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Chrysostomus († 407) - Homilien über den Brief an die Hebräer
Erste Homilie.

III.

Nachdem er uns also von unseren Sünden gereiniget hat, wollen wir auch rein bleiben und keine Makel mehr annehmen, sondern die uns verliehene Schönheit und Würde so unbefleckt und makellos zu bewahren bestrebt sein, daß sich kein Flecken, keine Runzel oder sonst Etwas der Art vorfinde. Denn Flecken, und Runzeln sind die kleinen Sünden, z. B. Schelten, Übermuth, Lüge, - doch auch diese sind keine kleinen Sünden, sondern sehr große, so große, daß sie uns sogar des Himmelreiches berauben. Wie und auf welche Weise? „Wer zu seinem Bruder sagt: Du Narr! wird des höllischen Feuers schuldig sein,“ heißt es.1 Wenn aber schon Derjenige, welcher „du Narr!“ sagt, was doch die allergeringfügigste Schimpfrede und eine Knabenneckerei zu sein scheint, diese Strafdrohung hört, welche Strafe wird dann Der auf sich laden, welcher seinen Bruder einen Bösewicht, einen Schurken, einen Verläumder schilt und mit zahllosen andern Schmähungen überhäuft? Was ist furchtbarer als Das? Jedoch ertraget meine Worte, ich bitte darum. Wenn nämlich Derjenige, der Einem der Geringsten Etwas thut, es ihm (Christo) selber thut, wenn er es aber Einem der Geringsten nicht thut, es gegen ihn selber unterläßt,2 wie sollte das nicht auch der Fall sein in Bezug auf Lob und Tadel? Wer seinen Bruder mit Übermuth behandelt, der übt gegen Gott selber Übermuth; und wer seinen Bruder ehrt, der ehret Gott. Lernen wir also die Zunge bezähmen, auf daß sie wohlrede; denn der Psalmist sagt: „Bewahre deine Zunge vom Bösen!“3 Denn Gott hat uns dieselbe nicht darum gegeben, daß wir der Tadelsucht und dem Übermuth dienen und einander verleumden, sondern auf daß wir Gott loben, daß [S. 25] wir Solches reden, was den Zuhörern Segen bringt, was Erbauung und Nutzen schafft. Redest du irgend Jemandem Böses nach? Welchen Gewinn hast du davon, da du dich mit Jenem in Schaden verwickelst? Du gewinnst den Ruf eines schmähsüchtigen Menschen; denn es gibt gar kein Übel, das nur bis zu Dem dringt, der es erduldet, und nicht zugleich Den ergreift, der es verursacht; so stellt der Neidische scheinbar einem Andern nach, ärntet aber selbst zuerst die Frucht seiner Ungerechtigkeit, denn er zehrt dabei selber ab und geht, von Allen verabscheut, zu Grunde. Der Habsüchtige vergreift sich am Eigenthume des Nächsten, beraubt sich aber selber der Liebe (Anderer), und was noch mehr ist, er bringt sich bei Allen in schlechten Ruf. Ein guter Name steht nämlich weit höher als Reichthum; denn einen schlechten Ruf kann man nicht leicht abwaschen, Güter aber leichter erwerben. Noch mehr: der Mangel an Glücksgütern schadet Demjenigen, welchem sie fehlen, Nichts; wem aber der ehrliche Name verloren gegangen, der wird beschimpft und verspottet und ist Allen verhaßt und zuwider. So wird auch der Zornige zuerst für sich selbst eine Zuchtruthe, dann für Den, welchem er zürnt. Ebenso schändet der Verläumder zuerst sich selber und darnach erst Denjenigen, den er verläumdet; oder auch Das hat er nicht einmal vermocht, sondern er selbst trägt den Ruf eines verruchten und verächtlichen Menschen davon, während er Jenem zu einer um so größeren Liebe verhilft. Denn sobald Dieser von der üblen Nachrede Kunde erhält, und anstatt sich an dem Ehrenräuber mit Gleichem zu rächen, vielmehr mit Lob und Achtung über ihn redet, fällt das Lob nicht Diesem zu, sondern auf ihn selber zurück. Denn wie oben bemerkt worden, rächen sich die Verläumdungen gegen den Nächsten an den Ehrenräubern zuerst, - gerade so schafft auch das dem Nebenmenschen erwiesene Gute seinen Urhebern das erste Wonnegefühl; denn der Urheber sowohl des Guten wie des Bösen hat davon natürlich den ersten Genuß; und wie das Wasser der Quelle, mag dasselbe bitter oder süß sein, die Gefäße der [S. 26] Schöpfenden füllt, ohne daß die Fülle der Wasser sprudelnden Quelle sich mindert: so bereitet die Tugend ihrem Urheber Wonne, das Laster aber richtet Den, der es verübt, zu Grunde. So verhält es sich im Diesseits; welche Worte aber sind wohl im Stande, das Jenseits in seinen Belohnungen und Strafen zu schildern? Gar keine. Denn die Güter der Ewigkeit sind nicht nur unaussprechlich, sondern sie übersteigen sogar allen Verstand; das Gegentheil aber von ihnen wird uns mit Ausdrücken bezeichnet, an die wir gewöhnt sind; denn Feuer, heißt es, ist dort und Finsterniß, Bande sind dort und ein Wurm, der nie stirbt. Allein nicht nur Dieses, was da aufgezählt wird, stellt sich unserem Geiste dar, sondern noch viel Schwereres. Damit du Das einsehest, erwäge vorerst Dieses schnell! Wenn dort Feuer ist, wie ist da Finsterniß möglich? Siehst du, daß jenes Feuer unerträglicher ist als das gewöhnliche? Denn es hat ja kein Licht. Wenn dort Feuer ist, wie brennt es denn immer? Siehst du, daß es schwerer zu ertragen ist als das gewöhnliche? Denn es erlischt nicht; darum nennt man es auch ein unauslöschliches Feuer. Bedenken wir also, welch ein großes Unglück es ist, ewig zu brennen und in der Finsterniß zu sein und unendliches Jammergeschrei unter Zähneknirschen auszustoßen und - nimmer Erhörung zu finden. Denn wenn schon hier Jemand von edler Erziehung in ein Gefängniß geworfen würde und den Gestank daselbst und die öde Finsterniß und die mit Mördern gemeinsame Fesselung für schwerer halten würde als jedweden Tod, so bedenke, was Das ist: mit den Mördern des ganzen Erdkreises zu brennen, ohne zu sehen und gesehen zu werden, vereinsammt unter einer so gewaltigen Menge! Denn die undurchdringliche Finsterniß laßt uns auch Jene nicht einmal erkennen, welche uns die Nächsten sind, sondern ein Jeder wird sich in einer Lage befinden, als hätte er alle diese Leiden allein zu ertragen. Wenn aber die Finsterniß schon für sich allein unsere Seelen drücket und ängstigt, was wird erst sein, wenn sich zur Finsterniß auch noch viele andere Qualen und Feuerschmerzen [S. 27] gesellen? Deßhalb bitte ich, Das unaufhörlich in Erwägung zu ziehen und die Trauer, die uns aus dem Gesagtem erwächst, zu ertragen, damit wir nicht durch unsere Werke den Qualen verfallen. Denn Dieß alles wird unfehlbar stattfinden, und Diejenigen, welche Böses gethan, wird jenem Orte der Peinen Niemand entreissen, weder Vater noch Mutter noch Bruder, selbst wenn er viel Zuversicht hätte und bei Gott Großes vermöchte. „Ein Bruder erlöset ja nicht,“ heißt es, „wird denn ein Mensch erlösen?“4 Gott selbst ist es, der einem Jeden nach seinen Werken vergilt, und diese bringen Rettung oder Verwerfung. „Machet euch Freunde mittelst des ungerechten Reichthums!“5 Gehorchen wir also, denn es ist ein Gebot des Herrn; vertheilen wir den Überfluß des Reichthums unter die Armen; geben wir Almosen, solange wir können; denn das heißt sich Freunde machen vermittelst des Reichthums! Legen wir diese Güter in die Hände der Armen, damit wir befreit bleiben von jenem Feuer, damit wir es auslöschen, damit wir jenseits Zuversicht haben; denn dort sind es nicht diese, die uns aufnehmen, sondern unsere Werke. Daß wir aber nicht ohne Weiteres schon darum das Heil finden können, weil diese unsere Freunde sind, ist aus dem Beisatz ersichtlich. Denn warum sagt er nicht: Machet euch Freunde, damit sie euch in die himmlischen Wohnungen aufnehmen, sondern fügt auch noch die Art und Weise hinzu? Denn durch die Worte: „vermittelst des ungerechten Reichthums“ zeigt er, daß man sich durch zeitliche Güter diese Freunde verschaffen solle, daß aber die Freundschaft an und für sich offenbar uns nicht zu schirmen vermöge, wenn wir nicht gute Werke haben, wenn wir nicht den ungerecht erworbenen Reichthum auf gerechte Weise vertheilen. Was ich da über das Almosen sage, paßt nicht allein für die Reichen, sondern auch für die Armen; ja, diese Worte gelten sogar für Diejenigen, die sich vom Bettel ernähren; [S. 28] denn es ist Niemand so arm, und müßte er noch so sehr darben, daß er nicht etwas Weniges hätte. Nun ist es möglich, daß Jemand, der von seinem kleinen Besitze auch nur Weniges mittheilt, die Wohlhabenden übertreffe, wenn diese auch mehr geben, sowie es bei jener Wittwe der Fall war. Denn nicht nach der Größe der Gabe, sondern nach dem Können und dem guten Willen des Gebers wird der Werth des Almosens bemessen. Überall müssen wir also guten Willen, überall Liebe zu Gott haben. Wenn wir mit dieser Alles thun, und wenn wir dann auch nur Weniges geben, weil wir nur Weniges haben, so wird Gott von uns sein Antlitz nicht abwenden, sondern unsere Gabe so aufnehmen, als hätten wir Großes und Erstaunliches geleistet; denn er sieht nicht auf die Gaben, sondern auf den guten Willen, und wenn er sieht, daß dieser stark ist, so wird er darnach richten und entscheiden und uns der ewigen Güter theilhaftig machen, in deren Besitz wir alle durch seine Menschenfreundlichkeit und Gnade gelangen mögen. [S. 29]

1: Mt 5,22
2: Mt 25,40.45
3: Ps 33,14
4: Ps 48,8
5: Lk 16,9

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger