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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Zwanzigste Homilie.

4.

Denn da es schon bei Menschen vorkömmt, daß, wenn wir einen fremden Knecht schlagen, der Herr desselben darüber ergrimmt und erklärt, daß dieses Gebahren für ihn beleidigend sei; da wir ja selber, wenn wir von Knechten oder Freien beleidiget werden, den Ausspruch der Richter und der Herren abwarten müssen; da es also schon bei Menschen nicht sicher ist, selbst Rache zu nehmen, um so viel mehr ist Dieß der Fall, wenn Gott selber Gericht hält. Aber der Nächste hat dir Unrecht gethan, hat dich gekränkt, hat dir zahllose Unbilden zugefügt. Auch in diesen Fällen hüte dich eigenmächtig an ihm Rache zu nehmen, um deinen Herrn nicht zu beleidigen; überlasse es Gott; er wird die Sache viel besser begleichen, als du verlangst. Dir befiehlt Gott nur für den zu beten, der dich beleidiget hat; das entscheidende Loos über deinen Beleidiger will er sich selbst vorbehalten. Du rächest dich selber nie so, wie er für dich Rache zu nehmen bereit ist, woferne du sie nur ihm überläßst und deinen Feind nicht verwünschest, sondern Gott selber das Urtheil anheimstellst. Denn wir mögen den Beleidigern verzeihen, oder uns mit ihnen versöhnen, oder für sie beten: Golt vergibt ihnen nicht, wenn sie sich nicht selber bekehren und bessern. Er vergibt ihnen aber nicht, weil er ihren Nutzen im Auge behält. Dich lobt er und preist dein weises Benehmen; deinen Beleidiger aber züchtiget er, damit er durch deine Mäßigung nicht noch boshafter werde. Es ist also eine eitle Ausflucht, die man insgemein [S. 397] macht. Wir haben nämlich zum öftern Viele ermahnt, sich mit ihren Feinden zu versöhnen; sie weigerten sich und brachten dafür folgende Entschuldigung vor, die aber nichts Anderes ist, als eine Verhüllung ihrer eigenen Bosheit: „Ich will keine Versöhnung,” heißt es, „um ihn nicht noch schlimmer zu machen, um ihn nicht noch mehr zu erbittern, um hernach nicht noch mehr verunglimpft zu werden.” Sie fügen dem ferner noch bei, viele Leute hätten die Ansicht, daß man nur aus Schwäche den ersten Schritt zur Aussöhnung thue und den Feind um Vergebung anstehe. Das alles ist eitles Geschwätz; denn das Auge, das niemals schläft, kennt deine Gesinnung; darum darfst du auf das Gerede der Mitknechte nicht achten, wenn du nur den Richter befriedigst, der über dich Recht sprechen wird. Wenn du aber besorgst, deinen Feind durch deine Bescheidenheit noch mehr zu erzürnen, so wisse, daß er nicht auf diese Weise boshafter wird, sondern im Gegentheil, wenn du ihn nicht zu besänftigen suchst. Denn sei er auch der allerverruchteste Mensch, so wird er, wenn er es auch nicht sagt, wenn er es auch nicht öffentlich ausspricht, sicherlich stillschweigend deine Weisheit bewundern und in seinem Gewissen deine Bescheidenheit ehren. Verharrt er aber trotz deines freundlichen Entgegenkommens und deiner Sorgfalt bei seiner frühern Bosheit, so wird ihn Gott auf das Empfindlichste strafen. Und damit ihr einsehet, daß Gott, selbst wenn wir für die Feinde und Diejenigen, die uns beleidiget haben, beten, ihnen keine Verzeihung gewährt, woferne sie durch unsere Langmuth nur boshafter werden, so will ich euch eine alte Geschichte erzählen. Maria murrte einst wider Moses. Was that nun Gott? Er behaftete sie mit dem Aussatz und machte sie unrein, obgleich sie im Übrigen bescheiden und rechtschaffen war. Als hierauf der beleidigte Moses selber Gott bat, ihre Heftigkeit zu verzeihen, that es Gott nicht, sondern was spricht er? „Wenn ihr Vater ihr ins Angesicht gespieen hätte, würde sie nicht schamroth geworden sein? Sie bleibe,” spricht er, „sieben Tage ausser [S. 398] dem Lager.” 1Er will damit aber Folgendes sagen. „Wenn sie einen Vater gehabt und dieser sie von seinem Angesichte verstoßen hätte: würde sie sich diesen Tadel nicht haben gefallen lassen? Dich zwar lobe ich ob deiner brüderlichen Liebe, Sanftmuth und Nachsicht: ich aber weiß, wann ihre Strafe aufhören soll.” Zeige nun auch du dein ganzes Wohlwollen gegen den Bruder und vergib ihm seine Beleidigungen nicht aus Begierde, daß er härter gestraft werde, sondern aus Liebe und treuherzigem Sinn. Das halte einmal für sicher, daß er sich eine um so größere Strafe zuzieht, je mehr er die angebotene Versöhnung verschmäht. Was sagst du? Er wird boshafter, wenn du ihm freundlich begegnest? Die Bosheit ist sein, dein aber der Ruhm; dein ist der Ruhm, weil du nach dem göttlichen Willen nicht aufhörst, ihm versöhnlich entgegen zu kommen, selbst wenn du siehst, daß er boshafter werde; sein ist die Bosheit, weil er sich durch dein freundliches Entgegenkommen nicht bessern läßt. Paulus aber spricht, es sei besser, daß Andere unsertwegen, als daß wir Anderer wegen angeklagt werden. Komme mir nicht mit jener frostigen Ausflucht: „Er soll nicht glauben,” heißt es, „daß ich aus Furcht zu ihm eile, um mich dann noch verächtlicher behandeln zu lassen.” Diese Worte zeigen ein kindisches, thörichtes und in menschlichem Wahne befangenes Herz an. Er soll immerhin glauben, daß du aus Furcht zu ihm kömmst; um so größer ist dein künftiger Lohn, wenn du auch das voraussiehst und dennoch aus Gottesfurcht Alles erduldest. Denn wer nach Menschenruhm hascht und sich darum versöhnt, beraubt sich des Nutzens der Wiedervergeltung. Wer aber ganz gewiß weiß, daß ihn Viele verkennen und verhöhnen werden, und dennoch die Versöhnungsversuche nicht aufgibt, der wird dafür eine [S. 399] doppelte und dreifache Krone empfangen. Und der ist es vorzugsweise, der das um Gottes willen vollbringt. Sage mir nicht: er hat mir Dieses und Jenes zuwider gethan. Denn wenn er auch die ganze menschliche Bosheit gegen dich an den Tag gelegt hätte, so befiehlt Gott gleichwohl alle Beleidigungen zu verzeihen.

1: Num. 12, 14. Im vollen Texte heißt es: „Würde sie nicht sieben Tage schamroth geworden sein,” d. h. sie würde sieben Tage aus Schamgefühl den Anblick des beleidigten Vaters gemieden haben.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger