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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Achtzehnte Homilie.

1.

Ich habe Viele gesehen, die mit Freude gegenseitig erklärten: Wir haben gewonnen, wir haben gesiegt; die Hälfte der Fastenzeit ist nun vorbei. Diese ermahne ich, sich nicht darüber zu freuen, daß die Hälfte der Fastenzeit zurückgelegt ist, sondern das ins Auge zu fassen, ob sie die Hälfte ihrer Sünden abgelegt haben, und dann darüber fröhlich zu sein; denn das ist eine würdige Freude; darum handelt es sich, darum geschieht ja Alles, daß wir unsere Fehler verbessern und nicht in derselben Verfassung zu fasten aufhören, in der wir zu fasten begonnen, sondern daß wir uns reinigen, jede böse Gewohnheit ablegen und so dem heiligen Feste uns nahen. Wenn das nicht geschieht, so wird uns die zurückgelegte Fastenzeit nicht nur Nichts nützen, sondern den größten Schaden zufügen. Wir wollen uns also nicht darüber freuen, daß wir die lange Fastenzeit hinter uns haben; denn das ist nichts Großes; sondern wir wollen uns freuen, wenn wir sie mit guten Werken zurückgelegt haben, so daß nach Vollendung des Fastens auch die Früchte desselben erscheinen. Der Nutzen des Winters ist alsdann am meisten sichtbar, wenn er vorbei ist. Denn die grünenden Saaten und die von Blättern und Früchten strotzenden Bäume verkünden laut schon durch den Anblick den Nutzen, den ihnen der Winter gebracht hat. Dasselbe soll nun auch an uns selber geschehen. Denn wir haben im Winter d. h. während der Fastenzeit einen beständigen und reichlichen Regen gehabt, haben ununterbrochen Belehrung geschöpft, haben den geistlichen Samen in uns aufgenommen und die Dornen eines üppigen Lebens beschnitten. Bleiben wir nun standhaft und bewahren wir sorgfältig, was wir empfangen haben, damit dem überstandenen Fasten auch die Frucht des Fastens entsprosse und wir durch die Vortheile, die uns [S. 352] dasselbe gebracht, uns an die Fastenzeit selber erinnern mögen. Wenn wir uns also zurüsten, so werden wir, wenn die Fastenzeit wieder erscheint, dieselbe neuerdings mit Freude begrüßen. Ich sehe nämlich, daß Viele so engherzig sind, daß sie in der gegenwärtigen Fastenzeit schon wegen der nächsten besorgt sind, und ich hörte Manche sagen, daß sie nach überstandenem Fasten aus dieser Erleichterung kein Vergnügen empfinden aus Besorgniß vor demselben im kommenden Jahre. Sage mir, gibt es wohl eine größere Engherzigkeit? Worin liegt aber der Grund davon? Darin, daß wir beim Beginne der Fastenzeit nicht darauf bedacht sind, wie das, was die Seele betrifft, schön in Ordnung gebracht werde, sondern weil wir das Fasten nur auf die Enthaltung von Speisen beschränken. Zögen wir daraus zur Verbesserung unserer Sitten einen erheblichen Nutzen, so würden wir täglich wünschen, daß doch die Fastenzeit wieder erschiene; wir würden ihre Verdienstlichkeit durch die Thatsachen selber begreifen, nie das Verlangen nach ihr aus unserm Herzen verbannen und über die Erwartung derselben nicht in Angst und Trauer gerathen. Denn wer sein Herz in die rechte Ordnung gebracht und für seine Seele besorgt ist, den wird Nichts in der Welt zu bedrängen vermögen, sondern er wird eine reine und beständige Freude genießen. Und daß Dieses wahr sei, das habt ihr heute von Paulus gehört, der uns ermahnet und spricht: „Freuet euch im Herrn immerdar; abermal sage ich: Freuet euch!” 1Ich weiß wohl, daß diese Aufforderung Vielen unausführbar zu sein scheint. Denn wie ist es möglich, sagt man, sich beständig zu freuen, da man ein Mensch ist? Das ist nicht schwer, sich zu freuen, aber sich immer zu freuen, das scheint mir unmöglich zu sein — so dürfte vielleicht Jemand sagen; es umdrängen uns ja so vielfache Nöthen, um uns den freudigen Muth zu benehmen. Denn man verliert einen Sohn, oder ein Weib, oder einen redlichen Freund, der uns mehr [S. 353] am Herzen liegt als alle Verwandten; oder man erleidet einen Verlust an seinem Vermögen; oder man fällt in eine Krankheit, oder es stoßen einem andere Unfälle zu, oder man grämt sich wegen geschädigter Ehre; es kömmt eine Theurung oder die Pest oder eine unerträgliche Steuer oder häusliche Sorge; ja wir sind gar nicht im Stande, Alles aufzuzählen, was uns im Privatverkehr und öffentlichen Leben so oft in Trauer versetzt. Wie ist es also möglich, heißt es, immerdar fröhlich zu sein? Ja wohl ist es möglich, o Mensch, und wenn es unmöglich wäre, so hätte Paulus dazu nicht ermahnt, so hätte der Mann, der eine so hohe Weisheit in geistlichen Dingen besaß, diesen Rath nicht gegeben. Deßwegen sagte ich euch so oft und werde nicht aufhören es euch zu sagen, daß es euch hier gegönnt ist, jene Weisheit zu lernen, die sonst nirgends und aus keinem Andern geschöpft werden kann. Alle Menschen haben ein Verlangen sich zu freuen und fröhlich zu sein, und dahin zielt all ihr Handeln, Reden und Thun. Denn der Kaufmann geht darum zu Schiff, um sich ein Vermögen zu sammeln; er sammelt aber ein Vermögen, um sich, hat er's hinterlegt, an dessen Besitz zu erfreuen. Der Soldat zieht darum ins Feld, der Landmann pflügt darum den Acker und Jeder treibt darum seine Hanthierung. Die nach hohen Würden trachten, thun es, um die Ehre zu genießen; die Ehre wollen sie aber genießen, um sich zu freuen. Jedermann sieht ja, daß wir bei jedem Geschäfte dieses Ziel im Auge behalten, und Jeder, der darauf sieht, sucht durch mancherlei Mittel dazu zu gelangen. Alle lieben die Freude, wie ich gesagt; aber nicht Alle können ihrer theilhaftig werden; denn sie kennen den Weg nicht, der zu ihr führt, sondern Viele bilden sich ein, daß der Grund derselben im Reichthume liege. Wäre das wirklich der Fall, so könnte ja Niemand, der ein großes Vermögen besitzt, in Trauer versinken. Nun aber halten Viele unter den Reichen ihr Leben für kein Leben und wünschen sich tausendfältigen Tod, wenn sie irgend einen Unfall erleiden, und gerade diese sind es, die sich unter Allen am meisten der Traurigkeit hingeben. Schaue mir [S. 354] nicht auf ihre Gastmähler, nicht auf ihre Schmarotzer und Schmeichler, sondern auf die Folgen davon: Kränkung, Verläumdung, Gefahren und Streit, und was noch viel lästiger ist als Dieß: werden die Reichen unvorbereitet von diesen Wechselfällen getroffen, so wissen sie nicht weise zu sein und das Ungemach muthig zu tragen. Daher fällt ihnen nicht nur das schwer, was von Natur aus schwer ist, sondern es scheint ihnen auch das Leichte unerträglich zu sein, gleichwie bei den Armen das Gegentheil geschieht: selbst das Schlimmste scheint ihnen erträglich, weil sie sich auf Ähnliches schon vielfach gefaßt gemacht haben. Denn nicht so fast das Wesen der Ereignisse, als der Zustand Derjenigen, über welche sie kommen, läßt uns das Unglück, das uns begegnet, als groß oder winzig erscheinen. Und um die Beispiele für Beides nicht aus der Ferne zu holen, will ich anführen, was wir selber erlebt. Denn siehe, die Armen sind alle entkommen, das Volk ist von der Gefahr befreit und genießt einer gänzlichen Furchtlosigkeit. Aber die Großen der Stadt, die Männer, welche Pferde hielten, bei den Spielen die Preise vertheilten oder andere Ämter versahen, wohnen jetzt im Gefängniß, sind um ihr Leben besorgt, tragen allein die Schuld der von Allen verübten Verbrechen, leben in beständiger Furcht und sind jetzt elender als alle andern Menschen, nicht wegen der Größe der Gefahren, sondern weil sie die vergangene Zeit im Wohlleben zugebracht haben.

1: Phil. 4, 4.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger