Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Zwanzigste Homilie.

5.

Siehe, ich sage es vorher, ich bezeuge es und rufe mit lauter Stimme: Niemand, der einen Feind hat, nahe sich diesem heiligen Tische und empfange den Leib des Herrn! Niemand, der hinzutritt, habe einen Feind! Hast du einen Feind? Nahe dich nicht. Willst du dich nahen? Versöhne dich und alsdann komme und empfange das Heilige. Das sage aber nicht sowohl ich, als vielmehr der Herr selbst, der für uns gekreuziget worden. Um dich mit dem Vater zu versöhnen, hat er sich nicht geweigert, geopfert zu werden und sein Blut zu vergießen; und du willst, da du dich mit deinem Mitknechte aussöhnen sollst, nicht einmal ein Wort reden und nicht zuerst zu ihm eilen. Höre, was der Herr über Diejenigen spricht, die sich in dieser Lage befinden. „Wenn du deine Opfergabe zum Altare hinträgst und dich dort erinnerst, daß dein Bruder Etwas wider dich habe”1— so sagt er nicht: warte, bis er zu dir kömmt; auch nicht: bediene dich irgend eines anderen Vermittlers; auch nicht: rufe irgend einen Andern zu Hilfe, — sondern: eile du selber zu ihm; denn es heißt: „Gehe zuvor hin und versöhne dich mit deinem Bruder!” 2O wie weit geht er da! Er hält es für keine Schmach, daß man die Opfergabe zurücklasse; und du betrachtest es als eine Schande, zuerst zum Bruder zu gehen und dich zu versöhnen? Sage mir, ist dafür wohl Verzeihung zu hoffen? Wenn du ein Glied vom Leibe abgetrennt siehst, thust du nicht Alles, um es wieder mit ihm zu vereinen? Thue Dasselbe in Bezug auf die Brüder! Wenn du siehst, daß sie sich von deiner Freundschaft getrennt haben, so eile geschwind, sie zu um- [S. 400] armen, und warte nicht, bis sie zuerst zu dir kommen, sondern spute dich selbst, um eher den Preis zu erhalten. Nur einenF eind sollen wir haben, den Teufel; mit diesem versöhne dich niemals: gegen den Bruder aber hege nie Feindschaft im Herzen, im Gegentheil, entsteht irgend eine kleine Gereiztheit, so sei sie nur tägig3und überschreite nicht den Raum eines Tages! „Die Sonne gehe nicht unter über eurem Zorn!” 4heißt es. Denn wenn du dich noch vor dem Abend versöhnest, so hast du von Gott einige Verzeihung zu hoffen; dauert aber deine Erbitterung länger, so rührt sie nicht von Zorn und Unwillen her, die dich überraschten, sondern stammt aus böser Gesinnung und aus verderbtem Gemüthe, das auf Bosheit bedacht ist. Aber nicht das ist der einzige Nachtheil, daß du dich nämlich der Vergebung beraubst, sondern auch, daß du dir die Ausübung dieser Tugend erschwerst. Denn verstreicht auch nur ein Tag, so wächst schon die Scham; kömmt ein zweiter dazu, so wird sie noch größer; vergeht auch der dritte und vierte darin, so setzt sie auch den fünften hinzu. Aus den fünf Tagen werden so zehn, aus den zehn zwanzig, aus den zwanzig hundert, und dann ist das Übel nimmer zu heilen; denn je mehr die Zeit wächst, desto mehr entzweien wir uns. Hüte dich, o Mensch, vor diesen unvernünftigen Leidenschaften! Schäme dich nicht, erröthe nicht, und sage etwa nicht bei dir selber: „Wir haben uns vor Kurzem gezankt, haben zahllose und auch unaussprechliche Schimpfreden gegen einander geschleudert: und nun soll ich gleich hinlaufen, um mich zu versöhnen? Wer wird meine große Gutmüthigkeit nicht tadeln?” Kein vernünftiger Mensch wird deine Versöhnlichkeit tadeln; wenn du aber unversöhnlich bleibst, dann werden dich Alle ver- [S. 401] spotten, dann wirst du dem Teufel einen großen Spielraum gewähren. Denn die Versöhnung wird nicht nur durch die Zeit selber erschwert, sondern auch durch eintretende Zwischenumstände. Denn „wie die Liebe die Menge der Sünden bedeckt,”'5so macht die Feindschaft das zur Sünde, was an sich nicht Sünde ist, und Alle finden dann Glauben, welche lästern, welche sich an Anderer Unglück erfreuen und fremde Schändlichkeiten verbreiten. Da du nun das Alles weist, so komme deinem Bruder zuvor, und halte ihn fest, ehe er sich dir gänzlich entfremdet, und müßtest du noch an demselben Tage durch die ganze Stadt laufen, selbst ausser die Mauern hinausgehen und eine lange Wegstunde machen; laß Alles liegen, was du unter den Händen hast, und sei einzig darauf bedacht, dich mit dem Bruder auszusöhnen. Denn fällt dir die Sache auch schwer, so bedenke, daß du das Alles wegen Gott leidest, und dieser Gedanke wird dich vollkommen trösten. Erwecke deine zaudernde, träge, erröthende und sich schämende Seele und singe ihr beständig das Lied vor: „Was zauderst du denn? Was weigerst du dich? Warum schämst du dich denn? Es handelt sich da nicht um Geld, nicht um andere zeitliche Güter, sondern um unser ewiges Heil. Gott hat befohlen, also zu handeln, und seinen Befehlen muß alles Andere nachgesetzt werden. Die Sache ist gewissermassen ein geistlicher Handel; seien wir nicht sorglos und träge! Der Feind soll erkennen, daß wir uns große Mühe gegeben, dem göttlichen Befehle zu folgen. Wenn er uns auch wieder beleidigt, wenn er uns auch schlägt, wenn er uns auch noch etwas Anderes, Schlimmeres zufügt: wir wollen Alles großmüthig dulden, da wir dadurch nicht so fast ihm, als uns selbst eine Wohlthat erweisen: es wird uns dieses vor allen anderen Tugenden an jenem Tage mit einem größern Lohne vergolten. Wir haben viele und große Sünden begangen, wir sind gefallen und haben [S. 402] unsern Herrn beleidigt. Aus Güte hat er uns diesen Weg zur Versöhnung gebahnt; wir wollen also diesen schönen Schatz nicht verlieren! Hätte es denn nicht in seiner Macht gestanden, einfach zu gebieten, uns zu versöhnen und uns dafür keinen Lohn zu gewähren? Gibt es wohl Jemand, der ihm widersprechen und seine Befehle ändern könnte und dennoch hat er aus großer Barmherzigkeit uns eine große und unaussprechliche Belohnung verheissen, eine Belohnung, wonach wir uns vorzüglich sehnen, nämlich die Vergebung unserer Sünden, und dadurch hat er uns diesen Gehorsam erleichtert.

1: Matth. 5, 23.
2: Ebendas. Vers 24.
3: Ἐφήμερος μόνον ἔστθω. Plutarch kor. 16 nennt ein Gift ἐφήμερον, das noch an demselben Tag tödtet. So sollen auch wir die Gereiztheit gegen den Bruder noch an demselben Tag ablegen.
4: Ephes. 4, 26.
5: Petr. 4, 8.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung in die Säulenhomilien

Navigation
. Mehr
. Zwölfte Homilie.
. Dreizehnte Homilie
. Vierzehnte Homilie. ...
. Fünfzehnte Homilie. ...
. Sechszehnte Homilie. ...
. Siebenzehnte Homilie. ...
. Achtzehnte Homilie. ...
. Neunzehnte Homilie. ...
. Zwanzigste Homilie. ...
. . Inhalt.
. . 1.
. . 2.
. . 3.
. . 4.
. . 5.
. . 6.
. . 7.
. . 8.
. Einundzwanzigste Homil...

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger