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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Achtzehnte Homilie.

2.

Denn Viele sagten, als wir sie ermahnten und aufmunterten, die Leiden muthig zu tragen: Mit solchen Gedanken haben wir uns niemals befaßt, darüber nie philosophiren gelernt, und deßwegen sind wir so sehr des Trostes bedürftig. Andere halten hinwieder die Gesundheit für die Quelle der Freude. Aber sie ist es nicht; denn viele gesunde Leute wünschen sich ja gar häufig den Tod, weil sie die ihnen zugefügten Beleidigungen nicht zu ertragen vermögen. Wieder Andere sagen, der Genuß von Ehre, der Besitz von Herrschaft und Macht, die Verwaltung von Ämtern und zahlreiche Schmeichler erzeugen eine beständige Freude. Aber auch dem ist nicht also. Und was sage ich von den andern [S. 355] Würden? Denn wenn wir im Geiste selbst bis zum Throne hinaufsteigen, so werden wir sehen, daß Derjenige, der darauf sitzt, von vielen Plagen umringt ist, daß ihn um so viel mehr Umstände zur Traurigkeit zwingen, je größer der Glanz ist, der ihn umgibt. Und was brauche ich von den Kriegen, von den Schlachten und den Anfällen der Barbaren zu reden? Der Mensch fürchtet ia oft die eigenen Hausgenossen. Denn viele Könige sind den Händen ihrer Feinde entronnen, aber den Nachstellungen ihrer Leibwachen nimmer entwischt. Die Könige haben so viele zwingende Gründe zur Trauer, als es Wellen im Meer gibt. Da nun also selbst die Regierungsgewalt das Leben nicht trauerlos macht, was kann wohl sonst dasselbe zu einem freudigen machen? Nichts von menschlichen Dingen; wohl aber das einzige, einfache und kurze Wort Pauli wird uns diesen Schatz (der Freude) erschließen. Denn es bedarf nicht vieler Worte, nicht langer Umschweife, sondern wir werden den Weg finden, der dahin führt, wenn wir nur diese Stelle recht überlegen. Denn Paulus sagt nicht einfach: „Freuet euch immerdar,” sondern er setzt auch den Grund dieser beständigen Freude hinzu mit den Worten: „Freuet euch im Herrn immerdar.” 1Wer sich „im Herrn” erfreut, kann durch keinen Zufall um diese Freude gebracht werden. Denn alles Andere, worüber wir uns freuen, ist veränderlich, flüchtig und unterliegt leicht einem Wechsel. Und das ist nicht der einzige Nachtheil; selbst die dauernden Freuden gewähren uns keine solche Wonne, daß sie den Verdruß, der aus andern Umständen herkömmt, abwehren und verdecken kann; die Gottesfurcht aber hat diese doppelte Eigenschaft: sie ist beständig und unveränderlich und gewährt eine solche Wonne, daß wir darüber die andern widrigen Zufälle gar nicht empfinden. Denn wer Gott pflichtgemäß fürchtet und sein Vertrauen auf ihn setzt, hat die Wurzel der Freude gewonnen und besitzt die volle Quelle der Wonne. Und gleichwie ein winziger Funke, [S. 356] der in ein unermeßliches Meer fällt, leicht ausgelöscht wird, so wird, was immer Widriges einem gottesfürchtigen Menschen begegnet, als ob es in ein unermeßliches Freudenmeer fiele, ausgelöscht und zu Grunde gerichtet. Und in der That muß man sich darüber höchlich verwundern, daß der Gottesfürchtige selbst dann in der Freude verharrt, wann ihm Trauriges zustößt. Denn gäbe es keinen betrübenden Fall, so wäre es nichts Großes für ihn, sich beständig zu freuen; aber über die vielen Unfälle, die ihn zur Traurigkeit stimmen, vollends erhaben zu sein und mitten in den widrigen Verhältnissen sich zu erfreuen, das ist eben bewunderungswürdig. Es würde sich ja Niemand verwundern, daß die drei Jünglinge nicht verbrannten, wären sie ferne vom babylonischen Ofen gewesen; denn was Alle in Erstaunen versetzte, war Dieses, daß sie, nachdem sie so lange Zeit im Feuer gewesen, unverletzter davon kamen als die, welche sich nicht in demselben befanden. So kann man auch von den Heiligen sagen, daß sie, hätte sie keine Versuchung geplagt, ob ihrer beständigen Freude eben nicht bewundert zu werden verdienten. Aber das verdient unser Erstaunen, und übersteigt die Menschennatur, daß sie ringsum von zahllosen Wogen bedrängt ruhiger waren als Diejenigen, welche einer heitern Stille genoßen. Aus dem Gesagten ist also klar, daß sich keine Lebensart in der Welt einer beständigen Freude rühmen kann. Daß aber der Gläubige nothwendig einer beständigen Wonne genieße, das will ich eben wieder zu beweisen versuchen, nicht bloß, damit ihr Dieses einsehet, sondern auch, auf daß ihr euch um dieses kummerlose Leben bemühet.

Stellen wir uns also einen Mann vor, an dem nichts Verdammliches ist, der auf sein gutes Gewissen vertraut, sich nach den künftigen Gütern sehnt und auf jene seligen Hoffnungen harret: sage mir, was kann wohl einen solchen Mann in Trauer versetzen? Was scheint wohl unter allen Dingen unerträglicher zu sein als der Tod? Aber die Erwartung desselben versetzt ihn nicht nur nicht in Betrübniße sondern erfreut ihn vielmehr; denn er weiß, daß der nahende [S. 357] Tod das Ende der Mühen. ein Lauf zu den Kronen und Belohnungen ist, die für Diejenigen aufbewahrt sind, die sich für Gottseligkeit und Tugend angestrengt haben. Aber der unzeitige Tod seiner Kinder? Auch Dieß erträgt er mit Muth und wird Jobs Worte nachsprechen: „Der Herr hats gegeben, der Herr hats genommen; wie es dem Herrn gefallen, so ist's auch geschehen; der Name des Herrn sei gebenedeit in Ewigkeit!” 2Wenn ihn aber der Tod und der Verlust seiner Kinder nicht zu betrüben vermag, so werden Verlust des Vermögens, Schmähungen, Anklagen und Verläumdungen um so weniger einer so großen und edlen Seele irgend Etwas anhaben können; ebenso wenig ein Leiden des Körpers; denn auch die Apostel wurden gegeißelt, verloren aber den freudigen Muth nicht. Das ist nun schon etwas Großes; viel größer ist aber das, daß sie nicht nur den freudigen Muth nicht verloren, sondern die Geißelhiebe selber zu einer Quelle von größerer Wonne erhoben und bei der Rückkehr vom Angesichte des Rathes sich freuten, daß sie gewürdiget worden, um des Namens Christi willen Schmach zu leiden.” 3Wenn aber Jemand einen Gottesfürchtigen lästert und schmäht? Er ist von Christus gelehrt worden, sich über die Lästerungen zu freuen. „Denn erfreuet euch,” heißt es, „und frohlocket, wenn sie um meinetwillen fälschlich alles Böse wider euch reden; denn euer Lohn wird groß sein im Himmel.” 4Allein er verfällt einer Krankheit? Aber er hört einen Andern, der ihn ermuntert und spricht: „In Krankheit und Armuth vertraue auf Ihn! Denn gleichwie das Gold im Feuer geprüft wird, so werden die (Gott) wohlgefälligen Menschen im Feuerofen der Trübsal bewährt.” 5Da nun also weder Tod, noch Verlust des Vermögens, weder Krankheit des Leibes, noch Schmach, noch Lästerung, noch sonst etwas Ähnliches ihn zu betrüben vermag, ja ihn vielmehr in Freude versetzt: wo soll er denn [S. 358] also einen Stoff zur Traurigkeit finden? Wie nun, heißt es, sind die Heiligen nicht traurig gewesen? Hörst du nicht, was Paulus spricht? „Groß ist mein Schmerz und unaufhörlich der Kummer meines Herzens.” 6Das ist nun eben verwunderungswürdig, daß er aus der Trauer Gewinn und aus der Betrübniß Freude geschöpft hat. Denn gleichwie ihm die Geißelhiebe nicht Schmerz, sondern Freude verursacht, so erwarb ihm hinwieder die Trauer jene herrlichen Kronen. Auch darüber muß man sich wundern, daß nicht allein die Trauer der Welt, sondern auch die Freude derselben den größten Schaden nach sich zieht. Bezüglich der geistlichen Dinge geschieht nun gerade das Gegentheil: Nicht bloß die Freude, sondern auch die Trauer enthält einen großen Schatz (geistlicher) Güter. Wie so? Ich gebe ein Beispiel. Es freut sich mancher Weltmensch, wenn er seinen Feind im Unglücke sieht, und er zieht sich selbst durch diese Schadenfreude eine große Züchtigung zu. Ein Anderer hingegen betrübt sich, wenn er seinen Bruder einen Fehltritt thun sieht, und er erwirbt sich selbst durch diese Betrübniß das volle göttliche Wohlwollen. Siehst du, wie die gottgefällige Trauer besser und nützlicher ist als die Freude der Welt? So betrübte sich auch Paulus über Diejenigen, welche sündigten und nicht an Gott glaubten, und für diese Traurigkeit hatte er bei Ihm einen großen Lohn hinterlegt. Ich will aber das, was ich sage, euch noch deutlicher machen und zeigen, daß meine Behauptung, obgleich sie sonderbar scheint, dennoch auf Wahrheit beruht, daß nämlich die Traurigkeit oft betrübte Herzen erquickt und das beschwerte Gewissen erleichtert. Denn viele Mütter würden oft erliegen und sterben, wenn man ihnen beim Verluste ihrer heißgeliebten Kinder das Weinen und Klagen und Jammern verböte; haben sie aber Alles gethan, was Trostlose thun, so erlangen sie Trost und Erleichterung. Und was Wunder, daß Dieß bei Weibern geschieht, da man sieht, daß Dasselbe [S. 359] selbst dem Propheten begegnet? Deßwegen sagt er beständig: „Gehet hinweg von mir, ich will bitterlich weinen; mühet euch nicht, mich zu trösten über die Verheerung der Tochter meines Volkes!” 7So bringt also oft selbst die Traurigkeit Trost. Geschieht nun aber das in der Welt, wie viel mehr dann in geistlichen Dingen? Darum sagt Paulus: „Aber die gottgefällige Trauer bewirkt Buße zun ewigen Heil.” 8Das scheint nun etwas dunkel zu sein. Er will aber so viel sagen: Trauerst du ob deines Vermögens, so nützt dir das Nichts; bist du ob einer Krankheit betrübt, so hast du keinen Gewinn, sondern im Gegentheil, du verschlimmerst sie noch.

1: Philipp. 4, 4.
2: Job 1, 21.
3: Apostelg. 5, 41.
4: Matth. 5, 11. 12.
5: Pred. 2, 4. 5.
6: Röm. 9, 2.
7: Isai. 22, 4.
8: II. Kor. 7, 10.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger