreichbar sein würden, so würde ja er selbst, der Stifter des Ehestandes, für Alle der Urheber ihres Unterganges sein. Denn ist es nicht möglich, im Ehestande Das zu thun, was in der Einsamkeit ausführbar ist, so ist ja Alles dem Untergang und dem Verderben geweiht und die Tugend in die engsten Schranken verwiesen. Wie aber steht denn die Ehe ehrenvoll da, wenn sie uns so große Hemmnisse bietet? Was ist darauf zu erwidern? Auch im Ehestande ist es möglich, ja sehr wohl möglich, wenn wir nur wollen, ein tugendhaftes Leben zu führen. Wie denn? Wenn Diejenigen, welche Frauen haben, sind, als hätten sie keine;4 wenn wir uns über irgend einen Besitz nicht in [S. 134] Freude verlieren; wenn wir diese Welt gebrauchen, als gebrauchten wir sie nicht. Wenn aber Manche in der Ehe ein Hinderniß fanden, so mögen sie wissen, daß der Grund dieses Übels nicht in dem Stande zu suchen sei, sondern in der Lebensweise, welche vom Ehestande einen schlechten Gebrauch macht. Ist ja auch der Wein nicht die Quelle der Trunkenheit, sondern der verdorbene Wille und der unmäßige Genuß. Führe du das eheliche Leben in Ordnung und Maaß, und du kannst der Erste im Himmelreich sein und alle Güter genießen, deren wir alle theilhaftig werden mögen durch die Gnade und Menschenfreundlichkeit unseres Herrn Jesus Christus, dem mit dem Vater und dem heiligen Geiste sei Ruhm, Macht und Ehre jetzt und alle Zeit und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen. [S. 135]

1: Wir ziehen die Lesart: προίστασϑαι vor
2: Kol 4,2
3: Röm 13,14
4: 1 Kor 7,29

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger