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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Einundzwanzigste Homilie.

2.

So hat sich also der Bischof vor Gott und den Menschen Ehre erworben. Den Kaiser aber hat diese Begebenheit herrlicher als jede Krone geschmückt. Zuvörderst darum, weil es hier offenbar wurde, daß er das, was er sonst Keinem zugesteht, doch den Priestern in Gnade gewährt; ferner, weil er so schnell die Gnade gewährte und die Gereiztheit ablegte. Damit ihr aber die Großmuth des Kaisers und die Weisheit des Bischofs, vor beiden aber die Menschenfreundlichkeit Gottes noch klarer erkennet, so gestattet mir nur, daß ich euch etwas Weniges von der Unterredung erzähle, die Jene mit einander gepflogen. Was ich aber erzähle, habe ich von einem Ohrenzeugen vernommen; denn unser Vater hat mir darüber gar Nichts gesagt, er ahmt vielmehr die Großmuth des Paulus nach und verhehlt seine eigenen Verdienste; und wenn er von allen Seiten gefragt wird, was er zum Kaiser gesprochen, was Dieser erwidert, wie er dessen ganzen Zorn besänftiget habe; so gibt er folgende Antwort: „Wir haben Nichts dazu beigetragen, sondern der Kaiser selbst, dessen Herz Gott gerührt hatte, hat, ehe ich noch redete, den ganzen Zorn fahren lassen und den Ingrimm beseitigt. Während der Kaiser mit mir über die Vorfälle sprach, erzählte er alle Vorkommnisse so ohne Gereiztheit, als wäre irgend ein Anderer beleidiget worden.” Was aber der Bischof aus Demuth verschwieg, hat uns Gott kund gethan. Was ist aber das? Ich will's euch erzählen, gehe aber in meiner Rede etwas weiter zurück. Als er nämlich aus der Stadt ging, und Alle so entmuthigt verließ, so litt er weit größere Qualen als wir, die wir uns in diesem Elend befanden. Denn zuerst traf er mitten auf dem Wege Diejenigen an, die zur Untersuchung der Vorfälle vom Kaiser abgesandt waren; und als er von ihnen den Grund ihrer Sendung erfuhr, so dachte er an die Leiden, die die Stadt treffen würden, an die Tumulte, Un- [S. 418] ruhen, an die Flucht, Furcht, Angst und Gefahren, und vergoß Ströme von Thränen, und sein Vaterherz war auf's tiefste verwundet. Denn die Väter empfinden ja einen weit größern Schmerz, wenn sie ihren bedrängten Kindern nicht einmal durch ihre Gegenwart beistehen können. Diesen Schmerz empfand auch dieser so zärtlich liebende Bischof, ünd er weinte nicht nur über das uns bedrohende Unglück, sondern auch darum, daß er, während wir litten, ferne sein müßte. Denn als er von den Abgeordneten diese Kunde erhalten, vergoß er noch heißere Thränen, nahm mit noch glühenderem Gebete seine Zuflucht zu Gott, schlief keine Nacht und betete nur, daß Gott der bedrängten Stadt beistehen und das Herz des Kaisers besänftigen möchte. Als er nun aber in jener großen Stadt angelangt war und die kaiserlichen Gemächer betrat, blieb er ferne vom Kaiser stehen, stumm, weinend, gebückt und sein Antlitz verhüllend, als hätte er selbst alle jene Frevel verschuldet. Das aber that er, um ihn vorerst durch seine Haltung, seinen Anblick und seine Traurigkeit zum Erbarmen zu stimmen, und um dann seine Vertheidigung für uns zu beginnen. Denn die einzige Nachsicht, die man den Verbrechern gönnt, ist, daß sie schweigen und Nichts zu Gunsten ihrer Thaten vorbringen. Er wollte nämlich einen Affekt (aus dem Herzen des Kaisers) verbannen, einen andern ihm einpflanzen; verbannen den Zorn, einpflanzen das Mitleid, um so den Worten seiner Vertheidigung den Weg zu bereiten. Und das ist auch geschehen. Und gleichwie Moses, nachdem er den Berg bestiegen, das Volk aber unterdessen gesündiget hatte, selber so lange nicht sprach, als bis ihn Gott dazu aufforderte mit den Worten: „Laß mich, und ich will dieses Volk vertilgen,” 1— so machte es auch unser Bischof. Da ihn also der Kaiser in Thränen gebadet und in einer so demüthigen Stellung erblickte, schritt er selbst auf ihn zu, und was sein Herz bei den Thränen des Priesters ausstand, das zeigte er [S. 419] dann durch die Worte an ihn. Denn seine Worte bekunden nicht Unwillen und Zorn, sondern Schmerz; keine Gereiztheit, sondern Wehmuth und tief empfundenes Mitleid. Die Wahrheit dieser Behauptung werdet ihr einsehen, wenn ihr seine eigenen Worte vernehmet. Er sprach nämlich nicht: „Was soll denn das sein? Du kömmst daher um Gnade zu bitten für verruchte, ja für die verruchtesten Menschen, die des Lebens nicht werth sind, für die Tyrannen und Aufrührer, welche die härteste Strafe verdienen!” Alle diese Ausdrücke ließ er bei Seite und machte für sich selbst eine Vertheidigung, die voll Achtung (gegen den Bischof), aber auch sehr nachdrücklich war: er erzählte alle Wohlthaten her, die er unserer Stadt während der ganzen Zeit seiner Regierung 2erwiesen und jedesmal fügte er bei: „Mußte ich das nun für dieselben erfahren? was habe ich ihnen denn zu Leide gethan, daß sie mich so schmählich behandeln? Und wenn sie irgend eine Klage wider mich hatten, sei es im Großen oder im Kleinen, warum haben sie denn nicht mich allein, sondern auch die Todten gehöhnt? Es genügte ihnen nicht mit ihrem Ingrimm bei den Lebenden stehen zu bleiben; sie glaubten nichts Tüchtiges geleistet zu haben, wenn sie ihre Wuth nicht auch an den Begrabenen ausließen. Gesetzt auch, wir hätten ihnen, wie sie wähnen, etwas zu Leide gethan; nun da war es ihre Pflicht der Todten zu schonen, von Denen sie nicht gekränkt worden waren; denn unsere Beleidigung konnten sie doch nicht auch Diesen zurechnen. Habe ich dieser Stadt nicht immer vor allen den Vorzug gegeben? habe ich nicht erklärt, sie mehr als meine Vaterstadt selber zu lieben? War es nicht mein beständiger Wunsch, diese Stadt zu besuchen und habe ich das nicht vor Allen mit einem Eide bekräftigt?” [S. 420]

1: Exod. 32, 10.
2: Theodosius I. regierte von 379 bis 395. Bischof Flavian war im Jahre 388 in dieser Angelegenheit beim Kaiser in Konstantinopel.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger