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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Zwanzigste Homilie.

8.

Glaubt aber nicht, daß ich keinen Grund habe, Dieses zu sagen. Gebt mir einen Menschen, von dem ihr glaubt, daß er vielfältig schwört, ja vielleicht mehr Schwüre thut, als er Worte ausspricht. Einen solchen übergebt mir nur auf zehn Tage, und wenn ich ihm diese Gewohnheit in diesen wenigen Tagen nicht gänzlich vertreibe, so verdammt mich zur äussersten Strafe. Und daß diese Worte keine Prahlerei sind, das soll euch aus einer alten Geschichte klar werden. Wer war wohl thörichter, wer unvernünftiger als die Niniviten? Gleichwohl haben diese Barbaren, diese blödsinnigen Menschen, die nie einen weisen Lehrer gehört, die nie solche Gebote vernommen, als sie die Worte des Propheten vernahmen: „Drei Tage noch und Ninive wird untergehen,” 1— die böse Gewohnheit in drei Tagen gänzlich abgelegt: der Unzüchtige wurde keusch, der Grausame sanftmüthig, der Betrüger und Räuber enthaltsam und gütig, der Lässige eifrig. Denn es wurden da nicht ein oder zwei oder drei oder vier Laster geheilt, sondern sie haben ihre ganze Bosheit gebessert. Woraus erhellet denn das? Aus den Worten des Propheten; denn er, der sie verklagt und den Ausspruch gethan hatte: „Das Geschrei ihrer Bosheit sei bis in den Himmel empor gestiegen,” 2bezeugt über dieselben Niniviten das Gegentheil mit den Worten: „Gott sah, daß sie alle abstanden von ihren bösen Wegen;”3 es [S. 409] heißt nicht: Von der Unzucht, vom Ehebruch, vom Diebstabl. sondern: „Von ihren bösen Wegen.” Und wie standen sie davon ab? Wie Gott wußte, nicht wie ein Mensch glaubte. Sollen wir uns ferner nicht schämen, sollen wir nicht erröthen, daß diese Barbaren in nur drei Tagen ihre ganze Bosheit ablegten, wir hingegen, nachdem wir so viele Tage hindurch ermahnt und belehrt worden sind, nicht eine einzige böse Gewohnheit besiegen? Nun waren aber die Niniviten in die allergrößten Laster versunken. Denn wenn du hörst: „Das Geschrei ihrer Bosheit ist zu mir empor gestiegen,” so verstehe darunter nichts Anderes als das Übermaß ihrer Bosheit. Und dennoch vermochten sie es, sich in drei Tagen ganz zur Tugend zu wenden. Denn wo Gottesfurcht ist, bedarf es nicht der Tage, nicht eines Zeitraumes; wo aber keine Gottesfurcht ist, da bringen auch die Tage keinen Gewinn. Denn gleichwie Derjenige, welcher rostzerfressene Gefäße bloß mit Wasser abreibt, selbst wenn er lange Zeit dazu verwendet, sie nicht von jeder Makel befreit; Derjenige aber, der sie in den Schmelzofen wirft, sie in ganz kurzer Zeit glänzender macht als neue Gefäße: Ebenso geht es auch mit der Seele, die mit dem Gifte der Sünde befleckt ist. Wenn sie sich nur so obenhin und gleichsam zufällig reinigt, und auch alle Tage Bußwerke übt, so wird sie nicht viel gewinnen. Wenn sie sich aber in die Furcht Gottes wie in einen Schmelzofen stürzt, so wird sie in ganz kurzer Zeit vollkommen rein. Verschieben wir also dieses Geschäft nicht auf morgen; „denn wir wissen nicht, was der nächste Tag bringen wird,” 4und sagen wir nicht: „Wir werden die Gewohnheit nach und nach überwinden;” denn dieses „nach und nach” wird nimmermehr aufhören. Lassen wir also diese Ausrede fahren und sagen vielmehr: Wenn wir uns heute in Bezug auf das Schwören nicht bessern, werden wir es auch später nicht thun; heute noch, und sollten uns tausend Geschäfte in Athem erhalten, und müßten wir ster- [S. 410] ben, müßten wir gezüchtiget werden, müßten wir Alles verlieren! Bieten wir nicht dem Teufel die Macht, uns träge zu machen, nicht irgend einen Vorwand des Aufschubes. Sieht Gott dein entflammtes Gemüth und deinen feurigen Eifer, so wird auch er deine Besserung fördern. Ich bitte und beschwöre euch: seien wir doch auf der Hut, damit nicht auch wir die Worte vernehmen: „Die Bewohner von Ninive werden auftreten und dieses Geschlecht verdammen,” 5weil sie, obwohl nur ein Mal ermahnt, Buße gethan, wir aber, wenngleich vielfach ermahnt, uns nicht bessern wollten. Jene übten sich in jeglicher Tugend, wir bringen es aber nicht in einer einzigen weiter. Jene erschracken schon vor der Drohung, daß ihre Stadt untergehen sollte, wir aber fürchten uns nicht, selbst wenn uns die Hölle gedroht wird. Jene hatten keine Propheten, während wir eines beständigen Unterrichtes und vieler Gnaden genießen. Das sage ich jetzt nicht um über eure Sünden, sondern um über die Anderer vor euch Klage zu führen. Denn ich weiß es gar wohl und habe es ja vorher gesagt, daß ihr dieses Gebot in Bezug auf das Schwören getreulich erfüllt. Allein das genügt noch nicht zu unserem Heile, wenn wir nicht auch Andere durch unsere Belehrungen bessern, wie ja auch Jener, der das ihm anvertraute Talent vorwies und ganz wieder erstattete, der Strafe verfiel, eben weil er die erhaltene Summe nicht vermehrt hatte. 6Darum sollen wir also nicht bloß darauf sehen, ob wir selbst von dieser Sünde frei sind, sondern auch nicht ablassen, bis wir Andere davon abgebracht haben. Ein Jeder führe zehn Freunde, die er gebessert, zu Gott, seien es Hausgenossen, seien es Schüler. Hast du aber weder Schüler noch Diener, so hast du doch Freunde: bessere diese! Sage mir nicht: „wir haben die Gewohnheit zu schwören schon abgelegt; wir fallen nur selten.” Verbanne doch auch dieses seltene Schwören! Hättest du einen einzigen Dukaten verloren, würdest du nicht zu Allen herum- [S. 411] gehen, und forschen und suchen, um ihn zu finden? Thue dasselbe auch in Bezug auf die Schwüre. Wenn du siehst, daß dir ein Schwur entwischte, so weine und stöhne, als hättest du all' deine Habe verloren. Ich sage das noch einmal, was ich schon früher gesagt: verschließe dich in dein Haus, erwäge die Sache und übe dich darin mit deinem Weibe, mit den Kindern und den Genossen des Hauses. Sprich zuerst zu dir selber: Ich will mich nicht eher mit häuslichen Angelegenheiten, nicht mit öffentlichen Geschäften befassen, als bis ich meine Seele in Ordnung gebracht. Wenn ihr auf diese Weise eure Kinder belehrt, so werden auch diese die ihrigen so unterrichten, und so wird diese Lehre bis zum Ende der Welt und bis zur Ankunft Christi fortdauern, und denen, die dazu den ersten Grund gelegt haben, die größten Belohnungen bringen. Hat dein Sohn das Wort „Glaube“ sprechen gelernt, so wird er fürder kein Theater besuchen, keine Schenke betreten, sich nicht mit dem Würfelspiel abgeben können. Denn dieses Wort wird für seinen Mund ein Gebiß sein und ihn wider seinen Willen vermögen zu erröthen und Scham zu empfinden; und wenn man ihn einmal dort sieht, so wird es ihn nöthigen, sich gleich zu entfernen. Allein Andere werden dich auslachen; du aber beweine den Frevel derselben. Auch den Noe haben damals Viele verlacht, als er die Arche erbaute. Als aber die Sündfluth hereinbrach, hat er sie verlacht, oder besser gesagt, dieser Gerechte verlachte sie nicht, sondern er beweinte und beklagte sie. Siehst du also, daß sie über dich lachen, so bedenke, daß Diejenigen, die jetzt laut auflachen und die Zähne weisen, dann heulen und ein fürchterliches Zähneknirschen werden ausstehen müssen. Wehklagend und zähneklappernd werden sie an jenem Tage sich dieses Gelächters erinnern. Da wirst auch du jenes Lachens gedenken. Wie sehr hat sich der Reiche über den Lazarus lustlg gemacht? Als er aber Diesen im Schooße Abrahams sah, da weinte er über sich selbst. —

Erwäge nun das Alles und treibe alle Mitmenschen an zur schnellen Erfüllung dieses Gebotes. Sage mir nicht: [S. 412] Ich will es nach und nach thun. Verschiebe es auch nicht auf morgen, denn das „morgen” nimmt nie ein Ende. Vierzig Tage sind nun vorüber. Vergeht auch das heilige Osterfest noch, so werde ich fürder Keinem verzeihen, Keinen ermahnen, sondern Befehle und eine nicht zu verachtende Strenge anwenden. Denn die Gewohnheit genügt hier als Entschuldigung nicht. Warum schützt denn der Dieb die Gewohnheit nicht vor, warum geht er nicht ungestraft aus? Warum der Mörder und Ehebrecher nicht? Ich sage es also Allen voraus und bezeuge es: wenn ich zu euch einzeln komme und eine Probe anstelle (ich werde das sicherlich thun), und Einige finde, die diesen Fehler noch nicht abgelegt haben: so werde ich sie strafen, und ihnen gebieten, sich von den heiligen Geheimnissen ferne zu halten, nicht in der Absicht, daß sie ausgeschlossen bleiben, sondern wenn sie den Fehler gebessert, wieder erscheinen und dieses heilige Mal mit reinem Gewissen genießen. Gott aber gebe, daß wir durch die Gebete der Vorsteher und aller Heiligen dieses und alle andern Laster ablegen und des Himmelreiches theilhaftig werden durch die Gnade und Menschenfreundlichkeit unseres Herrn Jesu Christi, mit welchem dem Vater sammt dem heiligen Geiste sei Ehre, Ruhm und Anbetung jetzt und alle Zeit und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

1: Job 3, 4.
2: Ebend. 1, 2 (LXX).
3: Ebend. 3, 10.
4: Sprüchw. 27, 1.
5: Luk. 11, 32.
6: Matth. 25, 30,

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger