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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Siebenzehnte Homilie.

1.

Mit Recht haben wir heute alle gesungen: „Gepriesen sei der Herr Gott Israels, der allein Wunder thut!”1Denn es sind außerordentliche und wunderbare Dinge geschehen: Er hat eine ganze Stadt und ein so zahlloses Volk, das schon untergehen, schon in den Abgrund versinken und dem gänzlichen Verderben preisgegeben werden sollte, in einem Augenblick aus dem augenscheinlichen Schiffbruch gerettet. Lasset uns also dankbar sein, nicht allein dafür, daß er den Sturm beschwichtigt, sondern auch dafür, daß er ihn zugelassen; nicht allein dafür, daß er uns vor dem Schiffbruche bewahrt, sondern auch gestattet hat, daß wir in eine solche Angst versetzt und durch die äusserste Gefahr bedroht worden sind. So hat auch Paulus befohlen, in allen Dingen dankbar zu sein. Wenn er aber spricht: „In allen Dingen seid dankbar!” 2so will er sagen: nicht bloß zur Zeit der Befreiung von den Leiden, sondern auch zur Zeit der Trübsale selbst: „denn Denjenigen, die Gott lieben, gereicht Alles zum Heile.” 3Wir wollen ihm also für dieBefreiung aus den Trübsalen danken und derselben niemals vergessen; wir wollen dem Gebete obliegen, ohne Unterlaß und mit inniger Andacht zu ihm fliehen. Als im Anfange der schreckliche Brand dieses Unglückes hochaufloderte, sagte ich, daß jene Zeit nicht für den Unterricht, sondern eine Zeit für das Gebet sei. Dasselbe sage ich auch jetzt, nachdem er gelöscht ist, ja daß jetzt noch weit mehr als früher eine Zeit des Gebetes, weit mehr eine Zeit der [S. 334] Thränen und Reue, eine Zeit sei, ein zerknirschtes Herz zu haben, glühenden Eifer und große Vorsicht zu zeigen. Denn damals ergriff uns die Beschaffenheit der Trübsale selber auch wider unsern Willen, lehrte uns weise sein und spornte uns zu größerer Bedächtigkeit an; nun aber, nachdem das Gebiß weggenommen und die Wolke vorübergegangen, nun ist zu befürchten, daß wir der Trägheit verfallen, daß wir, nachdem die Trübsal gewichen, wieder lässiger werden und auch über uns Jemand sage: „Als er sie tödtete, suchten sie ihn und kehrten um und kamen früh Morgens zu ihm.” 4 Deßwegen ermahnt Moses die Juden mit den Worten: „Wenn du gegessen und getrunken hast und satt geworden bist, so erinnere dich des Herrn deines Gottes.” 5Nun wird eure gute Gesinnung sich zeigen, wenn ihr in derselben Gottseligkeit verharret; denn damals schrieben Viele euren Eifer der Furcht und den Übeln zu, die euch getroffen; jetzt aber wird eure Tugend als lauter erscheinen, wenn ihr in demselben Eifer verharret. Beträgt sich ein Knabe, so lange er unter einem furchtbaren Zuchtmeister lebt, bescheiden und sittsam, so ist das kein Wunder; denn Alle schreiben die sittsame Aufführung der Furcht vor dem Hofmeister zu. Wenn er aber von diesem Zwange befreit sich ebenso sittsam beträgt, so rechnen ihm Alle auch die Bescheidenheit seines frühern Lebens als sein Verdienst an. Das laßt nun auch uns thun; verharren wir in derselben Gottseligkeit, damit wir auch für den frühern Eifer ein großes Lob von Gott ernten mögen. Wir haben zahllose Leiden befürchtet: daß das Vermögen Allen geplündert, die Häuser sammt den Bewohnern verbrannt, die Stadt vom Erdboden vertilgt, ihre Überbleibsel gänzlich zerstört und der Pflug ihren Grund in Besitz nehmen werde. Aber sehet, alle diese Übel haben wir nur besorgt, und sie sind nicht wirklich in Erfüllung gegangen. Und nicht das allein ist bewunderungswürdig, daß Gott eine so große Gefahr beseitigt, sondern daß er uns [S. 335] auch große Wohlthaten erwiesen, unsere Stadt ausgeschmückt und uns durch diese Versuchung und Trübsal frömmer gemacht hat. Wie so? Ich will es erklären. Als nämlich die Männer, die vom Kaiser zur Untersuchung der Vorfälle geschickt worden waren, jenen furchtbaren Gerichtshof bildeten und Alle zur Bestrafung der Frevel vorluden und Jeder eine verschiedene Todesart fürchtete: da zeigten die auf den Berghöhen wohnenden Mönche die ihnen eigene Weisheit. Denn so viele Jahre lebten sie in ihren Höhlen verschlossen; als sie aber sahen, daß eine so gewaltige Wolke die Stadt umlagere, so verließen sie, ohne daß sie Jemand berief oder Jemand es rieth, ihre Hütten und Grotten und strömten gleichsam wie Engel vom Himmel gesandt von allen Seiten herbei. Da schien die Stadt dem Himmel zu gleichen, da sich an allen Orten diese Heiligen zeigten, die schon durch ihren Anblick die Geängstigten trösteten und sie ermunterten, das Unglück mit allem Stolz zu verachten; denn wer hätte bei ihrem Anblick nicht den Tod verlacht? wer nicht das Leben verachtet? Aber nicht das allein war bewunderungswürdig, sondern auch das, daß sie muthvoll selbst vor die Häupter (der Regierung) hintraten, zu Gunsten der Schuldigen sprachen und alle bereit waren, ihr Blut zu vergießen und ihre Häupter darzubieten, um die Gefangenen von den drohenden Übeln zu befreien; ja sie erklärten, nicht früher zu weichen, als bis die Richter entweder der Stadtbevölkerung Schonung gewährt oder sie selbst zugleich mit den Schuldigen zum Kaiser gesendet. Denn Derjenige, der unsern Erdkreis beherrscht, sagten sie, ist ein frommer, Vertrauen erweckender und gottesfürchtiger Fürst; wir werden ihn also sicher zur Versöhnlichkeit stimmen. Wir werden euch nicht gestatten, das Schwert mit Blut zu beflecken oder irgend Einem den Kopf abzuschlagen. Wenn ihr aber nicht davon abgehen wollt, so fordern auch wir mit ihnen zu sterben. Die Verbrechen sind schwer, wir bekennen es selbst; aber die begangenen Frevel übersteigen nicht die Milde des [S. 336] Kaisers. Man erzählt, daß Einer von ihnen6einen andern weisheitsvollen Ausspruch gethan: „Die umgestürzten Bildsäulen sind wieder aufgestellt worden und haben ihre vorige Gestalt wieder erhalten, und der begangene Frevel ist schnellstens gut gemacht worden. Wenn ihr aber Gottes Ebenbild tödtet, wie werdet ihr das angerichtete Unheil wieder gut machen können? Wie die Gemordeten wieder erwecken? Wie den Leibern die Seelen wieder erstatten?” Sie sprachen mit ihnen auch Vieles über das Gericht.

1: Ps. 71, 18.
2: I. Thessal. 5, 18.
3: Röm. 8, 28.
4: Ps. 77, 34.
5: Deut. 6, 12. 13.
6: Dieser Einsiedler hieß Macedonius. Vergleiche Theodoret Kap. 3. Histor. Religiosae SS.PP.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger