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Chrysostomus († 407) - Homilien über den Brief an die Hebräer

Sechste Homilie.

I.

7-11. Darum, wie der heilige Geist sagt, heute, wenn ihr seine Stimme höret, verhärtet euere Herzen nicht, wie bei der Erbitterung am Tage der Versuchung in der Wüste. wo mich versuchten euere Väter, mich prüften und doch sahen meine Werke vierzig Jahre hindurch. Darum zürnte ich diesem Geschlechte und sprach: Immer irren sie mit ihrem Herzen, sie aber erkannten meine Wege nicht; so schwur ich denn in meinem Zorne: sie sollen nicht eingehen in meine Ruhe.

Nachdem Paulus über die Hoffnung gesprochen und gesagt hatte, daß „wir sein Haus seien, wenn wir anders das Vertrauen und die herrliche Hoffnung bis an’s Ende festhalten,“ zeigt er des Weiteren, daß unsere Hoffnung eine feste sein müsse, und beweist Dieß aus der Schrift. Merket nun auf! Denn seine Darstellung ist etwas dunkel und die Sache selbst schwer zu verstehen. Darum ist es nothwendig, vorerst unsere Bemerkungen zu machen und euch den [S. 104] Unterrichtsstoff kurz auseinander zu setzen und hierauf die Rede auf den Text hinzulenken; denn alsdann werdet ihr meiner Anleitung nicht weiter bedürfen, sobald euch der Zweck des Apostels klargelegt ist. Paulus sprach über die Hoffnung, und daß es nothwendig sei, die Erwartungen auf die Zukunft zu setzen, und daß auf die Mühen des Lebens der Lohn und die Frucht und die Ruhe nicht ausbleiben würden. Dieses beweist er durch den Propheten. Und was sagt er? „Darum, wie der heilige Geist sagt, heute, wenn ihr seine Stimme höret, verhärtet euere Herzen nicht, wie bei der Erbitterung am Tage der Versuchung in der Wüste, wo mich versuchten euere Väter, mich prüften und doch sahen meine Werke vierzig Jahre hindurch. Darum zürnte ich diesem Geschlechte und sprach: Immer irren sie in ihrem Herzen; sie aber erkannten meine Wege nicht; so schwur ich denn in meinem Zorne: sie sollen nicht eingehen in meine Ruhe.“1 Er sagt, es gebe eine dreifache Ruhe; eine sei die Sabbatruhe, wo Gott von seinen Werken geruht habe; eine zweite die Ruhe Palästina’s, wobei die Juden sich nach ihrer Ankunft erholen wollten von ihren vielen Strapazen und Arbeiten; eine dritte, die in Wahrheit diesen Namen verdient, die Seligkeit des Himmels, deren Theilhaber in Wahrheit ausruhen von ihren Anstrengungen und Beschwerden. Diese drei Arten erwähnt er nun hier. Warum behandelt er aber nur eine, während er doch drei in Erinnerung bringt? Um zu zeigen, daß der Prophet nur von dieser (einen) redet. Denn von der ersten, sagt er, hat er nicht gesprochen; und wie sollte er Das? Hatte sie ja schon längst aufgehört. Auch von der zweiten, der in Palästina nicht; denn wie sollte er Das? Hatte ja auch sie schon das Ende erreicht. Es erübrigt also nur [S. 105] von der dritten zu sprechen. Es ist aber nothwendig, eine genauere Erklärung der Geschichte zu geben, um über die Rede ein helleres Licht zu verbreiten. Denn nachdem sie aus Ägypten ausgezogen und eine große Strecke Weges zurückgelegt, und von Gott zahllose Beweise seiner Macht sowohl in Ägypten als auch im rothen Meere und in der Wüste empfangen hatten, wollten sie Kundschafter aussenden, um die Natur des Landes erforschen zu lassen. Diese zogen hin und waren nach ihrer Rückkehr voll Bewunderung über das Land und erzählten, daß es reich an herrlichen Früchten, aber von einem unüberwindlichen Riesengeschlechte bewohnt sei. Die unverständigen und gefühllosen Juden aber, anstatt, wie es Pflicht war, an die (früheren) Wohlthaten Gottes zu denken, und wie er sie, als die ägyptischen Kriegsschaaren sie in die Enge getrieben, nicht nur der Gefahr entriß, sondern ihnen auch noch eine fette Beute gewährte; und wie er ferner aus dem Felsen ihnen reichliches Wasser hervorquellen ließ und das Manna gab: anstatt im Angedenken an diese und die anderen Wunder auf Gott zu vertrauen, dachten sie nicht einmal daran, gerade als wäre gar Nichts geschehen, sondern wollten voll Schrecken wieder nach Ägypten zurückkehren, indem sie sprachen: Gott hat uns heraus und hieher geführt, um uns sammt Kindern und Weibern zu Grunde zu richten. Und der Zorn Gottes entbrannte wider sie, weil sie die Erinnerung an das Geschehene so schnell verloren hatten, und Gott that einen Schwur, daß jenes Geschlecht, welches also gesprochen, in die Ruhe nicht eingehen werde; und sie starben alle in der Wüste. Darum hat auch David lange nach dem Untergang Jener gesprochen: „Heute, wenn ihr seine Stimme höret, verhärtet euere Herzen nicht wie bei der Erbitterung!“ Warum? Damit ihr nicht Dasselbe erleidet, was eueren Vorfahren zustieß, und nicht der Ruhe beraubt werdet. Offenbar deutet er in diesen Worten auf irgend welche Ruhe. Waren sie jener Ruhe, will er sagen, schon theilhaftig geworden, warum führt er denn wieder die Worte an: „Heute, wenn ihr seine Stimme [S. 106] höret, verhärtet euere Herzen nicht wie bei der Erbitterung!“ Welch andere Ruhe kann nun gemeint sein als die Seligkeit des Himmels, deren Bild und Zeichen der Sabbat ist? Hierauf führt er das ganze Zeugniß an, welches lautet: „Heute, wenn ihr seine Stimme höret, verhärtet euere Herzen nicht wie bei der Erbitterung am Tage der Versuchung in der Wüste, wo mich versuchten euere Vater, mich prüften und doch sahen meine Werke vierzig Jahre hindurch. Darum zürnte ich diesem Geschlechte und sprach: Immer irren sie mit ihrem Herzen, sie aber erkannten meine Wege nicht; so schwur ich denn in meinem Zorne: sie sollen nicht eingehen in meine Ruhe.“ Dann fügt er bei:

12. Sehet zu, Brüder, daß nicht in Einem von euch sei ein böses, ungläubiges Herz, geneigt, abzufallen von dem lebendigen Gotte!

Denn aus der Herzenshärte wird der Unglaube geboren. Und wie sich an harten und ausgedorrten Körpern die Kunst der Ärzte vergebens versucht, so werden auch hart ausgetrocknete Seelen vom göttlichen Worte nicht erweicht werden. Wahrscheinlich hatten Einige am Glauben Schiffbruch gelitten, da ihre Werke mit der Wahrheit im Widerspruch standen; darum sagt er: „Sehet zu, daß nicht in Einem von euch sei ein böses, ungläubiges Herz, geneigt, abzufallen von dem lebendigen Gotte!“ Denn weil die Lehre über die Zukunft nicht denselben Glauben findet wie die Mittheilung über die Vergangenheit, so ruft er ihnen die Geschichte in’s Gedächtniß zurück, (die Zeit,) in der sie des Glaubens entbehrten. Denn wenn euere Väter, sagt er, weil sie nicht [S. 107] das Vertrauen besaßen, wie sie es besitzen sollten, also gezüchtiget wurden, so steht euch um so mehr Dasselbe bevor. Denn auch für sie sind diese Worte gesprochen, da das Wort „heute“ gilt, so lange die Welt steht.

13. Sondern ermahnet euch selbst einander alle Tage, so lange es noch „heute“ heißt,

d. i. erbauet einander, richtet einander auf, damit nicht Dasselbe geschehe: „damit nicht Jemand von euch verhärtet werde durch den Trug der Sünde.“

1: Ps 94,8-11

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger