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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Einundzwanzigste Homilie.

1.

Ganz mit demselben Spruche, mit dem ich zur Zeit der Gefahren meine Rede an eure Liebe immer zu beginnen gewohnt war, will ich auch heute an euch dieselbe be- [S. 414] ginnen und mit euch sagen: Gepriesen sei Gott, der uns heute dieses heilige Fest mit voller Freude und Wonne zu feiern gestattet, der dem Leibe das Haupt, den Schäflein den Hirten, den Schülern den Lehrer, den Soldaten den Führer und den Priestern den Bischof wiedergegeben! Gepriesen sei Gott, „der überschwänglich mehr thut, als wir erbitten oder verstehen.” 1 Denn uns schien es hinreichend zu sein, wenn wir einstweilen von den drohenden Gefahren befreit würden; dahin war unser ganzes Flehen gerichtet; aber der barmherzige Gott, der uns immer unendlich mehr gibt, als um was wir ihn bitten, hat uns auch den Vater schneller, als wir je zu hoffen gewagt, wiedergegeben. Denn wer hätte wohl vermuthet, daß er in so wenigen Tagen hinreisen, sich mit dem Kaiser besprechen, dem Elend ein Ende machen und so schnell wieder zurückkehren werde, um noch vor dem heiligen Osterfeste eintreffen und dieses mit uns feiern zu können? Aber sehet, was wir nicht vermutheten, das ist geschehen: Wir haben den Vater wieder erhalten und schöpfen daraus eine größere Wonne, daß wir ihn wider Erwarten erhielten. Für das Alles wollen wir dem gütigen Gott danken und seine Macht, Barmherzigkeit, Weisheit und Vorsicht bewundern, die er gegen unsere Stadt an den Tag gelegt hat. Denn der Teufel hatte durch die verübten Frevel die ganze Stadt zu Grunde zu richten gesucht, Gott aber hat sowohl die Stadt, als den Bischof und auch den Kaiser durch dieses Unglück verherrlicht und sie uns Alle in erhöhtem Glanze vor Augen gestellt. Denn die Stadt ist dadurch zum Ruhme gelangt, daß sie bedroht von einer solchen Gefahr alle Vornehmen im Staate, Alle, die großen Reichthum besaßen, Alle, die beim Kalser einen mächtigen Einfluß ausübten, bei Seite gesetzt und zur Kirche und zum Priester des Herrn ihre Zuflucht genommen und sich voll Vertrauen an die Hoffnung auf Oben geschmiegt hat. Als nämlich Viele nach der Abreise des gemeinsamen Vaters die Gefan- [S. 415] genen schreckten und ihnen sagten: der Kaiser wird sich nicht besänftigen lassen, sondern noch mehr aufgebracht werden, und beschließen, die ganze Stadt zu Grunde zu richten, und als sie noch viel mehr als Dieses daherschwätzten: So wurden die Gefesselten durch dieses Gerede nicht in eine größere Furcht versetzt; im Gegentheil, als wir ihnen sagten, das sei erlogen und ein Blendwerk des Teufels, um ihre Gemüther mit Furcht zu erfüllen, so antworteten sie uns: „Wir bedürfen keines Trostes durch Worte; denn wir wissen, zu wem wir gleich Anfangs unsere Zuflucht genommen, welcher Hoffnung wir uns überlassen. Wir haben unser Heil an dem heiligen Anker befestigt, und dasselbe nicht einem Menschen, sondern dem allmächtigen Gott anvertraut. Darum vertrauen wir auch, daß das Ende sicher erspießlich sein werde; denn es ist ja unmöglich, daß diese Hoffnung je zu Schanden werde.” Wie viele Kronen, wie viele Lobsprüche wird sich dieses Vertrauen unserer Stadt wohl erwerben! Welches Wohlwollen Gottes wird sie sich auch in den übrigen Angelegenheiten zuziehen! Denn gewiß vermag es nicht die nächstbeste Seele im Sturme der Versuchung zu wachen, ihren Blick zu Gott zu erheben, sich um alles Menschliche gar nicht zu kümmern, und sich nur nach seiner Hilfe zu sehnen.

Auf diese Weise also hat sich die Stadt Ruhm erworben; nicht minder aber auch, als Diese, der Bischof; denn er wagte sein Leben für Alle; obgleich ihm viele Hindernisse in den Weg traten: der Winter, sein hohes Alter, das Fest, nicht minder die in den letzten Zügen liegende Schwester,— so überwand er doch alle und sprach nicht bei sich selber: „Wie? Meine einzige noch übrige Schwester, die mit mir das Joch Christi zieht, die so lange Zeit an meiner Seite gewohnt,” die liegt nun im Sterben, und ich soll sie verlassen, soll verreisen, soll sie nicht ihre Seele aushauchen sehen, nicht ihre letzten Worte vernehmen? Und sie hat mich doch täglich gebeten, daß ich ihr die Augen zudrücke, den Mund schließen, und zudecken soll, und alle zu ihrer [S. 416] Bestattung nöthigen Anstalten treffe; nun aber soll sie gleich einem Einsiedler und ohne Beistand dieser Liebesdienste von Seite des Bruders entbehren, von dem sie dieselben vorzugsweise ersehnte; sie soll ihre Seele aushauchen und den nimmer sehen, den sie am meisten geliebt hat? Wird das für sie nicht eine größere Qual sein als ein oftmaliger Tod? Ja wenn ich mich selbst in weiter Ferne befände, sollte ich da nicht eilen, Alles unternehmen und leiden, um ihr diesen Gefallen zu thun? Nun aber, da ich nahe bei ihr bin, soll ich sie verlassen und so verreisen? Wie wird sie dann ihre Tage verbringen?” Allein Nichts von dem hat er gesagt, ja das nicht einmal gedacht; sondern er setzte dle Furcht Gottes über alle Verwandtschaft und wußte gar wohl, daß, wie den Steuermann die Stürme, den Feldherrn die Gefahren, so den Priester die Versuchung bewähren. Alle, sagt er, schauen auf uns, Juden und Heiden; täuschen wir sie also nicht in ihrer Hoffnung auf uns, seien wir nicht sorglos bei einem so gewaltigen Schiffbruch, sondern lassen uns Alles, was uns betrifft, Gott anempfehlen, und selbst das Leben einsetzen. Erwäge nur die Großmuth des Bischofs und die Menschenfreundlichkeit Gottes! Alles, was er (um des Herrn willen) verachtet, das Alles hat er erlangt, damit er für seinen Eifer belohnt würde und durch diese unverhoffte Belohnung eine größere Wonne empfände. Er nahm es auf sich, dieses Fest wegen der Wohlfahrt der Stadt in der Fremde und Ferne von den Seinen zu feiern; Gott hat uns ihn aber schon vor Ostern wiedergeschenkt, um das Fest gemeinschaftlich mit uns zu begehen, damit sein Eifer belohnt, und er einer größern Freude theilhaftig würde. Er fürchtete sich nicht vor der Jahreszeit 2und es ward sommerlich während der ganzen Zeit seiner Reise. Er achtete nicht auf das Alter, und er legte diesen weiten Weg so leicht wie ein in Jugendkraft strotzender Jüngling zurück. [S. 417] Er dachte nicht an das Ende der Schwester und ließ sich nicht wehmüthig stimmen; und bei seiner Zurückkunft fand er sie am Leben, und Alles, was er früher unbeachtet gelassen, ward ihm nun Alles zu Theil.

1: Ephes. 3, 20.
2: Die Reise fiel in die Monate März und April. Ostersonntag war am 25. des letztern Monats.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger