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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Zwanzigste Homilie.

3.

Wozu nun eine solche Belagerung,1 eine solche Marter und Qual? Gesetzt auch, daß den Rachesüchtigen nicht die Hölle gedroht wäre, so sollten wir doch wegen der Qual, die für uns daraus entspringt, Denjenigen, die uns beleidiget haben, die Fehler verzeihen. Da uns aber auch die ewigen Strafen erwarten, gibt es wohl eine größere Thorheit, als sich hier und dort selber zu quälen und dann zu wähnen, sich am Feinde zu rächen? Denn sehen wir, daß unserem Feinde das Glück blüht, so vergehen wir vor Ärger; sehen wir, daß ihn das Unglück verfolgt, so befürchten wir, es möchte für ihn wieder irgend ein glücklicher Umschwung geschehen. In beiden Fällen aber ist für uns eine unausbleibliche Strafe bestimmt. „Denn beim Falle deines Feindes,” heißt es, „freue dich nicht!” 2Sage mir Nichts von der Größe der Beleidigungen; denn daher rührts nicht, daß du so lange im Zorn verharrest, sondern daher, daß du nicht an deine eigenen Sünden gedenkst, und daß du weder die Hölle vor Augen hast noch die Furcht Gott. Und damit du einsehest, daß Dieses wahr ist, will ich es aus den [S. 394] Schicksalen unserer Stadt zu beweisen versuchen. Als nämlich jene Verbrecher in das Gerichtshaus hingeschleppt wurden, als man im Hofe das Feuer anschürte, die Henker umherstanden und ihre Seiten zerfleischten; hätte dort ein Anwesender sich ins Mittel gelegt und also zu ihnen gesprochen: „Wenn ihr Feinde habt, so laßt den Groll fahren, und ihr werdet euch dadurch von dieser Strafe frei machen können;” würden die Verbrecher ihm nicht gern die Füße geküßt haben? Ja was rede ich da von den Füßen? Hätte Jemand auch den Vorschlag gemacht, sie zu Sklaven zu machen, so würden sie damals auch diese Bedingung nicht abgelehnt haben. Wenn nun aber eine menschliche Strafe, die ein Ende nimmt, allen Zorn überwindet: um so mehr würde die künftige Strafe, hätten wir sie immer vor Augen, nicht nur das Rachegefühl, sondern selbst jeden bösen Gedanken aus unserem Herzen verbannen. Denn sage mir, was ist wohl leichter als den Zorn gegen den Beleidiger fahren zu lassen? Braucht man sich denn zu einer langen Reise zu rüsten? Muß man einen Geldaufwand machen? Muß man Andere zum Beistand aufrufen? Man braucht nur zu wollen, und die Tugend ist fertig. Wie strafwürdig werden wir also nicht sein, wenn wir aus menschlichen Rücksichten uns zu Sklavendiensten herbeilassen und eine unserer unwürdige Dienstbeflissenbeit zeigen, Geld aufwenden, mit den Thürhütern schwätzen, um verkommenen Menschen zu schmeicheln, kurz Alles thun und reden, um das Ziel zu erreichen, das wir uns gesteckt haben; wenn wir hingegen über Gottes Gebote hinweg uns vom Bruder, der uns beleidiget hat, nicht erbitten lassen, ja es sogar als eine Schande betrachten, ihm mit der Versöhnung zuerst entgegen zu eilen? Sage mir, ist es denn eine Schande, zuerst gewinnen zu wollen? Im Gegentheil, schämen soll man sich in der Leidenschaft zu verharren und zu warten, bis der Beleidiger kömmt, um die Hand der Versöhnung zu bieten; denn das ist eine Schande, das eine Schmach, das ein gewaltiger Nachtheil. Denn wer hier dem Andern zuvorkömmt, der hat den ganzen Gewinn. Denn wenn du erst auf die Bitte des Andern den [S. 395] Zorn ablegst, so wird das gute Werk ihm zugerechnet, weil du das Gesetz nicht aus Gehorsam gegen Gott, sondern aus Gefälligkeit gegen den Nächsten erfüllt hast. Wenn du aber, ohne daß Jemand als Vermittler auftritt, ohne daß dein Beleidiger selber zu dir kömmt und dich darum bittet, die ganze (eingebildete) Schande und allen Verzug aus deinem Herzen verbannest, zu deinem Beleidiger hineilst und den Zorn ablegst: so ist diese löbliche That ganz dein, und du wirst dafür die volle Belohnung erhalten. Wenn ich sage: faste, so schützest du oft Schwäche des Leibes vor. Wenn ich sage: gib den Armen, so dient dir die eigene Armuth und die Ernährung der Kinder als Vorwand. Wenn ich sage: besuche fleißig den Gottesdienst; 3so schützest du weltliche Sorgen vor. Wenn ich sage: sei aufmerksam auf die Predigt und erwäge den Nachdruck der Lehren; so entschuldigst du dich mit deinem schwachen Verstande. Wenn ich sage: bring einen Andern auf bessere Wege; so antwortest du, daß er deinen Rathschlägen kein Gehör schenken werde; „denn ich habe schon oft für meinen Zuspruch Verachtung geerntet.” Das sind nun allerdings abgeschmackte Entschuldigungen, aber Entschuldigungen kann man sie nennen. Wenn ich aber sage: gib deinen Zorn auf, was wirst du da Ähnliches vorschützen können? Denn du kannst nicht Schwäche des Leibes, nicht Armuth, nicht schwachen Verstand, nicht Mangel an Zeit, noch etwas Anderes als Vorwand anführen; und darum verdient diese Sünde am allerwenigsten Nachsicht. Wie wirst du deine Hände zum Himmel emporstrecken können? wie deine Zunge bewegen? wie um Vergebung bitten? Denn wenn dir auch Gott deine Sünden nachlassen wollte, so läßst du das selber nicht zu, indem du die Versöhnung mit dem Nächsten verweigerst. Allein er ist grausam, sagst du, unmenschlich und roh, sehnt sich nach Rache und Wiedervergeltung. Eben deßwegen [S. 396] sollst du ihm um so eher verzeihen. Du bist oft beleidiget worden, hast Verluste erlitten, hast Schmähungen anhören müssen, bist in den wichtigsten Angelegenheiten geschädiget worden und wünschest zu sehen, daß der Feind gezüchtiget werde. Die Verzeihung ist dir auch da wieder nützlich. Denn wenn du dir selbst Recht verschaffest und selbst Rache nimmst, sei es durch Worte, sei es durch Thaten oder durch die Verwünschung des Feindes, so wird ihn Gott nicht weiter bestrafen, weil du ihn schon selbst bestraft hast; ja er wird ihn nicht nur nicht züchtigen, wohl aber dich zur Rechenschaft ziehen, weil Gott von dir entehrt worden ist.

1: Πολιορκία — Belagerung, Beängstigung des Herzens.
2: Sprüchw. 24, 17.
3: Σύναξις — die Versammlung der Gläubigen, besonders zum Empfange des heiligen Abendmahles.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger