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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Zwanzigste Homilie.

6.

Welche Vergebung werden wir also erlangen, wenn wir selbst bei der Aussicht auf einen solchen Lohn dem Gesetzgeber den Gehorsam verweigern, ja fortfahren, ihn zu verachten? Denn daß dieses eine Verachtung ist, ist aus Folgendem klar: Hätte der Kaiser den Befehl erlassen: Alle Feinde sollen sich gegenseitig versöhnen, oder man würde ihnen die Köpfe abschlagen; würden wir uns nicht sämmtlich beeilen, uns mit den Mitbrüdern zu vergleichen? Ich glaube ja. Welche Vergebung haben wir also zu hoffen, da wir gegen Gott nicht einmal dieselbe Ehrerbietung bezeigen, wie gegen unsere Mitknechte? Darum wurde uns befohlen zu beten: „Vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.” 1Welches Gebot ist wohl milder, welches wohl liebreicher als dieses? Gott setzt dich selbst zum Richter über die Vergebung deiner Sünden. Vergibst du wenig, so wird auch dir wenig vergeben; vergibst du viel, so wird auch dir viel vergeben; wenn du aufrichtig und vom Herzen verzeihst, so wird dir auch Gott auf dieselbe Weise verzeihen; wirst du nebst der Verzeihung auch noch der Freund deines Nächsten, so wird es Gott mit dir ebenso machen. Jemehr uns also Jemand beleidiget hat, desto mehr sollen wir eilen, uns zu versöhnen; denn er bewirkt uns so die Vergebung größerer Sünden. [S. 403]

Willst du lernen, daß wir keine Vergebung zu gewärtigen haben, wenn wir das erlittene Böse nachtragen, und daß uns Niemand der Strafe entreißt? Ich will meine Behauptung durch ein Beispiel beweisen. Hat dich der Nächste beleidigt? Hat er deine Habe geraubt, sie öffentlich ausrufen lassen, dich übervortheilt? Ich sage nicht das allein, sondern füge noch Anderes, Größeres bei, ja so Großes als du nur willst: Er hat dich umbringen wollen, hat dich in tausend Gefahren gestürzt, hat gegen dich seine ganze Bosheit gezeigt, und hat gar Nichts unterlassen, was menschlicher Frevel ersinnt, und um nicht Alles einzeln durchgehen zu müssen, so setze den Fall, er habe gegen dich ein so großes Unrecht begangen, als noch kein Mensch einem andern gethan. Selbst in diesem Falle wirst du keine Vergebung verdienen, wenn du ihm die Beleidigung nachträgst. Wie das geschieht, will ich gleich sagen. Gesetzt, es schulde dir dein Knecht hundert Dukaten2; irgend ein Anderer schuldet diesem Knechte etliche Groschen; 3der Schuldner des Knechtes kömmt nun zu dir und ersucht um deine Vermittlung, daß derselbe die Schuld ihm erlasse; du rufst nun deinen Knecht vor und gebietest ihm die Nachsicht der Schuld mit den Worten: „Falls du mir ihm die Schuld nachläßt, so will ich ebenfalls deine Schuld löschen.” Wenn nun der Knecht so boshaft und unverschämt wäre, daß er den Andern würgte: Würde nun Jemand diesen Knecht deinen Händen entreissen? Würdest du ihn nicht mit zahllosen Schlägen bedenken und sein Benehmen als die größte Beleidigung wider dich ansehen? Und zwar mit vollem Rechte. Gott wird es ebenso machen; denn er wird an jenem Tage zu dir sprechen: „Du boshafter und gottloser Knecht! Hättest du ihm die Schuld denn aus dem Deinen geschenkt? Du solltest sie ihm nur aus dem, was du mir schuldest, erlassen; denn es heißt: „Vergib und ich vergebe dann dir!” Ja wenn ich [S. 404] auch das nicht beigefügt hätte, so hättest du doch aus Gehorsam gegen den Herrn die Schuld nachlassen sollen. Nun aber habe ich dir das nicht als Gebieter befohlen, sondern als Freund dich freundlich gebeten, du solltest aus dem Meinigen schenken; und ich habe versprochen, es dir reichlicher wiederzugeben. Aber auch so bist du nicht besser geworden. Wenn Menschen etwas Ähnliches thun. so rechnen sie ihren Knechten so viel zu, als die Schuld eben beträgt; z B. der Knecht schuldet dem Herrn hundert Dukaten; der Schuldner des Knechtes diesem zehn Dukaten. Erläßt ihm nun dieser die Schuld, so erläßt ihm der Herr nicht die hundert, sondern nur die zehn Dukaten, die übrigen fordert er alle zurück. Gott aber macht es nicht so, sondern wenn du dem Mitknechte nur etwas Weniges nachsiehst, so erläßt dir Gott Alles. Woraus ist das klar? Aus dem Gebete selbst. „Denn wenn ihr den Menschen ihre Fehler vergebt,” heißt es, „so wird euer Vater im Himmel auch euch die Sünden verzeihen.”4 Wie groß aber der Unterschied ist zwischen hundert Denaren5und zehntausend Talenten, so groß ist der Unterschied zwischen jenen und diesen Vergehen.6 Welche Strafe verdienst du also nicht, wenn dir zehntausend Talente für hundert Denare in Aussicht gestellt sind, und du nicht einmal so dieses Wenige nachsehen willst, und also wider dich selbst betest? Denn wenn du sprichst: „Vergib uns, wie auch wir vergeben7 und wenn du dann selber nicht vergibst, so verlangst du von Gott ja nichts Anderes, als daß er dich aller Entschuldigung und Vergebung beraube. Aber ich unterfange mich nicht,” heißt es, „zu sagen: Vergib mir, wie ich vergebe, sondern einfach: Vergib mir!“ Was nützt das? [S. 405] Wenn auch du es nicht sagst, so thut es doch Gott: Wie du vergibst, so vergibt er. Das zeigt er in der angeführten Stelle ganz klar; denn es heißt: „Wenn ihr den Menschen nicht vergebet, so wird auch euer Vater im Himmel euch nicht vergeben.” 8Bilde dir also nicht ein, es sei etwa klug, nicht das ganze Gebet herzusagen; nimm davon nicht bloß die Hälfte, sondern bete so, wie er es befohlen, damit dich die Worte, die du täglich betest, erschrecken und zwingen, dem Nächsten zu verzeihen. Sage mir nicht: „Ich habe ihn oft angesprochen, habe ihn gebeten, habe ihm die besten Worte gegeben, und er hat sich doch nicht versöhnt.” Laß nicht eher ab, als bis du dich mit ihm ausgesöhnt hast! Denn es heißt nicht: „Laß deine Gabe hier, und gehe hin und bitte deinen Bruder,” sondern: „Gehe hin, versöhne dich!” Wenn du auch lang bitten mußt, so lasse nicht früher ab, als bis du ihn gewonnen. Gott ruft uns täglich zu und wir hören nicht; und dennoch hört er nicht auf, uns zu rufen, du aber würdigest dich nicht einmal den Mitknecht zu bitten. Sage, wie kannst du denn selig werden? Aber du hast ihn oft gebeten und oft eine abschlägige Antwort erhalten? Allein deßhalb wirst du eine größere Belohnung empfangen; denn je halsstarriger er ist, und je mehr du im Bitten ausdauerst, desto mehr wächst deine Belohnung. Mit je größerer Schwierigkeit diese Tugend geübt wird, und je mehr Mühe die Aussöhnung kostet, desto schwerer wird für ihn das Gericht, desto glänzender werden die Kronen für deine Geduld. Das wollen wir nicht allein loben, sondern auch durch die Werke bezeugen, und nicht eher nachlassen, als bis wir zur frühern Freundschaft gelangt sind. Denn es ist nicht genug, den Feind nicht zu beleidigen, ihn nicht zu kränken, gegen ihn keine feindselige Gesinnung zu hegen; sondern wir sollen uns bemühen, auch ihn gegen uns freundlich zu stimmen. [S. 406]

1: Matth. 6, 12.
2: Χρυσίνους ἑκατόν.
3: Ἀργύρια ὀλίγα — einige Silberlinge.
4: Matth. 6, 14.
5: Δηνάριον 8/9 einer attischen Drachme, also ungefähr 20 Kr. rh.; das attische Talent (unter Solon) galt 1500 Thlr.
6: D. h. zwischen den Beleidigungen des Nächsten gegen dich und den deinigen gegen Gott.
7: Matth. 6, 12.
8: Matth. 6, 15.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger