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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Einundzwanzigste Homilie.

3.

Da seufzte der Bischof in herbem Schmerz auf, vergoß noch heissere Thränen und vermochte nimmer zu schweigen ; denn er sah, daß diese Rechtfertigung des Kaisers unsere Schuld noch vermehre; sondern er seufzte tief auf und sprach in bitterem Schmerze: „Wir bekennen es, o Kaiser, und können diese Liebe nicht in Abrede stellen, die du gegen unsere Stadt an den Tag gelegt hast, und wir sind deßhalb am meisten betrübt, weil uns die Teufel diese Liebe mißgönnten, und wir gegen den Wohlthäter als undankbare Menschen erschienen und Denjenigen, der uns so sehr geliebt hat, ergrimmten. Du magst unsere Stadt zerstören oder verbrennen, du magst uns tödten oder uns irgend etwas Anderes anthun: in keinem Falle wirst du uns bestrafen, wie wir's verdienen. Denn wir selbst sind uns zuvorgekommen und haben uns in ein Elend gestürzt, das bitterer ist als tausendfältiger Tod. Denn was kann wohl bitterer sein als das, daß wir unsern Wohlthäter und den, der uns so inniglich liebt, auf empörende Weise zum Zorne gereizt, daß die ganze Welt diesen Vorfall erfährt und uns des schwärzesten Undankes zeiht? Hätten die Barbaren unsere Stadt überfallen, ihre Mauern zerstört, die Häuser niedergebrannt und uns zu Sklaven gemacht und wären so von dannen gezogen: so wäre das ein geringeres Unglück gewesen. Wie denn so? Weil wir, so lange du lebtest und gegen uns ein solches Wohlwollen übtest, hoffen durften, daß alle diese Drangsale ein Ende nehmen, wir in den vorigen Zustand versetzt und einer noch größern Freiheit theilhaftig würden. Nun aber, zu wem sollen wir fürder uns flüchten, nachdem wir deine Gnade verscherzt, das Band der Liebe zerrissen, die uns kräftiger schützte als jegliche Mauer? Wohin anders können wir unsere Augen wohl wenden, nachdem wir einen so milden Gebieter und einen so gütigen Vater wider uns aufgebracht haben? Es scheint nun zwar unerträglich, was sie verübt; allein was sie leiden ist das Schlimmste von Allem, da sie sich keinen Menschen anzusehen getrauen, und nicht einmal die Sonne mit freien Augen anschauen können, weil ihnen die Scham aller Orten die Augenlider verengt und [S. 421] sie zwingt sich zu verbergen. Da sie nun den Freimuth verloren, sind sie jetzt schlimmer daran als alle Gefangenen; sie erdulden die größte Beschämung, sowohl beim Gedanken an die Größe der Übel. als bei der Erwägung, in welche Schande sie sich gestürzt haben; sie können nimmermehr aufathmen, weil sie alle Bewohner der Erde zu heftigeren Anklägern sich zuzogen als selbst der ist, der sich für beleidiget hält. Doch wenn du willst, o Kaiser, so gibt es für diese Wunde noch Heilung, für diese gewaltigen Übel ein Mittel. Das geschieht ja oft selbst bei Privaten: die großen und unerträglichen Mißhelligkeiten werden zur Grundlage inniger Liebe. So ist es auch bei unserem Geschlechte gegangen. Denn nachdem Gott den Menschen gebildet, in's Paradies ihn eingeführt und so vieler Ehre gewürdiget hatte, da verschmerzte der Teufel dessen große Glückseligkeit nicht, sondern mißgönnte sie ihm und verdrängte ihn aus der ihm verliehenen Würde. Gott aber hat den Menschen nicht nur nicht im Stiche gelassen, sondern er hat uns statt des Paradieses den Himmel erschlossen, und gerade dadurch einerseits seine eigene Güte gezeigt, andererseits den Satan desto härter bestraft. So mache es auch du! Die bösen Geister haben jetzt Alles gethan, um der Stadt, die du unter allen am meisten geliebt, deine Gnade zu rauben; und da du Dieses nun weißt, so bestrafe uns nach deinem Belieben, entziehe uns aber nicht deine vorige Liebe! Ja wenn der befremdende Ausdruck erlaubt ist: zeige uns jetzt eine noch größere Liebe und zähle die Stadt neuerdings unter die ersten der bevorzugten Städte, woferne du dich an den Teufeln, welche dieß Unheil gestiftet, zu rächen gedenkst. Denn wenn du die Stadt verwüstest, zerstörest, vertilgst, so führst du das aus, was jene früher gewollt. Wenn du aber den Unwillen aufgibst und sie wieder zu lieben erklärst, wie du sie früher geliebt: so versetzest du ihnen eine tödtliche Wunde und nimmst an ihnen die empfindlichste Rache, indem du so zeigst, daß sie durch diesen Anschlag nicht nur Nichts erzweckt haben, sondern daß von Allem, was sie gewünscht, das Gegentheil eintraf. — Es dürfte aber auch billig sein, daß du das thuest und der [S. 422] Stadt dich erbarmest, welcher die Teufel deine Liebe mißgönnten; denn hättest du sie nicht so zärtlich geliebt, so würden sie dieselbe nicht mit einem so grimmigen Neide verfolgt haben. Mag das, was ich sage, auch wundersam klingen, so ist es doch wahr, daß sie dieses Unglück Deinetwegen und wegen deiner Liebe getroffen. Die Worte, die du zu deiner Rechtfertigung 1 sprachst, sind für uns schmerzlicher als vielfache Feuersbrünste, als grause Verwüstung. Du sagst, daß du verhöhnt worden, daß du erduldet, was noch Keiner der frühern Fürsten; allein wenn du willst, o gnädigster, weisester und gottseligster Kaiser, so wird dir diese Beleidigung eine größere und strahlendere Krone, als die du jetzt trägst, verschaffen. Denn diese Krone ist zwar ein Beweis deiner Tugend, ist aber auch ein Zeichen der Güte Desjenigen, der dir sie gegeben; die Krone hingegen, welche du aus dieser Menschenfreundlichkeit dir flichst, wird ganz dein eigenes Verdienst sein, das Werk deiner eigenen Weisheit; Alle werden dich nicht so fast wegen dieser kostbaren Steine bewundern, als dich wegen des Sieges über deinen Zorn erheben. Man hat deine Bildsäulen umgestürzt? Allein du kannst herrlichere als jene aufstellen lassen. Denn wenn du Denjenigen, die dich beleidiget haben, verzeihst und sie gar nicht bestrafest, so werden sie dir auf dem Markte nicht ein ehernes, nicht ein goldenes, nicht ein mit Edelsteinen verziertes Standbild2 errichten, sondern jene Säule, die, weil geschmückt mit deiner Gnade und deinem Erbarmen, kostbarer ist als jeder andere Stoff. So wird dich Jeder von ihnen als eine Ehrensäule in seinem Herzen aufrichten und du wirst so viele Ehrensäulen besitzen, als jetzt Menschen den Erdkreis bewohnen, und später bevölkern werden. Denn nicht allein wir, sondern auch unsere Nachkommen und Alle nach ihnen werden [S. 423] dieses Ereigniß vernehmen und dich so bewundern und lieben, als hättest du auch ihnen diese Gnade angedeihen lassen. Und um zu zeigen, daß ich nicht schmeichle, sondern daß dem wirklich so sein werde, will ich dir einen alten Ausspruch anführen, woraus du ersiehst, daß weder Kriegsheere noch Waffen, weder Schätze noch zahlreiche Unterthanen, noch andere ähnliche Dinge die Fürsten so sehr verherrlichen, als weises Maaßhalten und Milde es thun. Als man einst das Bildniß des glorreichen Konstantin mit Steinen bewarf und Viele ihn anreizten, gegen die Frevler einzuschreiten und an ihnen Rache zu nehmen, und als sie ihm sagten, daß Diese sein ganzes Gesicht durch die Steinwürfe beschädiget hätten: so soll er mit der Hand sein Antlitz befühlt und mit lächelnder Miene geantwortet haben: „Ich sehe an der Stirne keine Verwundung, sondern das Haupt und das ganze Gesicht ist gesund.” Und die Ankläger errötheten, fühlten Beschämung und standen ab von diesem boshaften Rathe; und diese Rede (des Kaisers) führen nun bis auf den heutigen Tag Alle im Munde, und die Länge der Zeit hat das Andenken an dieses weise Benehmen nicht zu schwächen, nicht zu vertilgen vermocht. Ist das nicht rühmlicher als noch so viele Siegesdenkmäler? Konstantin hat viele und große Städte erbaut, viele Barbaren besiegt, allein daran denken wir nimmer; dieser Ausspruch aber wird bis auf heute gepriesen und unsere Nachkommen und Alle, die nach Diesen sein werden, werden ihn hören. Daß sie ihn hören werden ist jedoch nicht das Einzige, was bewundert zu werden verdient, sondern die ihn erzählen, werden Dieß mit Lobeserhebungen thun, und die ihn hören, werden ihn mit Jubel vernehmen. Es gibt keinen Menschen, der Dieß mit Stillschweigen anhören kann, sondern er wird unverzüglich ausrufen, wird den, der Solches gesagt hat, erheben und ihn, selbst wenn er schon todt ist, tausendfältig beglückwünschen. Hat er nun wegen jenes Ausspruches schon bei den Menschen einen so großen Ruhm sich erworben, wie vieler Kronen wird er sich erst von Seite des barmherzigen Gottes erfreuen? — Was brauche ich aber Konstantin und fremde [S. 424] Muster zu nennen? Kömmt mir ja deine eigene Tugend zu Statten, um dich zum Erbarmen zu mahnen. Denke nur einmal zurück an die Zeit, wo du bei der Annäherung dieses nämlichen Festes über den ganzen Erdkreis ein Schreiben ausgehen ließest mit dem Befehle, die Gefangenen in Freiheit zu setzen und ihnen die Strafe für ihre Verbrechen zu schenken; ja du hast, gleichsam als genügte Dieses noch nicht, deine Milde zu zeigen, in jenem Schreiben gesagt: „Stünde es doch in meiner Gewalt, auch die Todten zu rufen, sie zu erwecken und ihnen das frühere Leben wieder zu geben!” An diese Worte erinnere dich jetzt! Siehe, jetzt ist die Zeit, die Todten zu rufen, sie zu erwecken und ihnen das frühere Leben wieder zu geben. Denn diese Frevler sind bereits todt, und die Stadt ist, ehe du das Urtheil gegen sie sprichst, schon jetzt an den Pforten des Todes. Rufe sie also wieder zurück, ohne Geld, ohne Aufwand, ohne Zeitverlust, ohne alle Bemühung! Denn es genügt von dir ein einziges Wort, und du wirst die Stadt, die jetzt in der Finsterniß liegt, wieder erwecken. Gestatte doch jetzt, daß man sie fürderhin nach deiner „Menschenfreundlichkeit”3 nenne, denn sie wird ihrem ersten Begründer nicht soviel Dank wissen, wie deinem Ausspruche. Und das mit vollem Rechte. Denn Jener verließ sie, nachdem er den Grund gelegt hatte; du aber wirst diese Stadt, nachdem sie gewachsen und zur Größe gelangt, nachdem sie eines langen Glückes genossen, aber sich selber ins Verderben gestürzt hatte, wieder aufrichten. Hätten Feinde die Stadt angegriffen, Barbaren dieselbe bestürmt, hättest aber du diese Gefahr abgewendet, so verdiente das nicht eine so hohe Bewunderung, als du verdienst, wenn du jetzt ihrer schonest. Denn Ersteres haben schon viele Fürsten gethan. Letzteres aber wirst du allein thun und zwar als der Erste gegen alle Erwartung. Jenes ist nichts Außerordentliches, nichts Unvermuthetes, sondern eine Erscheinung, die fortwährend [S. 425] vorkömmt, nämlich daß ein Fürst seine Unterthanen beschütze; daß aber du nach einer solchen Beleidigung den Zorn ablegst, das übersteigt alle Menschennatur. Bedenke, daß du jetzt nicht allein die Stadt Antiochia, sondern auch deinen Ruhm, ja die ganze Christenheit in Betracht ziehen mußt. Gegenwärtig schauen Juden und Heiden, der ganze Erdkreis und die Barbaren (denn auch Diese hörten davon) mit Spannung auf dich und warten um zu sehen, was du über den Vorfall urtheilen wirft. Sprichst du ein mildes, verschonendes Urtheil, so werden Alle deinen Ausspruch beloben und Gott preisen und untereinander sagen: o wie groß ist doch die Macht des Christenthums! Es beherrscht und zügelt den Mann, den an Erhabenheit Niemand erreicht; den Gebieter, der Alles zu verwüsten und zu verderben vermag; es lehrte ihm eine solche Mäßigung, wie sie kaum ein Privatmann aufweisen kann. Wahrhaft, groß ist der Christengott, der Menschen zu Engeln macht und sie über jede natürliche Schwachheit erhebt! Laß also fahren jene überflüssige Furcht und weise Diejenigen ab, die da behaupten, es würden die übrigen Städte, wenn du diese nicht straftest, noch Schlimmeres wagen, dich noch ärger verhöhnen. Denn wärest du nicht im Stande Rache zu nehmen, und hätten dich diese Frevler mit Gewalt überwunden und wäre die Macht auf beiden Seiten dieselbe: dann könnte man das natürlicher Weise vermuthen. Da sie aber verzagt und in einer fürchterlichen Todesangst sind; da sie durch meine Person zu deinen Füßen hereilen und tagtäglich Nichts anderes als ihr Verderben erwarten; da sie gemeinschaftliche Gebete verrichten, ihre Augen zum Himmel erheben und flehen, daß Gott mit seiner Hilfe erscheine und hier mit uns als Vermittler auftrete; da Jeder von ihnen gleich Denjenigen, die bald ihren Geist aufgeben sollen, über das Seine verfügt: wie sollte da diese Furcht nicht als überflüssig erscheinen? Wäre der Befehl ergangen, sie ums Leben zu bringen, so hätten sie nicht soviel ausgestanden, als sie jetzt dulden, da sie so viele Tage in Furcht und Zittern leben, beim Anbruch des Abends nicht mehr den Morgen zu sehen erwarten, und [S. 426] beim Beginne des Tages keine Hoffnung haben den Abend zu erreichen. Viele sind auch ein Raub der wilden Thiere geworden, als sie sich in die Wüste geflüchtet; nicht bloß Männer, sondern auch kleine Kinder, freigeborene und ehrenwerthe Matronen schweifen in unwegsamen Gegenden herum und verstecken sich durch viele Tage und Nächte in Höhlen, Schluchten und Klüften der Wildniß. Die Stadt befindet sich in einer neuen Art von Gefangenschaft; denn es stehen die Häuser und Mauern und dennoch sind die Bewohner schlimmer daran als die angezündeten Städte. Es bedrängt sie kein Barbar: es zeigt sich kein Feind, und doch sind sie in einer traurigeren Lage als die Gefangenen: ein Blatt, das sich rührt, kann sie täglich verscheuchen. Und das ist Allen bekannt; und wenn sie die Stadt in Trümmern sähen, würden sie nicht so zur Besinnung gebracht, wie jetzt, wo sie dieses ihr Unglück vernehmen. Glaube also doch nicht, daß die übrigen Städte deßwegen schlimmer sein werden. Denn hättest du die andern Städte zerstört, so würdest du sie nicht in dem Maaße gezüchtiget haben, als du die Frevler durch die Ungewißheit ihres künftigen Looses auf die allerempfindlichste Weise bestrafst. Verlängere also ihre bedrängte Lage nicht weiter, sondern lasse sie wieder aufathmen! Denn die Untergebenen züchtigen und für das, was sie gethan haben, strafen, das ist ohne alle Mühe und leicht zu vollbringen; die Frevler aber verschonen und Denen, die für ihre Missethaten keine Verzeihung verdienen, vergeben, das ist vielleicht bei Einem, kaum bei einem Zweiten der Fall, zumal wenn ein Fürst der Beleidigte wäre. Eine Stadt mit Schrecken erfüllen, das ist gar leicht; aber bewirken, daß Alle dich lieben, und es dahinbringen, daß sie deine Herrschaft mit Vergnügen ertragen und nicht bloß gemeinschaftlich, sondern auch einzeln für dein Reich beten: das ist schwer zu erreichen. Mag ein Fürst die größten Summen verwenden, mag er zahllose Heere in Bewegung setzen, mag er was immer beginnen: er wird sich die Liebe so vieler Menschen nicht leicht zu erwerben vermögen. Du kannst es aber jetzt leicht und ohne Beschwerde; denn Diejenigen, die du be- [S. 427] gnadigest, und die von dieser Begnadigung hören, werden dich gleichmäßig lieben. Welche Summen würdest du spenden, welchen Anstrengungen dich unterziehen, um in kürzester Zeit die ganze Welt zu gewinnen und alle jetzt lebenden Menschen und auch künftigen Geschlechter dahin zu vermögen, daß sie deiner Person ebenso viel Gutes wünschen, als sie ihren Kindern wünschen? — Wenn aber das von Seite der Menschen geschieht, so erwäge, welchen Lohn du von Gott zu gewärtigen hast, nicht bloß für das, was du jetzt thust, sondern auch für das, was später Andere vollbringen. Denn sollte sich wieder einmal etwas Solches ereignen, wie jetzt (Gott wolle es verhüten!); und sollten einige beleidigte Fürsten wider die Frevler einschreiten wollen: so wird ihnen deine Milde und Weisheit vor Allem zur Belehrung und Ermunterung dienen; sie werden erröthen und sich schämen, nachdem sie ein solches Vorbild weiser Mäßigung haben, hinter diesem zu bleiben. Du wirst also ein Lehrer für alle Nachkommen sein; du wirst vor Allen die Palme erringen, und sollten sie selbst den Gipfel dieser Weisheit ersteigen. Denn es ist ja nicht gleich, als der Erste ein Beispiel solcher Milde zu geben, und auf Andere sehen und das nachahmen, was diese Gutes gethan. Mögen sich darum die Fürsten künftig noch so menschenfreundlich und milde erweisen, so wirst auch du mit ihnen belohnt werden; 4denn wer die Wurzel einsenkt, legt auch den Grund zu den Früchten. Darum kann jetzt Niemand mit dir den Lohn deiner Menschenfreundlichkeit theilen; denn sie ist ganz dein eigenes Verdienst; du aber wirst mit allen Nachkommen, wenn sie dir je ähnlich sein werden, ihr Verdienst nach Billigkeit theilen und zwar wirst du einen solchen Antheil erhalten wie die Lehrer in Bezug auf die Schüler. Und sollte Niemand dein Beispiel befolgen, so werden doch [S. 428] dich hinwieder alle Geschlechter loben und preisen. Denn erwäge nur, was es sagen wolle, wenn die ganze Nachwelt vernimmt: „als eine so große Stadt sich der Strafe und Rache schuldig gemacht; als Alle erbebten, Heerführer. Statthalter und Richter in Schrecken geriethen und zu Gunsten jener armen Bewohner sich kein Wort zu reden getrauten: da habe sich ein greiser Priester Gottes dem Herrscher genaht und ihn durch den bloßen Anblick und eine einfache Ansprache zur Gnade bewogen; und was Dieser Keinem seiner Unterthanen gewährt, das hat er aus Ehrfurcht vor Gottes Geboten diesem einzigen Greise bewilligt. Denn auch dadurch, 0 Kaiser, hat die Stadt gegen dich keine geringe Ehrfurcht gezeigt, daß sie mir diese Sendung an dich übertrug. Denn man hat über dich das herrliche und glorreiche Urtheil gefällt, daß du die Priester Gottes, und wären sie selbst schlecht, aller Gewalt, die dir unterworfen ist, vorziehst. Ich komme aber jetzt nicht bloß in ihrem Namen daher, sondern vorzugsweise im Namen des gemeinschaftlichen Herrn der Engel, um dir, o mildester und gütigster Kaiser zu sagen: „Wenn ihr den Menschen ihre Fehler verzeiht, so wird euer himmlischer Vater auch euch eure Sünden verzeihen.“5 Gedenke also jenes schrecklichen Tages, an dem wir Alle über unsere Handlungen werden Rechenschaft ablegen müssen. Bedenke, daß, wenn du in irgend einem Punkte gefehlt hast, du durch diesen entscheidenden Ausspruch alle Vergehen ohne Mühe und Anstrengung zu tilgen vermagst. Andere Gesandte bringen Gold und Silber und andere ähnliche Gaben mit sich; ich aber komme, o Kaiser, zu dir mit der heiligen Schrift und reiche sie dir statt aller Geschenke, und mit der Bitte, dem Beispiele deines Herrn zu folgen, der, wenn er auch täglich von uns beleidiget wird, dennoch nicht aufhört, Allen seine Gaben zu spenden. Laß unsere Hoffnung nicht zu Schanden werden; vereitle [S. 429] meine Versprechungen nicht! 6Denn ich wünsche, daß du nebst dem Andern auch Dieses erfahrest: wenn du geneigt bist, dich zu versöhnen, der Stadt dein früheres Wohlwollen wieder zu schenken und diesen deinen gerechten Unwillen fahren zu lassen: so werde ich mit großer Freudigkeit heimkehren; wenn du aber die Stadt aus deinem Sinne verbannest, so werde ich sie nicht nur nicht wieder betreten, will den Ort, wo sie steht, nimmer erblicken, sondern sie für immer verleugnen und mir in einer andern Stadt das Bürgerrecht suchen. 7Möge mir doch nie das Unglück begegnen, in jener Stadt meine Heimath zu haben, mit welcher sich der leutseligste und sanftmüthigste aller Menschen nicht mehr befreunden, nicht aussöhnen will!”

Dieses und noch mehr, was der Bischof geredet, hat den Kaiser so wehmüthig gestimmt, daß ihm eben das widerfuhr, was einst dem Joseph begegnete. Denn gleichwie Dieser beim Anblicke seiner Brüder weinen wollte, jedoch, um sich nicht zu verrathen, den Schmerz unterdrückte: so weinte auch der Kaiser in seinem Gemüthe, verbarg aber die Thränen wegen Aller, die ihn umgaben. Er konnte jedoch seine Rührung nicht lange verbergen, sondern wurde davon gegen seinen Willen bewältigt. Denn nach dieser Rede (des Bischofs) bedürfte es für den Kaiser keiner weitern Worte; sondern Dieser erwiderte selbst zwar nur ganz wenige Worte, die ihn aber mehr schmückten als jegliche Krone, Und wie lauten Dieselben? „Was ist es Außerordentliches und Großes”, sprach er, „wenn wir den Menschen, die uns beleidiget haben, verzeihen, wir, die wir ja selber Menschen sind; da der Herr der Welt auf die Erde herabgestiegen, wegen uns zum Knechte geworden, von Denjenigen, denen er Wohlthaten gespendet, gekreuziget worden ist und für die Kreuziger zum Vater gefleht hat mit den [S. 430] Worten: „Verzeihe ihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun! 8 Was ist es also Außerordentliches, wenn auch wir unsern Mitknechten verzeihen?” — Und daß diese Worte nicht heuchlerisch waren, das bewiesen alle Thatsachen, besonders diejenige, die ich eben anführen will. Denn als unser Bischof Lust zeigte, das Osterfest gemeinschaftlich mit ihm in Konstantinopel zu feiern, so nöthigte er ihn gegen seinen Willen sich zu beeilen, zu sputen und sich seinen Mitbürgern wieder zu zeigen. „Ich weiß,” sagte er, „daß ihre Gemüther jetzt geängstiget sind und daß es noch viele Nachwehen des Unglückes gibt. Gehe hin und bring ihnen Trost! Wenn sie ihren Steuermann sehen, so werden sie nicht mehr des vergangenen Sturmes gedenken, sondern selbst die ganze Erinnerung an die traurigen Vorfälle tilgen.” Als aber der Bischof darauf die dringende Bitte aussprach, daß er seinen Sohn senden möge, so erwiderte Jener, um deutlich zu zeigen, daß er den Unwillen gänzlich aus dem Herzen verbannt habe: „Betet, daß die gegenwärtigen Hindernisse gehoben und diese Kriege beendiget werden; dann werde ich sicher persönlich erscheinen.” Kann es wohl ein milderes Herz geben als Dieses? Möchten doch dadurch die Heiden beschämt, oder besser gesagt, nicht so fast beschämt werden, als sich bessern lassen, ihrem angebornen Irrthum entsagen und sich zur Macht des Christenthums wenden, nachdem sie unsere Lehre durch den Kaiser und den Bischof kennen gelernt! Denn selbst damit begnügte sich der frömmste Kaiser noch nicht, sondern schickte dem Bischof, der die Stadt schon verlassen hatte und eben über das Meer fuhr, Einige nach, um sich zu erkundigen und ihn zu drängen, ja nicht die Zeit zu vergeuden und der Stadt nicht die halbe Freude zu rauben, falls er das Osterfest nicht dort feiern würde. Welcher zärtliche Vater hat je gegen Diejenigen, die ihn beleidiget haben, einen solchen Eifer bewiesen?

Ich will noch etwas Anderes zum Lobe des frommen [S. 431] Bischofs anführen. Nachdem er nämlich dieses Geschäft glücklich zu Ende gebracht, so eilte er nicht, wie etwa ein Anderer aus Ruhmsucht gethan haben würde, das Schreiben, das uns von jener Angst befreite, persönlich zu überbringen; sondern schickte, weil er selbst langsamer reiste, einen Andern, der schnell reiten konnte, voraus, um der Stadt die freudige Botschaft zu bringen und durch seine verzögerte Rückkehr ihr die Trauer nicht zu verlängern. Das einzige, was er ersehnte, war nicht, der Vaterstadt diese beglückende und freudenvolle Nachricht persönlich zu bringen, sondern daß sie in Bälde wieder aufathmen könnte. Was ihr also neulich gethan, als ihr den Markt mit Kränzen behängtet, Lampen anzündetet, den Platz vor den Werkstätten mit Blumen bestreutet und ein Freudenfest hieltet, als wäre die Stadt soeben erbaut worden: das thut nun — auf eine andere Weise — ununterbrochen; schmücket euch nicht mit Blumen, sondern mit Tugend; zündet durch die Werke in eurem Herzen ein Licht an; frohlocket in einer geistlichen Freude und lasset uns Gott für Dieß alles fortwährend danken. Laßt uns bekennen, daß wir ihm großen Dank schulden, nicht allein dafür, daß er die Gefahren beseitigt, sondern auch dafür, daß er sie uns zugeschickt hat; denn er hat unsere Stadt durch Beides geehrt. Dieß alles aber „erzählet — nach dem Ausspruche des Propheten 9— euren Kindern, und eure Kinder ihren Kindern und Diese wieder dem folgenden Geschlechte,” damit alle Menschen, die bis an das Ende der Zeit leben werden, die Gnade, so Gott dieser Stadt erzeigt hat, erfahren, uns, die wir einer so großen Wohlthat theilhaftig geworden, glückselig preisen, unsern Kaiser aber, der die so tief gefallene Stadt wieder aufgerichtet, bewundern; mögen sie aber auch selber zu ihrem eigenen Nutzen durch alle diese Beispiele zur Gottseligkeit angeregt werden! Denn die Erzählung dessen, was wir erlebt haben, wird nicht bloß uns, wenn wir uns daran be- [S. 432] ständig erinnern, sondern auch unsern Nachkommen sehr nützlich sein können. Darum laßt uns Dieß alles erwägen und dem barmherzigen Gott immerfort danken, mag er uns aus den Gefahren befreien, mag er uns Unfälle schicken; denn wir wissen ja aus der göttlichen Schrift und aus dem, was uns selber getroffen, daß er nach seiner allzeit entsprechenden Gnade Alles zu unserm Besten einrichte. Möchten wir uns doch immer derselben erfreuen und des Himmelreiches theilhaftig werden in Jesus Christus unserm Herrn, dem Ehre und Herrlichkeit sei von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

1: Ἀπολογούμενος. Vergl. oben die Rede des Kaisers beim Anblick des Bischofs.
2: Λιθοκόλλητος — mit Steinen gekittet, besonders mit Edelsteinen verziert.
3: Φιλανθρωπία statt: Antiochia.
4: D. h. du wirst erstlich für deine persönliche Güte belohnt; wirst aber auch theilnehmen an der Belohnung aller künftigen Herrscher, welche dein Beispiel befolgen.
5: Matth. 6, 14.
6: D. h. laß mich nicht vergebens meinen Mitbürgern deine Gnade in Aussicht gestellt haben.
7: Wörtlich: „Mich in eine andere Stadt einschreiben lassen.”
8: Luk. 28, 34.
9: Joel 1, 3.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger