Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Neunzehnte Homilie.

3.

Ich zeige aber heute, daß nicht etwa ein Haus oder zwei oder drei Häuser, sondern daß eine ganze Stadt, ein von Gott begnadetes Volk, ein Volk, das sich fortwährend seiner gnädigen Fürsicht erfreute, ein Volk, das vielen Gefahren entronnen, durch das Schwören zu Grunde gegangen. Denn Jerusalem, dle Stadt Gottes, welche die heilige Lade besaß und jenen ganzen Gottesdienst hatte; wo sich die Propheten befanden, die Gnade des Geistes und die Bundeslade und die Gesetzestafeln und die goldene Urne; in der oft Engel erschienen; diese Stadt, von zahllosen Kriegen und feindlichen Schaaren bedrängt, verlachte, als wäre sie mit einer diamantenen Mauer umgeben, immerfort alle jene feindlichen Anfälle und litt bei der Verwüstung der ganzen Umgegend keinerlei Schaden. Und nicht das allein ist bewunderungswürdig, sondern auch das, daß Jerusalem [S. 375] oft den Feinden einen derben Schlag versetzte und sie auf diese Weise vertrieb; ja die Stadt erfreute sich von Seite Gottes einer so väterlichen Fürsorge, daß Gott selber sich äusserte: „Wie eine Traube in der Wüste fand ich Israel; gleich Frühfeigen am Feigenbaume fand ich ihre Väter.“1 Und wieder über dieselbe Stadt: „Wie Beeren am Ölbaum in luftiger Höhe, und man sagt: Verdirb sie nicht!“ 2Und dennoch ist diese gottgeliebte Stadt, welche so vielen Gefahren entrann, welche so oft Verzeihung ihrer Sünden erhielt, und welche unter den Städten, während die Bewohner aller andern weggeschleppt wurden, allein der Einnahme zu entgehen vermochte, einmal, zweimal und öfter durch einen einzigen Schwur zu Grunde gegangen. Wie, will ich erzählen, Ein gewisser Sedekias war ihr König. Dieser Sedekias hatte dem Barbarenkönig Nabuchdonosor eidlich versprochen, sein Kampfgenosse zu bleiben; hierauf brach er sein Wort und suchte Zuflucht beim Könige von Ägypten; und da er sich um den Eid ganz und gar nicht mehr kümmerte, hatte er soviel zu leiden, als ihr gleich hören werdet. Vorher aber ist es nothwendig die Parabel zu erzählen, durch die der Prophet Dieß alles andeutet. „Es erging,” heißt es, „an mich das Wort des Herrn, der sprach: Menschensohn, lege (dem Hause Israel) eine Erzählung vor und rede in einem Gleichniß und sprich: Das spricht Gott der Herr: Ein großer Adler mit mächtigen Schwingen, langgestreckten Gliedern, voll Klauen.” 3Einen Adler nennt er da den König der Babylonier; er nennt ihn aber groß und mächtig, beschwingt, langgegliedert und voll Klauen wegen der Menge seiner Kriegsheere, wegen der Größe seiner Macht und der [S. 376] Behendigkeit des Marsches. Denn gleichwie der Adler seine Schwingen und Klauen als Waffen gebraucht, so die Könige Soldaten und Rosse. „Dieser Adler nun,” heißt es, „hat den Zug, auf den Libanon zu kommen.” 4Was heißt das: „Er hat den Zug”? Den Entschluß, die Absicht. Unter dem Libanon aber versteht er Judäa, weil es in der Nähe jenes Gebirges liegt. Dann will er von den Schwüren und Bündnissen reden und spricht: „Er nahm von dem Samen des Landes und legte ihn in ein Saatfeld, daß er Wurzel fasse am reichlichen Gewässer; er legte ihn so, daß er gesehen werden konnte (auf die Oberfläche); und er sproß auf und wuchs zu einem schwachen Weinstock von geringer Größe, und er streckte seine Zweige gegen ihn hin, und seine Wurzeln waren unter ihm.” 5Die Stadt Jerusalem nämlich nennt er hier einen Weinstock; der Ausdruck aber: „Er streckte seine Zweige gegen ihn, den Adler, und seine Wurzeln waren unter ihm,” zeigt die Bündnisse an und die Kampfgenossenschaft mit Nabuchodonosor, sowie daß sich Jerusalem unter dessen Schutz gestellt hat. Hierauf will er die Bundbrüchigkeit zeigen und spricht: „Und es war ein anderer großer Adler — er redet von dem Könige Ägyptens — mit mächtigen Schwingen und zahlreichen Fängen; und der Weinstock umrankt ihn, und sein Geringel strebt ihm zu, und seine Zweige breitet er nach ihm aus, daß er ihn bewässern möge. Darum sprach ich: So spricht Gott der Herr: Wird er denn gedeihen,” (nämlich die Stadt, die den Schwur und das Bündniß gebrochen) „wird er wohl bleibende Rettung zu finden vermögen und nicht fallen?”6Indem er dann zeigt, daß Dieß nicht der Fall sei, sondern daß er wegen des Schwures gänzlich zu Grunde gehen werde, redet er über die Züchtigung selber und fügt die Ursache bei: „Denn seine zarten Wurzeln,” spricht er, „und die Frucht werden verfaulen, und Alles, was aus ihm sproßt, wird ver- [S. 377] dorren.” 7Und um zu zeigen, daß er nicht durch Menschenmacht den Untergang finden werde, sondern weil er durch jene Schwüre sich Gott zum Feinde gemacht, fügt er hinzu: „(Es bedarf) nicht eines großen Armes, nicht eines zahlreichen Volkes, ihn von seinen Wurzeln aus zu vertilgen. 8Dieß ist nun das Gleichniß; und wieder erklärt er dasselbe mit den Worten: „Sieh', es kömmt der König von Babylon gen Jerusalem.” 9 Nachdem er hierauf manches Andere eingeflochten, kömmt er auf den Schwur und das Bündniß zu sprechen: „Denn er wird,” heißt es, „mit ihm ein Bundniß schließen.” 10Dann verkündet er auch seinen Abfall, indem er sagt: „Und er wird von ihm abfallen und Boten nach Ägypten entsenden, auf daß es ihm Rosse und viel Volk schicken möge.” 11 Hierauf fährt er weiter und zeigt, das ganze Verderben sei eine Folge des (gebrochenen) Eides. „So wahr ich lebe, am Orte des Königs, der ihn zum König gesetzt, soll er, der meinen Fluch verachtet und meinen Bund gebrochen hat, in der Mitte von Babylon sterben, nicht durch ein großes Kriegsheer, nicht durch zahlreiches Volk, weil er den Eid verachtet und mein Bündniß gebrochen; meinen Schwur, den er verachtet, und meinen Bund, den er übertreten, will ich auf sein Haupt legen und mein Netz über ihn ausbreiten.”12 Siehst du, wie der Prophet nicht einmal oder zweimal, sondern öfter behauptet, daß Jener Dieß alles wegen des Eides erduldet? Denn man kann sich mit Gott nicht versöhnen, wenn man die Eide mißachtet. Man kann aber nicht bloß aus der Rache, welche die Stadt ob des Schwures getroffen, sondern auch aus dem Verzüge und Aufschub erkennen, wie eifersüchtig Gott darauf sehe, daß man die Schwüre nimmer verletze. „Denn es begab sich,” heißt es, „im neunten Jahre der Regierung des Sedekias, im zweiten Monate, am zehnten [S. 378] Tage des Monats, da kam Nabuchodonosor, der König von Babylon, und seine ganze Kriegsmacht gen Jerusalem; und er umlagerte es und baute ringsum Bollwerke; und die Stadt wurde geängstigt13bis zum eilften Jahre der Regierung des Königs Sedekias, bis zum neunten des Monats, und der Hunger nahm überhand in der Stadt selbst, und das Volk hatte kein Brod zu genießen, und die Stadt wurde erbrochen.” 14Gott hätte nämlich die Bundbrüchigen gleich am ersten Tage den Feinden überantworten und unterwerfen können; allein er ließ sie darum durch den Zeitraum von drei Jahren zermalmen und die härteste Belagerung fühlen, damit sie sowohl von aussen durch die Furcht vor den Kriegern als auch von innen durch den drückenden Hunger zur Besinnung gebracht ihren König, selbst gegen seinen Willen, nöthigten, sich den Barbaren zu unterwerfen, und seine Sünde einigermassen zu sühnen. Und daß Dieses wahr und nicht eine Vermuthung von mir sei, so höre, was er durch den Propheten zu diesem Könige spricht! „Wenn du hinausgehst zu den Heerführern des Königs von Babylon, so wird deine Seele leben, und diese Stadt wird nicht verbrannt werden durch Feuer, und du und dein Haus sollen am Leben bleiben. Wenn du aber nicht hinausgehst zu den Heerführern des Königs von Babylon, so wird diese Stadt in die Hände der Chaldäer gegeben, und sie werden sie mit Feuer verbrennen, und auch du wirst ihrer Hand nimmer entrinnen. Und der König sprach: Ich bin in Sorgen um der Juden willen, die sich zu den Chaldäern geflüchtet, man möchte mich ihren Händen überantworten und mich verspotten. Jeremias aber sprach: Man wird dich nicht überantworten. Höre die Stimme des Herrn, die ich zu dir rede, und es wird dir besser gehen, und deine Seele wird leben. Wenn du nicht hinausgehen willst, so ist Dieß das Wort, das der Herr mir gezeigt: Alle Weiber, die noch vor- [S. 379] handen sind in dem Hause des Königs von Juda, werden hinausgeführt zu den Heerführern des Königs von Babylon, und sie werden sagen: Deine Friedensmänner haben dich verführt und überwältigt; sie werden deine Füße zum Ausgleiten zwingen; sie weichen von dir; und alle deine Weiber wird man zu den Chaldäern hinausführen, und du wirst nicht gerettet werden aus ihrer Hand, sondern du selbst wirst vom Könige von Babylon ergriffen und diese Stadt wird durch Feuer verbrannt werden.”15 Als er ihn aber durch diese Worte nicht dazu zu bewegen vermochte, sondern der König in der Sünde und beim Bundesbruche verharrte, übergab Gott nach drei Jahren die Stadt und zeigte so sowohl seine Gnade als auch die Undankbarkeit des Königs. Ohne alle Schwierigkeit rückten sie ein, zündeten das Haus des Herrn, den Palast des Königs und die Häuser Jerusalems an; alle großen Paläste verbrannte der Küchenmeister16und er zerstörte die Mauer von Jerusalem; überall wüthete das feindliche Feuer, der Schwur wies dem Brande den Weg und trieb die Flamme überall hin. Das in der Stadt übrig gebliebene Volk, und die zum Könige übergegangen, führte der Küchenmeister hinweg, und „die ehernen Säulen, die am Tempel des Herrn waren, und die Fußgestelle und das eherne Meer, das im Hause des Herrn war, zerbrachen die Chaldäer; und die Töpfe und die Gabeln und die Schalen und die Mörser und alle ehernen Geschirre, die man zum Gottesdienste gebrauchte, nahmen sie fort, deßgleichen die Rauchfässer, und die goldenen und silbernen Schalen nahmen sie weg; die zwei Säulen und Fußgestelle und das Meer, das Salomon im Tempel des Herrn gemacht, nahm Nabuzardan, der Küchenmeister. Auch nahm er Sareas, den ersten Priester, und Saphas, den zweiten Priester, und die drei Thürhüter und aus der Stadt einen [S. 380] Kämmerer, der über die Kriegsleute gesetzt war, und fünf Männer, welche das Antlitz des Königs schauten, und Saphas, den obersten Heerführer, und den Schreiber und sechzig Mann; Diese nahm er und führte sie zum König von Babylon; und der König von Babylon schlug sie und tödtete sie.”17 Erinnere dich nun an die fliegende Rolle (Sichel), die im Hause des Schwörers Halt macht und das Gebäude, Gebälk und Steine zerstört. Rufe dir ins Gedächtniß, wie dieser Schwur in die Stadt einbrach und darin Häuser und Tempel und Mauern und Prachtpaläste zerstörte, die Stadt in einen Aschenhaufen verwandelte, und wie weder das Allerheiligste noch die heiligen Gefäße noch sonst Etwas diese Strafe und Rache ob des gebrochenen Schwures abwenden konnte. Dieses so traurige Loos traf nun die Stadt, aber noch elender und unglücklicher erging es dem Könige, und gleichwie diese fliegende Sichel die Häuser verzehrte, so verzehrte sie auch ihn, als er floh. „Denn der König,” heißt es,18„floh bei der Nacht durch ein Thor aus der Stadt; die Chaldäer umzingelten die Stadt, und dle Kriegsmacht der Chaldäer setzte dem Könige nach, und sie fingen und ergnffen ihn und führten ihn zum König von Babylon; und der König von Babylon hielt ein Gericht mit Sedekias und tödtete seine Kinder vor seinen Augen und blendete die Augen des Sedekias und band ihn mit Ketten und führte ihn nach Babylon.” 19Was heißt das: „Er hielt ein Gericht mit ihm”? Er forderte ihn zur Rechenschaft auf, er rechtete mit ihm, und zuerst ließ er seine Söhne erwürgen, um so Augenzeuge seines eigenen Unglückes zu sein und jenes bedaurungswürdige Schauspiel zu sehen; dann ließ er ihn blenden. Warum geschieht nun das wieder? Damit er von hinnen ziehe als Lehrer der [S. 381] Feinde und der Juden, die unter ihnen dort wohnten, und die Sehenden durch seine Blindheit belehre, welch' eine Sünde ein (gebrochener) Schwur sei. Aber nicht Diese allein, sondern auch Alle, die an der Heerstrasse wohnten, sollten beim Anblick des gebundenen und geblendeten Königs die Größe der Sünde aus dem Unglück erkennen. Darum spricht Einer aus den Propheten: Er wird Babylon nicht sehen;“20 ein Anderer aber: „Er wird nach Babylon abgeführt werden.” 21Diese Weissagungen scheinen sich zu widersprechen. Das ist aber nicht der Fall, sondern beide sind wahr: denn er hat Babylon nicht gesehen, und er ist nach Babylon abgeführt worden. Wie hat er also Babylon nicht gesehen? Weil er in Judäa die Blendung erduldet. Denn wo der Schwur verletzt worden war, dort wurde er auch gerächt, und (dort) mußte der Schwörer die Strafe ausstehen. Wie ist er denn nach Babylon abgeführt worden? Nachdem man ihn zum Gefangenen gemacht. Denn nachdem eine doppelte Strafe vorhanden war, so haben sie die Propheten getheilt; der Eine spricht nun: „Er wird Babylon nicht sehen,” und redet so von der Blendung; der Andere sagt: „Er wird nach Babylon abgeführt werden,” wodurch er seine Gefangenschaft anzeigt.

1: Hos. 9, 10.
2: Isai. 65, 8. Nach dem Hebräischen heißt es: „Wie, wenn sich Most in einer Traube befindet, man spricht: Verdirb sie nicht” (denn Segen ist darin).
3: Ezech. 17, 1—3. Chrysostomus citirt hier und in den folgenden Stellen meist nach dem hebräischen Urtext.
4: Ezech. 17, 3.
5: Ebendas. Verse 5. 6.
6: Ebendas. Verse 7—9.
7: Ezech. 17, 9.
8: Ebendas. Vers 9.
9: Ebendas. Vers 12.
10: Ebendas. Vers 13.
11: Ebendas. Vers 15.
12: Ebendas. Verse 16—20.
13: Ἦλθεν εἰς συνοχήν.
14: IV. Kon. 25, 1—4.
15: Jer. 38, 17—23.
16: Ἀρχιμάγειρος — princeps coquorum. So haben es auch die LXX wiederholt.
17: IV. Kön. 25, 13—21.
18: Besonders in dieser Stelle bleibt Chrysostomus nicht beim genauen Wortlaut der Schrift.
19: IV. Kön. 25, 4—7.
20: Ezech. 12, 13.
21: Jer. 32, 5.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung in die Säulenhomilien

Navigation
. Mehr
. Elfte Homilie.
. Zwölfte Homilie.
. Dreizehnte Homilie
. Vierzehnte Homilie. ...
. Fünfzehnte Homilie. ...
. Sechszehnte Homilie. ...
. Siebenzehnte Homilie. ...
. Achtzehnte Homilie. ...
. Neunzehnte Homilie. ...
. . Inhalt.
. . 1.
. . 2.
. . 3.
. . 4.
. Zwanzigste Homilie. ...
. Einundzwanzigste Homil...

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger