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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Siebenzehnte Homilie.

2.

Wer sollte darüber nicht staunen, wer nicht die Weisheit dieser Männer bewundern? Denn wenn wir schon alle erstaunten, als die Mutter eines der Schuldigen mit entblößtem Haupte dem Pferde eines Richters in die Zügel fiel, ihm ihre grauen Haare wies und in dieser Gestalt mit ihm über den Markt hin in das Gerichtshaus eintrat; wenn wir alle ihre Mutterliebe und Seelengröße bewunderten: müssen wir nicht noch viel mehr über Diese (Mönche) erstaunen? Denn hätte die Mutter für ihr Kind auch das Leben geopfert, so brauchte man sich darüber gar nicht zu wundern; denn groß ist die Macht der Natur und unüberwindlich des Herzens Gewalt. Aber diese Mönche haben Diejenigen, welche sie nicht erzeugt, nicht erzogen, ja nicht einmal gesehen; Diejenigen, die sie nie gehört, mit denen sie nie Umgang gepflogen, und die sie nur von ihrem Unglück aus kannten, — so sehr geliebt, daß sie, selbst wenn sie unzählige Seelen besessen, doch alle zur Rettung derselben hätten hingeben wollen. Bringe mir aber nicht diesen Einwurf: Sie sind ja nicht getödtet worden, sie haben ihr Blut nicht vergossen; erwäge vielmehr, welche Unerschrockenheit sie den Richtern gegenüber an den Tag gelegt haben, eine Unerschrockenheit, die man in der Regel nur bei Denjenigen findet, die an ihrer Rettung verzweifeln; erwäge, daß sie mit dieser Gesinnung von den Bergen herab zu den Richtern [S. 337] eilten. Denn wenn sie sich nicht vorher auf jegliche Todesart gefaßt gemacht hätten, so würden sie nicht die Kraft gehabt haben, den Richtern gegenüber eine so freie Sprache zu führen und eine solche Seelengröße zu zeigen. Denn sie setzten sich vor die Thüren des Gerichtshofes hin und brachten ganze Tage dort zu, stets bereit, Diejenigen, die zum Tode geführt werden sollten, den Händen der Henker zu entreissen. Wo sind nun die Männer, die auf ihre schäbigen Mäntel stolz sind, 1 ihren langen Bart zur Schau tragen, mit den Stäben in ihrer Rechten, diese Weltweisen in ihrem Äussern, dieser cynische Auswurf, die schlechter sind als die Hunde unter dem Tische, und die Alles ihrem Bauche zu Lieb thun? Sie alle verließen damals die Stadt, Alle eilten davon und verkrochen sich in die Höhlen; Diejenigen allein, die durch Thatsachen wahrhaftig ihre Weisheit bekunden, zeigten sich so unerschrocken auf dem Markte, als hätte die Stadt kein Unheil getroffen. Die in der Stadt wohnten, flüchteten sich in die Berge und Einöden, die Bewohner der Wüste aber kamen in die Stadt und bewiesen thatsächlich, was ich in den verflossenen Tagen fortwährend sagte, nämlich daß den Tugendhaften auch kein Feuerofen irgend zu verletzen vermöge. So weit erhebt sich die Weisheit der Seele über Alles, sowohl über das Glück wie über jegliches Unglück; denn in jenem wird sie nicht stolz, in diesem nicht kleinmüthig und schwach, sondern bleibt sich in allen Verhältnissen gleich und zeigt so ihre eigene Stärke und Kraft. Denn wen hat die gegenwärtige schwierige Zeit nicht überwunden? Die Vornehmsten unserer Stadt, Männer, die im Besitze der Macht und unaussprechlichen Reichthums beim Kaiser in großem Ansehen standen, ließen alle ihre Häuser leer stehen und waren nur auf ihre eigene Rettung bedacht; weder [S. 338] Freundschaft noch Verwandtschaft wurde geachtet, und welche sie früher gekannt hatten, wollten sie zur Zeit des Unglückes nimmermehr kennen und wollten selbst, ihnen gegenüber, unbekannt bleiben. Aber die Mönche, arme Männer, die ausser dem armseligen Kleide gar Nichts besaßen, die das Land bebauten und davon lebten, die äusserlich gar Nichts zu sein schienen, die sich nur in den Gebirgen und Wäldern aufhielten, traten, während Alle bebten und zitterten, mit hohem und unerschrockenem Geiste wie Löwen hervor und machten dem Übel nicht etwa in vielen Tagen, sondern in einem Augenblicke ein Ende. Und gleichwie die ausgezeichnetsten Helden nicht nur, wenn sie mit den Gegnern Handgemein werden, sondern auch schon durch ihr Erscheinen im Felde und ihre mächtige Stimme die Gegner verscheuchen: so kamen auch Diese an einem Tage von den Bergen herab, unterredeten sich, machten dem Elend ein Ende und kehrten wieder in ihre Zellen zurück. So mächtig ist die Weisheit, die durch Christus unter die Menschen eingeführt worden. Und was rede ich von den Reichen und Mächtigen, da ja selbst die bestellten Richter und die höchsten Würdenträger auf die Bitte eben dieser Mönche ein gnädiges Urtheils zu fällen erklärten, daß sie den Erfolg nicht zu verbürgen vermögen? Denn es sei unsicher und gefährlich, nicht bloß den Kaiser zu beleidigen, sondern auch Diejenigen, welche erwiesener Maßen denselben beleidiget haben, ungestraft zu entlassen. Jedoch diese Mönche waren mächtiger als Alle: durch ihre Seelengröße und beharrliche Ausdauer bewogen sie endlich die Richter, nur jene Gewalt zu gebrauchen, die sie nicht vom Kaiser erhalten; sie waren im Stande, als die Schuld der Männer offenbar vorlag, die Richter dahin zu vermögen, kein Verdammungsurtheil zu fällen, sondern die Entscheidung auf den Spruch des Kaisers ankommen zu lassen; sie versprachen, demselben so zuzureden, daß er den Frevlern gegen seine Person sicher Gnade gewähre, und machten sich schon zur Reise bereit. Allein die Richter, welche vor ihrer Weisheit Ehrfurcht empfanden und ihre erhabene Gesinnung anstaunten, erlaubten es nicht, diese so [S. 339] weite Reise zu machen, sondern erklärten, wenn sie nur ihr Wort schriftlich erhielten, selber zu reisen und den Kaiser zu bitten, den ganzen Zorn fahren zu lassen; und wir hoffen, daß Dieß geschieht. Denn sie waren eingetreten, als das Urtheil gefällt werden sollte, hatten Reden voll Weisheit gehalten und eine Bittschrift an den Kaiser verfaßt, worin sie ihn an sein Gericht mahnten und ihr eigenes Leben zu opfern erklärten, für den Fall, daß er ihre Bitte abschlagen würde. 2Mit diesen schriftlichen Versicherungen zogen nun die Richter von dannen; dieses Ereigniß wird unsere Stadt herrlicher schmücken als jegliche Krone. Was jetzt hier geschehen, das wird der Kaiser vernehmen, die große Stadt wird es hören, der ganze Erdkreis wird es erfahren: daß sich in der Stadt Antiochia solche Mönche befinden, die einen apostolischen Muth an den Tag legen; und wird dann das Schriftstück im Lager (des Kaisers) gelesen, so werden Alle ihre Seelengröße bewundern, Alle unsere Stadt selig preisen, und wir werden den schlechten Ruf, in dem wir jetzt stehen, verscheuchen. Alle werden zur Einsicht gelangen, daß nicht die Bewohner unserer Stadt, sondern fremde und verkommene Leute die Thäter gewesen; ein giltiger Beweis für das Verhalten der Bürgerschaft wird das Zeugniß der Einsiedler sein. Lasset uns also nicht trauern, meine Geliebten, sondern freudige Hoffnungen hegen! Denn wenn dieser freudige Muth bei den Menschen eine so große Gefahr zu verscheuchen vermochte, wird diese ihre Herzhaftigkeit bei Gott Nichts erwirken? Das wollen wir auch den Heiden bemerken, wenn sie es wagen, sich mit uns über die Weltweisen in einen Streit einzulassen. Aus dem, was jetzt geschehen, ist klar, daß auch das, was sie uns von früher erzählten, Dichtung gewesen. Ebenso leuchtet daraus hervor, daß die alten Berichte über Johannes und Paulus und [S. 340] Petrus und über alle Andern bei uns auf Wahrheit beruhen. Denn weil ihnen die Mönche in der Gottseligkeit nachgefolgt sind, darum haben sie auch den Heldenmuth derselben gezeigt. Weil sie nach denselben Grundsätzen ihre Erziehung genossen, darum haben sie auch ihre Tugend nachgeahmt. Wir bedürfen also keiner schriftlichen Beweise für die Tugendhaftigkeit der Apostel, da die Thatsachen selber laut dafür sprechen und die Schüler ihre Meister darstellen. Wir brauchen keine langen Reden zu halten, um das alberne Geschwätz der Heiden aufzudecken und die Engherzigkeit ihrer Philosophen zu zeigen, weil ja die vergangenen und gegenwärtigen Thatsachen selbst lautes Zeugniß ablegen, daß bei ihnen Alles Fabel, Dichtung und Trug sei. Aber nicht die Mönche allein, sondern auch die Priester haben dieselbe Seelengröße gezeigt und sich um unsre Wohlfahrt bekümmert. Einer hat nämlich aus Liebe zu euch alles Andere bei Seite gesetzt und sich in's Hoflager begeben, selbst zu sterben bereit, falls er den Kaiser nicht zu versöhnen vermöchte; die Zurückgebliebenen aber haben Dasselbe gethan, was die Einsiedler thaten: mit ihren eigenen Händen hielten sie die Richter zurück und verwehrten ihnen so lange den Eintritt, bis sie über den Ausgang des Prozesses ein Versprechen abgaben, und als sie sahen, daß sie sich dessen weigerten, so nahmen sie hinwieder all ihren Freimuth zu Hilfe. Als sie aber sahen, daß sich die Richter willfährig zeigten, umfingen sie die Füße und Kniee derselben, küßten ihre Hände und legten so in hohem Grade beide Tugenden, die Freimüthigkeit und die Sanftmuth an den Tag. Denn daß ihre Freimüthigkeit kein Hochmuth gewesen, bewiesen sie klärlich dadurch, daß sie die Kniee der Richter küßten und ihre Füße umfaßten; daß aber Dieß hinwieder nicht Schmeichelei, nicht sklavische Wohldienerei war, nicht unfreier Gesinnung entstammte, zeigte ihre vorausgegangene Freimüthigkeit. —

Das sind aber nicht die einzigen Vortheile, die wir dieser Prüfung gezogen, sondern wir sind auch viel klüger und viel bescheidener geworden, und unsere Stadt ist plötzlich zu [S. 341] einem Kloster geworden. Wohl Niemand hätte sie also geschmückt, wenn er auf ihren Plätzen goldene Bildsäulen aufgestellt hätte, wie sie nunmehr herrlich und glänzend geworden, indem sie die prachtvollen Bildsäulen der Tugend geschaffen und ihren eigentlichen Reichthum gezeigt hat. „Aber die Befehle des Kaisers machen uns bange.” Allein auch diese sind nicht unerträglich, sondern gewähren einen gewaltigen Vortheil. Denn, sage mir, was ist denn Unangenehmes geschehen? Etwa daß er das Theater geschlossen? den Eintritt in die Rennbahn verboten? daß er diese Quellen der Bosheit verstopft und zugedeckt hat? O möchten doch diese nie wieder aufgethan werden! Daraus entsprossen die Keime der Bosheit für unsere Stadt; daher kommen Diejenigen, welche ihren Ruf in Mißcredit bringen, indem sie ihre Stimmen den Tänzern verkaufen, ihnen ihr Seelenheil um drei Groschen 3verrathen und Alles in Unordnung bringen. Bist du deßwegen traurig, mein Lieber? Im Gegentheil, gerade darum sollst du heiter, sollst fröhlich sein und es dem Kaiser verdanken, daß seine Rache uns zur Besserung, die Strafe zur Unterweisung und der Zorn zur Belehrung geworden. Aber du trauerst, daß man die Bäder geschlossen? Allein selbst das ist nicht unerträglich, daß wir, die wir ein weichliches, üppiges und ausgelassenes Leben vollführen, auch gegen unsern Willen zur Vernunft gebracht werden. Oder trauerst du darum, daß er der Stadt lhre Würde genommen und sie nicht mehr „Metropole” genannt wissen will? Aber was hätte er denn thun sollen? hätte er die Vorfälle loben und dafür Dank sagen sollen? Wer würde ihn nicht getadelt haben, daß er nicht wenigstens scheinbar seinen Zorn gezeigt? Siehst du nicht, daß es die Väter mit ihren Kindern in vielen Stücken ebenso machen? [S. 342] Sie kehren ihnen den Rücken und halten sie ferne vom (gemeinsamen) Tisch. Das hat nun auch der Kaiser gethan, indem er solche Strafen verhängte, die keinen Nachtheil bringen, wohl aber unsere Besserung merklich befördern. Bedenke nur, was wir besorgten, und was dann geschah, und wir werden dafür Gott herzinniglich danken. Trauerst du, daß man der Stadt ihre Würde genommen? Erwäge doch, worin die Würde der Stadt besteht, und dann wirst du klärlich begreifen, daß, wenn die Bewohner die Würde der Stadt nicht selber verrathen, ihnen dieselbe niemand Anderer zu entreissen vermag. Nicht der Umstand, daß sie eine Hauptstadt ist, nicht ihre Größe, nicht die Pracht der Gebäude, nicht die zahlreichen Säulen, nicht die geräumigen Hallen, nicht die Alleen, nicht der Ruhm, den sie vor andern Städten genießt, sondern die Tugend und Frömmigkeit ihrer Bewohner, das ist die Würde, der Schutz und die Zierde der Stadt, so daß, wenn Tugend und Frömmigkeit fehlen, sie die allergeringste ist, mag sie auch von Seite der Kaiser der vielfältigsten Ehre genießen. Willst du die Würde deiner Vaterstadt kennen? Willst du erfahren, was in ihr unsere Ahnen betrifft? Ich will es umständlich sagen, nicht bloß, damit du es wissest, sondern auch, auf daß du es nachahmest. Worin besteht denn also die Würde unserer Stadt? „Es geschah zuerst in Antiochia, daß die Jünger Christen genannt wurden.”4 Diesen Vorzug hat keine Stadt auf der Erde, nicht einmal Rom; darum kann sie auf den ganzen Erdkreis hinblicken, wegen ihrer brennenden Liebe zu Christus, ob ihrer Großmuth, ob ihrer männlichen Tugend. Willst du noch vom einer andern Würde und Auszeichnung dieser Stadt hören? Es drohte einst eine grimmige Hungersnoth zu entstehen; 5 da beschloßen die Bewohner von Antiochia, Jeder nach seinem Vermögen, an die Gläubigen, 6die in Jerusalem wohnten, eine Liebesgabe zu senden. Sieh da einen zweiten [S. 343] Vorzug, ihre Nächstenliebe bei (bevorstehender) Hungersnoth. Die Zeit machte sie nicht engherzig und die Furcht vor dem Elende nicht träger; im Gegentheile, während Alle fremde Gaben einsammeln, haben die Antiochener von dem Ihren gespendet, nicht nur den Einheimischen, sondern auch Denen, die sich in weiter Ferne befanden. Siehst du ihren Glauben an Gott und ihre Liebe zum Nächsten? Willst du noch einen andern Vorzug dieser Stadt kennen lernen? Es kamen Einige aus Judäa nach Antiochia, die Predigt zu stören und jüdische Satzungen einzuführen. Die Christen (Antiochiens) schwiegen nicht zu dieser Neuerung und blieben nicht ruhig dabei, sondern traten zusammen, besprachen sich, schickten den Paulus und Barnabas nach Jerusalem und bewirkten dadurch, daß die Apostel die reine, von aller jüdischen Schwachheit freie Lehre in alle Welt hinaustrugen. Das ist die Würde, das der Vorrang Antiochiens, das macht sie zur Hauptstadt, nicht auf der Erde, sondern im Himmel; alle andern Vorzüge sind vergänglich und hinfällig und erreichen mit dem gegenwärtigen Leben ihr Ende; ja oft enden sie schon früher als dieses, wie es gerade in diesen Tagen geschah. Mir gilt eine Stadt, die keine gottesfürchtigen Einwohner hat, weniger als jegliches Dorf, ist mir verächtlicher als die nächstbeste Höhle. Und was rede ich von der Stadt? Damit du nämlich klärlich begreifst, daß Tugend allein die Einwohner schmücke, so sage ich dir Nichts von einer Stadt, sondern will einen Gegenstand vorführen, der ehrwürdiger ist als jegliche Stadt, den Tempel Gottes zu Jerusalem, und Dieß so zu beweisen versuchen. Dieser Tempel ist es nämlich, worin die Opfer, die Gebete, der Gottesdienst, wo das Allerheiligste, die Cherubim, das Testament, die goldene Urne, diese großen Merkmale der göttlichen Vorsehung gegen das Judenvolk, waren; hier wurden beständig göttliche Aussprüche gethan, hier die Propheten vom Geiste Gottes erfüllt; hier stand ein Werk nicht menschlicher Kunst, sondern ein Abbild der göttlichen Weisheit; hier strotzten und strahlten die Wände allenthalben von Gold; hier paarten sich die allen Begriff übersteigende Kostbarkeit des Materials und [S. 344] die vollendete Kunst und zeigte, daß dieser Tempel damals der einzige seiner Art auf der Welt war; ja noch mehr, nicht bloß vollendete Kunst, sondern auch die göttliche Weisheit hat diesen Tempel geschmückt. Denn nicht von Hause aus, nicht aus sich selber, sondern von Gott hat Salomon Alles gelernt; 7 vom Himmel herab erhielt er den Grundriß, diesen führte er aus, und nach diesem baute er ihn auf. Jedoch dieser schöne, bewunderungswürdige und heilige Tempel gerieth durch das Verderbniß Derjenigen, die sich seiner bedienten, in eine solche Schmach und Verachtung und wurde so profanirt, daß er vor der Gefangenschaft den Namen einer Räuber- und Hyänenhöhle bekam, hernach aber heidnischen, unreinen und entweihten Händen überantwortet wurde. Willst du eben Dasselbe auch an Städten begreifen lernen? Was gab es wohl Schöneres als die Städte im Sodomitergebiet? Denn prachtvoll waren Häuser und Bauten, von Schutzmauern umgeben; der Boden war fetterdig und fruchtbar und dem Paradiese Gottes vergleichbar. Abrahams Hütte hingegen war armselig und klein und ohne jegliche Schutzwehr. Als aber einst ein Krieg gegen die Barbaren entstand, so zerstörten diese die mit Mauern befestigten Städte und eroberten sie, nahmen die Bewohner gefangen und zogen von dannen: aber dem Abraham, dem Bewohner der Einöde, konnten sie nicht widerstehen, als er sie überfiel. Und das war auch wirklich kein Wunder; denn er besaß die Gottseligkeit, die weit mächtiger ist als ein zahlreiches Heer und schützende Mauern. Wenn du ein Christ bist, so hast du keine Stadt 8auf der Erde; der Bau- und Werkmeister unserer Stadt ist Gott, und wenn wir den ganzen Erdkreis besitzen, so sind wir doch überall Fremdling und Gast. Wir sind in den Himmel eingeschrieben, dort ist unsere Heimath. Machen wir es nicht wie die kleinen Kinder, die über Kleinig- [S. 345] keiten erstaunen und das Große nicht achten! Nicht die Größe einer Stadt, sondern die Tugend der Seele verleiht ihr Zierde und Schutz. Wenn du aber die Größe für eine Zierde der Stadt hältst, so erwäge doch, wie viele Hurer, Weichlinge, Frevler und Leute, die unter der Wucht von tausend Lastern seufzen, mit dir an dieser Zierde Theil nehmen, und verachte doch einmal diesen (eingebildeten) Vorzug. Jene Ehre aber ist nicht also beschaffen; denn Derjenige, der nicht vollends tugendhaft ist, kann daran unmöglich Theil nehmen. Seien wir also nicht thöricht, sondern trauern wir dann, wenn uns Jemand des Schmuckes unserer Seele beraubt hat, wenn wir gesündigt, wenn wir unsern allgemeinen Herrn beleidiget haben! Alsdann wird das, was in diesen Tagen geschehen, unserer Stadt nicht nur nicht schaden, sondern, wenn wir vorsichtig sind, den größten Nutzen gewähren. Denn jetzt gleicht unsere Stadt einer schönen, freien und sittsamen Matrone; die Furcht hat sie bescheidener und würdevoller gemacht und sie von jenen Verbrechern, welche diese Frevel begangen, befreit. Jammern wir also nicht in weibischen Thränen! Ich habe nämlich Viele auf dem Markte sagen gehört: „Wehe dir, Antiochia, was ist dir geschehen? Wie bist du um deine Ehre gekommen?” Als ich das hörte, lachte ich über den kindischen Sinn Derjenigen, die Solches sagten. Denn jetzt ziemt sich nicht solches Gerede, sondern wenn du Tänzer, Trunkenbolde, Sänger, Gotteslästerer, Schwörer, Meineidige, Lügner erblickst, dann bediene dich dieses Ausdruckes: „Wehe dir, o Stadt, was ist dir widerfahren?” Wenn du aber auf dem Markte fromme, bescheidene und stille Menschen erblickst und sei ihre Zahl auch gering, so preise jene Stadt selig. Denn die geringe Anzahl kann ihr nicht schaden, ist nur die Tugend vorhanden, sowie ihr die Menge Nichts nützt, wenn sie lasterhaft ist. „Wenn die Zahl der Kinder Israels wäre wie der Sand des Meeres,” heißt es, „so wird (doch nur) der Überrest gerettet werden.” 9Die Menge wird mich nicht zu erbitten [S. 346] vermögen, sagt er. So hat auch Christus gethan. Er erklärte Städte für unglücklich nicht wegen ihhrer Geringfügigkeit oder weil sie keine Hauptstädte waren. Ja gerade darum nannte er Jerusalem elend mit den Worten: „Jerusalem, Jerusalem, das du die Propheten tödtest und Diejenigen steinigst, die zu dir gesandt worden sind.“10 Denn was bringt mir wohl die Menge für einen Gewinn, wenn sie lasterhaft lebt? Ja im Gegentheil, daraus entsteht ja eben der Nachtheil. Denn was hat denn das Unglück, das geschehen, verursacht? Ist es nicht die Nachlässigkeit, die Sorglosigkeit und die Gottlosigkeit der Bewohner gewesen? Was hat der Stadt ihre Würde genützt? was die Größe ihrer Gebäude? was der Umstand, daß sie Hauptstadt gewesen? Wenn ihr aber das schon bei einem irdischen Fürsten, gegen den sie gefrevelt, Nichts nützte, sondern sie die obigen Vorzüge alle verlor: so wird ihr diese Würde beim Herrn der Engel um so weniger frommen. Denn es wird uns an jenem Tage der Umstand Nichts zu nützen vermögen, daß wir eine Hauptstadt bewohnen, welche geräumige Hallen und andere ähnliche Vorzüge hat. Und was rede ich von jenem Tage? Was wird es dir im gegenwärtigen Leben frommen, daß deine Stadt eine Metropole ist? Hat wohl Jemand damit ein übel bestelltes Haus ausgebessert oder sonst einen Nutzen gezogen oder durch diese Ehre den Trübsinn verscheucht oder eine körperliche Krankheit geheilt oder die Bosheit der Seele abgelegt? Machen wir es nicht [S. 347] wie die Kinder, meine Geliebten; sehen wir nicht auf die Meinungen des Pöbels, sondern lernen wir einmal, was eine Stadt wahrhaft ehrwürdig macht, was eine Stadt eigentlich zu einer Hauptstadt erhebe. Das sage ich in der Hoffnung, daß unsere Stadt ihre vorige Gestalt wieder erlange und den vormaligen Rang wieder gewinne; denn der Kaiser ist ein leutseliger und gottesfürchtiger Mann; aber ich wünsche, daß ihr, falls euch dieser wieder eingeräumt wird, darob nicht hochfärtig werdet, euch dessen nicht brüstet und euere Stadt nicht hochmüthig rühmet. Willst du die Stadt loben, so rede mir nicht von dem ihr nahen daphnischen Hain,11Nichts von den vielen und hohen Cypressen, Nichts von den Wasserquellen, Nichts davon, daß die Stadt so viele Einwohner zählt, und daß diese bis auf den spätesten Abend mit vieler Freiheit auf dem Markte verweilen, Nichts von dem Überflusse der feilgebotenen Dinge! Das sind alles sinnliche Dinge und dauern nur so lange als das gegenwärtlge Leben. Kannst du aber reden von der Tugend der Leutseligkeit, Mildthätigkeit gegen die Armen, von der Wachsamkeit, von dem Gebete, von der Sittsamkeit und der Weisheit der Seele: so spendest du der Stadt ein wirkliches Lob. Besitzen diese Tugenden selbst die Bewohner der Wüste, so verleihen sie dadurch derselben einen höhern Glanz als jegliche Stadt, wie hinwieder das die verachtungswürdigste Stadt ist, deren Bürgern diese Tugenden mangeln. So laßt uns nicht allein von Städten, sondern auch über Menschen urtheilen! Siehst du einen stattlichen, hochgewachsenen Mann, der vollkommen gesund die Andern an Leibeslänge weit überragt, so staune darüber nicht eher, als bis du sein Herz kennen gelernt. Lasset uns alle Menschen nicht ob der äussern Wohlgestalt, sondern ob der geistigen Schönheit [S. 348] glückselig preisen! David war körperlich unansehnlich und klein12 und gleichwohl streckte dieser kleine und unansehnliche David, nachdem er die ganze Waffenrüstung bei Seite gelegt, jenes gewaltige Heer, jenen mächtigen Thurm von Fleisch mit einem Wurfe zu Boden; er schwang dabei keine Lanze, schnellte keinen Pfeil ab, zückte kein Schwert: mit einem leichten Wurfe war Alles gethan. Darum gibt der weise Mann einen Rath mit den Worten: „Lobe keinen Menschen ob seiner Schönheit und verachte Niemanden ob seines Äussern. Die Biene ist klein unter den geflügelten Thieren, und doch hat ihre Frucht den Vorzug der Süße.” 13Das laßt uns von Städten und Menschen bemerken, das gegenseitig besprechen! Laßt uns beständig Gott danken sowohl für das Gegenwärtige als für das Vergangene und ihn zugleich mit allem Eifer anflehen, daß Diejenigen, die im Gefängnisse schmachten, die Freiheit erlangen und Diejenigen, die verbannt werden sollen, in ihre Heimath zurückkehren dürfen. Sie sind unsere Glieder, sind mit uns in den Sturm gerathen, haben mit uns das Ungewitter erduldet; flehen wir also zum barmherzigen Gott, daß sie mit uns der Ruhe theilhaftig werden. Sage doch Niemand: „Was kümmert mich ihr weiteres Schicksal? Ich bin der Gefahr entronnen; mag Dieser zu Grunde gehen. Jener verderben!” Reizen wir Gott nicht durch diese Verachtung der Brüder, sondern seien wir traurig und rufen wir Gott so inbrünstig an, als litten wir selbst dieses Elend, damit wir den Ausspruch des heiligen Paulus erfüllen: „Seien wir gegen die Gefangenen, als wären wir Mitgefangene, und gegen die Bedrängten wie selbst noch im Körper Befindliche,” 14„weinend mit den Weinenden und uns zu den Niedern herablassend.” 15Das wird auch uns sehr zuträglich sein. Denn Nichts pflegt Gott so zu gefallen, als das recht innige Mitleid mit unsern Brüdern. Rufen wir ihn also gemeinschaftlich [S. 349] an sowohl wegen der Gegenwart als wegen der Zukunft, damit er uns auch von der künftigen Strafe befreie. Denn die gegenwärtigen Leiden, so schwer sie immer sein mögen, sind dennoch erträglich und nehmen ein Ende; jene Peinen aber sind ewig und unvermeidlich. Nebst dieser Ermahnung an Andere wollen wir uns aber auch selber bestreben, nicht mehr in die alten Sünden zu fallen, weil wir wissen, daß wir fürder keine Verzeihung zu erhalten vermöchten. Lasset uns also alle insgesammt vor Gott niederfallen und sowohl hier als zu Hause betheuern: „Du bist gerecht, o Herr, in Allem, was du uns gethan: denn du hast in Allem, was du verhängt hast, ein wahrhaftes Urtheil gefällt.”16 Wenn auch unsere Sünden wider uns sind, so sei uns doch um deines Namens willen gnädig und lasse nicht zu, daß wir künftig ähnliche Unglücksfälle erfahren und „führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Übel;” 17denn dein ist die Herrschaft und Macht und die Herrlichkeit von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen. [S. 350]

1: Ὁι τρίβωνας ἀναβεβλημένοι, d. s. die griechischen Weltweisen; τρίβων ist ein alter, abgeschabter (wollener) Mantel, wie ihn geringere Leute, besonders aber die Spartaner und später die Philosophen trugen.
2: D. h. sie boten sich selbst, falls der Kaiser die Frevler nicht begnadigen würde, demselben für die Schuldigen als Sühnopfer.
3: τριῶν ὀβολῶν. Ein ὁβολός, ursprünglich ein Metallstab (von Kupfer oder Eisen), wahrscheinlich mit einer Marke versehen, als Scheidemünze gebraucht; in Athen der sechste Theil einer δραχμή somit beiläufig 3 3/4 Kreuzer rhein.
4: Apostelgesch. 11, 26.
5: Ebend. Verse 28. 29.
6: Πρὸς τοὺς ἁγίους ═ an die Heiligen.
7: III. Kön. 5, 12.
8: „Non habemus hic manentem civitatem.“ Paul. ad Hebr.
9: Isai. 10, 22; Röm. 9, 27. Nach den Propheten (Isai., Sophon., Zach. und Joel) geht der Erscheinung des Messias eine große Sonderung und Sichtung voraus, und nur der kleine Rest der Reinen wird gerettet werden. Die Rettung ist das Werk der Gnade Gottes, die Ausschließung das der menschlichen Herzensverkehrtheit. Diese Vorhersagung vom Reste, der gerettet werden sollte, erfüllte sich, als das Volk Jesum verstieß und nur Wenige ihn erkannten, und erfüllt sich fort und fort, da ihn immer nur wenige Einzelne erkennen, und wird sich am Ende erfüllen, wenn die letzten Kinder des Volkes, nachdem ihre Väter ungläubig geblieben, zur Erkenntniß gelangen.
10: Matth. 23, 37.
11: Nach Plinius V, 18 und Jos. Antt. XVII, 2, 1 ἐπὶ Δάφνη führte Antiochia eben von diesem Haine auch den Beinamen „Epidaphnes”. Dieser Hain war ein berüchtigter Lustort der Antiochener. — Reliquiae corporis (S. Ignatii M.) Antiochiae jacent ante portam „daphniticam”. Brev. Roman. 1. Februarii.
12: I. Kön. 17.
13: Pred. 11, 2. 3.
14: Hebr. 13, 3.
15: Röm. 12, 16.
16: Dan. 3, 27.
17: Matth. 6, 13.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger