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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Neunzehnte Homilie.

1.

Ihr habt in diesen vergangenen Tagen an den heiligen Blutzeugen eure Freude gehabt; ihr seid von diesem geistlichen Feste erfüllt worden; ihr habt heilige Tänze getanzt ; ihr habt die offenen Seiten, die zerrissenen Eingeweide, das überall herabströmende Blut und zahllose Arten von Martern erblickt. Ihr saht die menschliche Natur Dinge verrichten, welche die Natur übersteigen; ihr saht aus Blut geflochteneKronen; ihr jauchztet in einem herrlichen Chore, während euch jener herrliche Führer1 durch alle Theile der Stadt herumführte; mich aber zwang die Kränklichkeit, gegen meinen Willen zu Hause zu bleiben. Obgleich ich nun an diesem Feste nicht Theil nehmen konnte, so nahm ich doch Theil an der Freude; obgleich mir der Genuß der Lobrede entging, so theilte ich doch mit euch das Vergnügen. Denn soweit erstreckt sich die Macht der Liebe: sie bewirkt, daß Diejenigen, die nicht genießen, was Andere genießen, doch die gleiche Freude empfinden, indem sie uns antreibt, das Gute, das dem Nächsten begegnet, so anzusehen, als ob es gemeinschaftlich wäre. Darum freute ich mich auch mit euch, obgleich ich zu Hause war, und nun bin ich aufgestanden, wenn gleich von der Krankheit noch nicht gänzlich befreit, und bin zu euch her geeilt, um euer geliebtes Antlitz zu schauen und an der gegenwärtigen Feier Antheil zu nehmen. Denn ich halte den heutigen Tag für einen sehr großen Festtag wegen der Ge- [S. 369] genwart unserer Brüder, die uns heute die Stadt verherrlichen und die Kirche verschönern: ein Volk, das der Sprache nach von uns unterschieden, 2 dem Glauben nach aber mit uns übereinstimmt, ein Volk, das nicht in Geschäfte vertieft ein bescheidenes und frommes Leben vollführt. Denn bei diesen Männern gibt es weder Theater der Bosheit noch Pferderennen, weder feile Dirnen noch den übrigen Städtetumult; jede Art von Zügellosigkeit ist dort verbannt, überall blüht aber vollendete Zucht. Die Ursache aber davon ist ihr thätiges Leben; sie haben am Feldbau eine Schule der Tugend und Enthaltsamkeit, und sie üben eine Kunst, die Gott vor allen andern Künsten in unser Leben eingeführt hat. Denn er hat dem Adam schon vor seiner Sünde, und als er noch einer großen Freiheit genoß, eine Art Feldbau zu treiben befohlen, die zwar nicht Mühe und Anstrengung kostete, ihm aber viele Weisheit gewährte. „Denn er setzte ihn,” heißt es, „ins Paradies, 3 auf daß er es bebauete und bewahrete.”4 An jedem von diesen Landleuten kannst du sehen, wie er bald die Ackerochsen anspannt und den Pflug führt und eine tiefe Furche zieht; bald aber die heilige Rednerbühne besteigt und die Seelen seiner Untergebenen ackert; 5wie er bald mit der Hippe die Dornen auf dem Felde ausrottet, bald aber durch Ermahnung die Sünden aus den Herzen vertilgt. Denn sie schämen sich der Thätigkeit nicht wie die Bewohner unserer Stadt, sondern halten die Trägheit für schändlich, weil sie wissen, daß diese die Lehrmeisterin aller Schlechtigkeit ist, ja daß sie schon vom Anfange her ihren Liebhabern in der Bosheit Unterricht gab. Diejenigen scheinen mir vorzugsweise die besten Philosophen zu sein [S. 370] und die beste Philosophie zu besitzen, die ihre Tugend nicht durch die Kleidung, sondern durch die Gesinnung beweisen. Die Philosophen der Heiden sind nicht besser als Gaukler und Komödianten; sie können nichts Anderes aufzeigen als den Mantel, den Bart und den Anzug. Diese Landleute hingegen thun gerade das Gegentheil: sie kümmern sich gar nicht um Stab, Bart und andern Prunk, sondern schmücken ihren Geist mit den Grundsätzen einer wahren Weisheit, ja nicht bloß mit den Grundsätzen, sondern auch mit den Werken selbst. Du magst unter diesen Landleuten, welche ihre Felder bebauen und beim Pflug und Karst ihre Kräfte hinopfern, irgend einen über die Lehren befragen, über welche tausend heidnische Philosophen gekommen sind, viele Worte verloren und doch nichts Gesundes gesagt haben: so wird er dir über Alles gründliche und sehr verständige Antworten geben. Und nicht das allein ist bewunderungswerth, sondern auch das, daß sie durch die Werke den Glauben an die Lehre bestärken. Denn daß wir eine unsterbliche Seele besitzen und über das, was wir hier thun, werden Rechenschaft geben und uns vor den furchtbaren Richterstuhl werden hinstellen müssen: das haben sie mit ihrem Verstande erfaßt und ihr ganzes Leben nach dieser Hoffnung geregelt; erhaben über alle weltliche Pracht und belehrt von der heiligen Schrift, daß „Alles Eitelkeit über Eitelkeit, und Alles Eitelkeit sei,” 6sehnen sie sich nicht nach den Dingen, die sonst so reizend erscheinen. Sie wissen auch von Gott so weise zu denken, als er es befohlen. Nimmst du einen von ihnen und einen von den Philosophen der Heiden und stellst sie jetzt in unsere Mitte (doch jetzt ist von Diesen ja Keiner zu finden): nun nimmst du einen von den Landleuten und gehst die Schriften der alten Weltweisen durch und vergleichst das genau, was Jene jetzt antworten mit dem, was Diese damals philosophirt haben: so wirst du sehen, wie groß die Weisheit von Jenen, wie groß die Thorheit von Diesen sei. Denn wenn Manche [S. 371] von Diesen behaupten, es gebe in der Welt keine Vorsehung, die Welt sei nicht von Gott erschaffen, die Tugend genüge nimmer sich selber, 7sondern man brauche Geld, Adel und äussern Glanz und andere noch viel lächerlichere Dinge dazu; wenn hingegen diese Landleute, die von der Philosophie der Heiden Nichts wissen, über die Vorsehung, über die zukünftigen Gerichte, über die Schöpfung, wie nämlich Gott Alles aus Nichts hervorgebracht hat, und über alles Andere Philosophiren: wer sollte daraus nicht die Macht Christi erkennen, welche ungelehrte und unwissende Leute so erleuchtet, daß sie weiser sind als Diejenigen, die sich ihrer Weisheit berühmen, ja um soviel weiser, als erfahrene Männer unreife Knaben übertreffen? Was kann ihnen die Unerfahrenheit in der Sprache wohl schaden, da ihr Geist von so großer Weisheit erfüllt ist? Und was hilft den Weisen der Welt ihre Beredsamkeit, wenn ihr Verstand blind und unwissend ist? Es ist gerade soviel, als besäße Jemand ein Schwert mit silbernem Griff, dessen Klinge aber weicher ist als jegliches Blei. Denn die Rede dieser Weltweisen prangt mit Worten und Namen, der Inhalt aber leidet an gewaltiger Schwäche und ist für sie zu allem Nichts nütze. Allein nicht so verhält es sich bei diesen Philosophen vom Lande, sondern gerade umgekehrt: ihr Verstand besitzt eine Fülle geistlicher Weisheit, und ihr Leben ist nach ihren Lehren geordnet. Bei ihnen gibt es keine üppigen Weiber, keine prachtvollen Gewänder, keine Schminke, kein Blendwerk, sondern Alles, was die Sitten verdirbt, ist bei ihnen verbannt; darum bringen sie auch das ihnen untergebene Volk leichter zu einem bescheidenen Betragen und beobachten mit großer Sorgfalt die Vorschrift des Paulus, die da befiehlt, Kleidung und Nahrung zu haben und Nichts weiter zu suchen. 8Bei ihnen gibt es keine wohlriechenden Salböle, das Gemüth [S. 372] zu berücken, sondern die Erde, welche Kräuter hervorbringt, bereitet ihnen einen weit künstlichern Blumengeruch, als es irgend ein Salbenkünstler vermöchte. Deßwegen genießen sie auch an Leib und Seele einer ungestörten Gesundheit, weil sie eben alle Üppigkeit meiden und vor den schädlichen Strömen der Trunkenheit fliehen und nur soviel essen, als sie zur Fristung des Lebens bedürfen. Lasset uns also dieselben nicht ob ihres äussern Anzuges verachten, sondern ihre Seele bewundern! Denn was nützt wohl der äussere Umwurf, wenn die Seele armseliger als ein Bettler bekleidet ist? Den Mann muß man nicht wegen der Kleider, ja nicht einmal wegen seiner Leibesgestalt, sondern wegen seiner Seele loben und bewundern. Entblöße die Seele dieser Landleute, und du wirst ihre Schönheit und ihren Reichthum in ihren Worten, Lehren und in ihrer ganzen sittlichen Haltung erblicken. —

1: Chrysostomus meint seinen Bischof Flavian, der bei diesem Feste der heiligen Märtyrer eine Rede gehalten.
2: Die Landbevölkerung um Antiochia redete syrisch.
3: Ist ein persisches Wort (paradaiza) und heißt: Garten, Luftgarten, Park.
4: Gen. 2, 15.
5: Mit dem Pflug der Rede — ein bildlicher Ausdruck in der alten hellenischen Poesie. S. Pindar. Nem. X, 49 und G. L. F. Tafel in den Diluccid. Pindar. vol. I. pag. 823 sqq.
6: Pred. 1, 2.
7: D. h., daß man mit der Tugend allein nicht glücklich sein könne.
8: I. Tim. 6, 8.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger