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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Zwanzigste Homilie.

2.

Wie aber, wenn er die Schmähungen, die wir täglich gegen einander böswillig ausstoßen, die lieblosen Urtheile, wodurch wir über den Nächsten Gericht halten — ohne andern Grund, als weil wir tadel- und schmähsüchtig sind — uns vorhalten wollte, was könnten wir wohl zu unserer Vertheidigung sagen? Wollte er ferner unsere neugierigen Blicke, die bösen Begierden unseres Herzens, die schändlichen und unreinen Gedanken, mit denen wir uns unterhalten, während wir unsere Augen ohne die geringste Aufmerksamkeit herumschweifen lassen, genau untersuchen: welche Strafe würden wir wohl zu gewärtigen haben? Fordert er uns aber über die Schimpfreden zur Rechenschaft auf („denn wer,” heißt es, 1„zu seinem Bruder sagt: Du Narr, der ist des höllischen Feuers schuldig”): werden wir auch nur den Mund aufthun können? Werden wir die geringste Antwort oder Entschuldigung vorzubringen vermögen? Wenn wir weiter den eitlen Ruhm, den wir beim Beten, Fasten oder Almosenspenden erwarten, genau untersuchen, — ich sage, nicht Gott, sondern wir selber, die wir gesündiget haben, — werden wir auch nur zum Himmel aufblicken können? Ferner in Bezug auf die Falschheit, deren wir uns gegenseitig bedienen, indem wir jetzt den Bruder in seiner Gegenwart loben und mit ihm freundlich verkehren, ihm aber dann, wenn er abwesend ist, Böses nachreden: werden wir die Strafen dafür ausstehen können? Was soll ich ferner von den Schwüren, von den Lügen und Meineiden sagen? Was von der ungerechten Wuth, was von der Mißgunst, da wir oft angesehene Männer beneiden, nicht nur solche, die zu unsern Feinden, sondern auch solche, die zu unsern Freunden gehören? Was soll ich darüber [S. 391] sagen, daß wir uns über das Unglück Anderer freuen und fremde Unglücksfälle für einen Trost im eigenen Unglücke halten? Was würden wir ferner auszustehen haben, wenn uns Gott wegen unseres Leichtsinnes in der Kirche bestrafte? Denn ihr wisset ja wohl, daß wir oft, während Gott selbst durch den Mund des Propheten zu uns Allen spricht, mit den Nachbarn häufige und lange Unterredungen pflegen und zwar über Dinge, die uns Nichts angehen. Wenn uns Gott, ohne auf alles Andere Rücksicht zu nehmen, nur wegen dieser Sünde züchtigen will, was haben wir dann zu hoffen für unsere Rettung? Denn glaube ja nicht, es sei das ein geringes Vergehen. Denn willst du seine Größe ermessen, so beschaue dir das nur im menschlichen Leben, und du wirst dann die Größe der Sünde erkennen. Unterfange dich einmal, wenn ein Fürst oder auch nur ein etwas mehr angesehener Freund mit dir spricht, dich von ihm abzuwenden und mit deinem Diener zu reden, und dann wirst du begreifen, was du da wagst, wenn du dasselbe Gott gegenüber vollführst. Wofern Jener zu den Vornehmeren zählt, wird er von dir für den Unglimpf Genugthuung fordern; Gott aber, der nicht von einem Menschen oder von zweien oder dreien, sondern fast von uns allen täglich einen ähnlichen oder noch größern Unglimpf erfährt, trägt dennoch Geduld und zeigt seine Langmuth nicht bloß rücksichtlich dieser, sondern auch anderer viel schwererer Sünden. Denn Dieses sind bekannte und Allen offenkundige Sünden und werden beinahe von Allen begangen: es gibt aber noch andere, die nur dem Gewissen des Sünders bekannt sind. Wenn wir das alles bedeuten und bei uns selber erwägen, so werden wir, und wären wir noch so unmenschlich und grausam, bei dem Gedanken an die Menge unserer Sünden vor Furcht und Angst nicht an eine Beleidigung zu denken vermögen, die von Andern uns zugefügt worden. Erinnere dich an den feurigen Strom, an den giftspeienden Wurm, an das schreckliche Gericht, bei welchem Alles offenbar und bloßgelegt sein wird! Bedenke, daß dort Alles, was jetzt verborgen ist, ans Licht gebracht wird. Wenn du dem [S. 392] Nächsten jetzt seine Fehler verzeihst, so werden alle deine Sünden, die dort aufgedeckt werden sollten, in diesem Leben getilgt, und du wirst beim Scheiden Nichts von lhnen mit dir in die Ewigkeit nehmen, so daß du also mehr empfängst, als du gegeben. Oft haben wir viele solche Sünden begangen, von denen kein anderer Mensch Etwas weiß. Wenn wir dann bedenken, daß an jenem Tage unsere Sünden als ein allgemeines Schauspiel der Welt vor Aller Augen offenbar werden: so halten wir das in der Angst und Pein, womit das Gewissen uns quält, für trauriger als die Strafe selber. Allein diese große Beschämung, diese zahlreichen Sünden, diese gewaltige Strafe können wir dadurch vertilgen, daß wir dem Nächsten verzeihen. Denn mit dieser Tugend ist Nichts zu vergleichen. Willst du ihre Kraft kennen lernen? „Wenn auch Moses und Samuel vor mir ständen,” heißt es, „so habe ich doch kein Herz für sie” (die Juden). 2Und dennoch konnte die Erfüllung dieses Gebotes jene dem Zorne Gottes entreissen, die Moses und Samuel demselben nicht zu entreissen vermochten. Darum ermahnt er Diejenigen, zu denen er Dieses gesprochen, ohne Unterlaß mit den Worten: „Keiner von euch denke etwas Arges über seinen Bruder in seinem Herzen, und Keiner grüble nach über die Bosheit seines Nächsten.” 3Er sagt nicht bloß: „Vergib,” sondern: „behalte es nicht im Herzen, denke nicht einmal daran, laß den Zorn ganz fahren, heile die eiternde Wunde!” Du wähnst zwar an ihm Rache zu nehmen, allein zuerst quälst du dich selber, da du deinen Zorn gleichsam zum Henker bestellst und so deine Eingeweide zerfleischest. Denn was kann wohl elender sein als ein Mensch, der fortwährend zornig ist? Gleichwie die Rasenden nie der Ruhe genießen, so wird auch Derjenige, welcher an eine erlittene Beleidigung denkt und einen Feind hat, sich keines Friedens erfreuen; immerfort aufgeregt steigert er von Tag zu Tag den Sturm seiner Gedanken, indem er sich an [S. 393] die Worte und Thaten desselben erinnert und selbst den Namen Desjenigen haßt, der ihn beleidiget hat. Nennst du auch nur den Namen des Feindes, so wird er schon wild und empfindet in sich einen gewaltigen Schmerz; wenn er nur einfach sein Angesicht schaut, so fährt er zusammen, als hätte er das äusserste Elend zu dulden. Sieht er irgend Etwas von ihm, etwa sein Kleid, sein Haus oder seine Gasse, so wird er schon durch diesen Anblick gequält. Denn gleichwie uns bei geliebten Personen ihre Kleider, ihr Antlitz, ihre Schuhe, ihre Wohnung, selbst ihre Gassen beim ersten Anblick freudig erregen: so kränket uns Alles, was wir von verhaßten Feinden erblicken, sei es ein Knecht, ein Freund, ein Haus, eine Gasse oder irgend ein anderes Ding, und schlägt uns tiefe und dauernde Wunden.

1: Matth. 5, 22.
2: Jer. 15, 1.
3: Zach. 7, 10; 8, 17 (LXX).

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger