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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Neunzehnte Homilie.

4.

Da wir nun Dieses wissen, ihr Brüder, so wollen wir das, was ich eben jetzt und früher gesagt, zusammenfassen und doch einmal dieser thörichten Gewohnheit entsagen! Um das bitte und beschwöre ich euch alle. Denn wenn im alten Bunde, wo von den Juden keine so vollkommene Tugend verlangt, sondern denselben viele Nachsicht gewährt wurde, Gott wegen eines Schwures so sehr ergrimmte und einen solchen Untergang und eine so schwere Gefangenschaft zuließ: was werden die Schwörer jetzt aushalten müssen, nachdem ein Gesetz das Schwören verbietet und die Gebote einen solchen Zuwachs erhielten? Handelt es sich nämlich einfach um das, daß wir uns hier versam- [S. 382] meln, um einen Vortrag zu hören? Eben dadurch wird die Verantwortung schwerer, und unvermeidlich die Strafe, daß wir beständig nur hören und das Gesagte nimmer befolgen. Denn welche Entschuldigung werden wir finden, welche Nachsicht, wenn wir von frühester Kindheit an bis in unser graues Alter hier uns versammeln und einer so sorgfältigen Belehrung genießen, dennoch die Alten bleiben und uns nicht bemühen, auch nur einen Fehler zu bessern? Halte mir übrigens Keiner die Gewohnheit entgegen! Darum bin ich eben unwillig und zornig, weil wir die Gewohnheit nicht zu überwinden vermögen: und wenn wir die Gewohnheit nicht überwinden, wie werden wir denn die Wollust bemeistern, deren Wurzel in der Natur ihren Grund hat? Denn die Begierde ist etwas Natürliches; die böse Begierde hingegen ist schon ein Willensakt. Das Schwören hat ja seinen Grund nicht im Willen, sondern nur in der Nachlässigkeit. Und damit du lernest, daß diese Sünde nicht wegen der Schwere des Gebotes, sondern wegen unserer Nachlässigkeit so weit um sich gegriffen habe, wollen wir bedenken, daß die Menschen viel schwerere Dinge als diese verrichten und zwar solche, von denen sie nicht einmal eine Belohnung zu gewärtigen haben. Bedenken wir doch, wie schwierig und mühevoll das ist, was der Teufel befiehlt, und wie die Schwierigkeit für die Ausführung seiner Gebote kein Hinderniß ist. Denn sage mir, was könnte wohl schwieriger sein, als daß sich ein Jüngling Denjenigen hingibt, die seinen Körper geschmeidig und seine Glieder biegsam zu machen bestrebt sind; daß er sich bemüht, seinen ganzen Leib nach Art eines Rades zu krümmen, sich auf dem Boden zu wälzen, und sich zwingt durch die Augen und die Wendung der Hände und durch andere Bewegungen weibisch zu werden, ohne weder an die Schwierigkeit des Unternehmens, noch an die daraus entstehende Schande zu denken? Wer sollte ferner nicht staunen beim Anblick Derjenigen, die auf der Schaubühne dahingaukeln und die Extremitäten des Leibes gleichwie Flügel benutzen? Sollten nun aber Diejenigen, die nach einander Schwerter in die Luft schleudern und dann [S. 383] wieder sämmtliche, am Griffe erfassen, nicht Alle beschämen, die um der Tugend willen keinerlei Mühe auf sich nehmen wollen? Oder was soll man denn von jenen Männern sagen, die auf der Stirne eine Stange tragen und sie so unbeweglich halten, als wäre sie ein in der Erde wurzelnder Baum? Und nicht das allein ist bewunderungswürdig, sondern sie lassen auch noch kleine Kinder auf der Spitze des Holzes mit einander ringen und tragen diese Stange, ohne daß sie wankt, etwa nicht mit den Händen oder mit einem andern Theile des Leibes, sondern nur mit der Stirne sicherer, als wenn sie wie immer anderweitig befestiget wäre. Wieder ein Anderer schreitet auf dem dünnsten Seile mit solcher Sicherheit hin, mit welcher Andere die ebenen Flächen durchlaufen. Und dennoch ist das, was uns schon zu denken unmöglich scheint, durch die Kunst möglich geworden. Sage nur, können wir wohl solche Schwierigkeiten vorschützen in Bezug auf das Schwören? Kostet das soviel Arbeit, Schweiß, Kunst und Gefahr? Wir dürfen uns nur ein wenig bemühen, und in Kürze haben wir Alles erreicht. Und sage mir nicht: Ich habe schon das Meiste zu Stande gebracht, sondern denke, daß du noch Nichts gethan hast, wofern du nicht Alles in Ordnung gebracht; denn diese geringe Nachlässigkeit zerstört auch den ganzen übrigen Rest. Oft haben schon Leute Häuser gebaut und das Dach aufgesetzt, aber dadurch, daß sie es nicht beachteten, wenn dann ein einziger Ziegel sich losriß, das ganze Haus zu Grunde gerichtet. Auch an den Kleidern kann man ganz dieselbe Wahrnehmung machen; denn wird ein darin befindlicher kleiner Riß nicht vernäht, so wird der Riß immer größer. Eben Dasselbe ereignet sich auch oft an den reissenden Strömen; finden sie nämlich auch nur eine winzige Öffnung, so führen sie (bald) das ganze Gewässer hinein. Wenn nun du dich ringsum verschanzt hast, aber doch irgend eine kleine Lücke besteht, so verstopfe dem Teufel auch diese, damit du nach allen Seiten einen festen Halt habest. Siehst du die Sichel? Siehst du das Haupt des Johannes? Hörst du die Geschichte von Saul? Hörst du, wie die Juden in die Gefangenschaft [S. 384] kamen? Über Das alles aber hast du den Ausspruch Christi gehört, der da besagt, daß nicht bloß das Falschschwören, sondern überhaupt alles Schwören teuflisch und ganz und gar eine Tücke des Satans sei.1 Begreifst du nun, daß überall auf die Schwüre die Meineide folgen? Das fasse nun alles zusammen und schreibe es in dein Herz! Siehst du nicht, wie die Weiber und kleinen Kinder die Evangelien als kräftigen Schutz an den Hals hängen und überall herumtragen, wohin sie sich immer begeben? Schreibe du die Lehren des Evangeliums und die Gebote in dein Herz ein! Dann braucht man weder Gold noch Silber, noch ein Buch zu kaufen; du brauchst nur zu wollen, nur eine aufmerksame und wachsame Seele zu haben, und das Evangelium wird bei dir besser verwahrt sein, wenn du es nicht äusserlich herumträgst, sondern inwendig in der Herzkammer birgst. Wenn du dich also vom Bette erhebst und aus deinem Hause hinausgehst, so wiederhole dieses Gebot: „Ich aber sage euch, ihr sollt gar nicht schwören;”2 und dieser Ausspruch wird dir zur Warnung sein; und dazu bedarf es nicht vieler Mühe, sondern nur einer kleinen Aufmerksamkeit. Und daß Dieses wahr ist, erhellet aus dem. Wenn du deinem Sohne rufst, so schrecke ihn, drohe ihm mit einigen Hieben, falls er diesem Gebote nicht nachkömmt, und du wirst sehen, daß er die Gewohnheit bald ablegen wird. Ist es also nicht thöricht, wenn kleine Knaben aus Furcht vor uns das Gebot erfüllen, wir uns hingegen vor Gott nicht so sehr fürchten, wie uns gegenüber die Kinder es thun? Was ich aber schon vorhin bemerkte, das sage ich auch jetzt. Machen wir es uns selbst zum Gesetze, uns nicht eher weder mit öffentlichen noch mit häuslichen Angelegenheiten zu befassen, als bis wir dieses Gebot erfüllt haben; von der Noth gedrängt werden wir dann sicher mit Leichtigkeit siegen, uns selbst Ehre machen und der ganzen Stadt zur Ehre gereichen. Bedenke nur, was es heisst, [S. 385] wenn man in der ganzen Welt hört, in Antiochien herrsche die den Christen ziemende Sitte, daß man Niemanden einen Schwur aussprechen hört, und sollte ihn auch die größte Noth dazu drängen. Sicherlich werden das die Nachbarstädte vernehmen oder, besser gesagt, nicht die Nachbarstädte allein, sondern der Ruf wird selbst bis zu den Grenzen der Erde gelangen; denn es ist zu vermuthen, daß die Kaufleute, die unter euch weilen, und andere Fremde von hier aus Das alles kundmachen werden. Wenn also Manche, die andere Städte preisen, die Häfen, den Markt, den Überfluß an Waaren anführen, so gebet Denen, die von hier abreisen, Anlaß zu sagen, es gebe Etwas in Antiochia, was man in andern Städten nirgends zu sehen bekömmt: die Einwohner dieser Stadt würden sich nämlich lieber die Zunge abschneiden lassen als durch ihren Mund einen Schwur thun. Dieß wird euch zur Zierde und zum Schutze gereichen; aber nicht nur das, sondern es wird euch auch eine große Belohnung eintragen; denn es werden sicher auch Andere eurem Beispiele nacheifern und es nachahmen; denn wenn Jemand, der eine oder zwei Seelen gewinnt, von Gott einen so großen Lohn dafür empfangen soll: was für Belobnungen werdet wohl ihr erhalten, die ihr die ganze Welt unterrichtet? Wir müssen also eifrig, wachsam und nüchtern sein, da wir wissen, daß wir nicht allein für unsere Verdienste, sondern auch für das, was Andere Verdienstliches thun, die größte Vergeltung erlangen und von Seite Gottes des vollen Wohlwollens theilhaftig werden. Möchten wir uns doch Alle desselben beständig erfreuen und des Himmelreiches theilhaftig werden in Jesus Ckristus, unserm Herrn, dem Ehre und Herrlichkeit sei mit dem Vater und dem heiligen Geiste jetzt und allezeit und von Ewigkeit zu Ewigkett! Amen.

1: Matth. 5, 33. 34.
2: Ebendas. Vers 34.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger