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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Sechszehnte Homilie.

6.

Da wir also das wissen, so laßt uns im Unglücke nicht verzagen, sondern alsdann vielmehr stärker und kräftiger werden; „denn die Trübsal bewirkt Geduld.” 1Laßt uns also in den Trübsalen, die uns betreffen, uns nicht ängstigen, sondern in allen Dingen Gott danken! Wir haben die zweite Fastenwoche zurückgelegt; aber darauf laßt uns nicht sehen; denn nicht das heißt die Fastenzeit zurückgelegt haben, wenn wir die Zeit zurückgelegt, sondern wenn wir sie mit guten Werken zugebracht haben. Das laßt uns erwägen, ob wir eifriger geworden, ob wir irgend einen unserer Fehler verbessert, ob wir uns von den Sünden gereinigt haben. Alle pflegen während der Fastenzeit einander zu fragen, wieviele Wochen Jeder gefastet habe; und da kann man bei Manchen die Antwort vernehmen: Diese haben zwei, Jene aber drei, wieder Andere durch alle Wochen gefastet. Was nützt aber das, wenn wir die Fastenzeit ohne Tugendwerke zugebracht haben? Wenn ein Anderer sagt: „Ich habe durch die ganze vierzigtägige Fastenzeit gefastet,” so sage du: „Ich hatte einen Feind, und habe mich mit ihm versöhnt; ich hatte die Gewohnheit zu verleumden, und habe sie abgelegt; ich war gewohnt zu schwören, und habe diese böse Gewohnheit beseitigt.” Es nützt den Kaufleuten Nichts, daß sie eine große Strecke des Meeres zurücklegen, wohl aber, wenn ihr [S. 328] Schiff reichen Überfluß und viele Waaren mit sich führt. So hilft uns auch die Fastenzeit Nichts, wenn wir sie fruchtlos, müßig und vergebens hinbringen. Besteht unser Fasten nur in der Enthaltung von Speisen, so ist dasselbe mit Ablauf der vierzig Tage zu Ende; enthalten wir uns aber der Sünden, so dauert dieses Fasten auch nach der Fastenzeit fort, und es wird uns daraus ein fortwährender Vortheil erwachsen, ja es wird uns schon hier vor dem Besitze des himmlischen Reiches eine nicht geringe Belohnung erwirken. Denn gleichwie Derjenige, der in Bosheit dahinlebt, schon vor seiner Strafe in der Hölle durch das Gewissen gepeinigt wird: so wird auch Derjenige, der reich an Tugenden ist, schon vor dem Besitze des Himmelreiches die größte Wonne empfinden, weil genährt durch die tröstliche Hoffnung. Darum spricht Christus: „Ich werde euch wiedersehen, und euer Herz wird sich erfreuen, und eure Freude wird Niemand von euch nehmen.” 2Das sind wenige Worte; sie enthalten aber reichlichen Trost. Was heißt aber das: „Euere Freude wird Niemand von euch nehmen”? Besitzest du Reichthum, so können dir Viele die Freude an demselben vereiteln: ein Dieb, der die Mauer durchbricht; ein Knecht, der die ihm anvertrauten Gelder entwendet; ein Kaiser, der deine Güter als Staatsgut erklärt; ein Neider, der dich zu beeinträchtigen sucht. Bist du ein Würdenträger, so können dir Viele die Freude vergällen, die du darüber empfindest; denn ist die Herrschaft vorbei, so ist auch die Freude zu Ende; ja selbst im Genusse der Würde gibt es viele Zufälle, Beschwerden und Sorgen, die dir die Freude verkümmern. Bist du körperlich stark, so darf nur eine Krankheit über dich kommen, und die Freude darüber ist fort. Bist du schön und hast eine hübsche Gestalt: laß nur das Alter hereinbrechen, es macht sie verwelken und benimmt dir die Freude daran. Du hast Freude an einer köstlichen Mahlzeit; wenn der Abend hereinbricht, so ist auch das Vergnügen am Gastmahl zu [S. 329] Ende; denn alles Irdische kann uns leicht entrissen werden und vermag uns keine bleibende Freude zu bringen. Allein die Gottseligkeit und die geistige Tugend thut gerade das Gegentheil. Spendest du ein Almosen, so vermag Niemand das Verdienst dir zu rauben; selbst wenn Kriegsheere, Fürsten, zahllose Verleumder und Nachsteller von allen Seiten heranstürmen, so können sie den Schatz, der im Himmel aufbewahrt ist, dir nicht entreissen, sondern diese Freude bleibt unwandelbar; denn es heißt: „Er hat ausgestreut und den Armen gegeben, seine Gerechtigkeit bleibt in Ewigkeit.” 3Das ist auch sehr natürlich; denn was er ausgestreut hat, ist in der himmlischen Schatzkammer verwahrt, wo kein Dieb nachgräbt, noch ein Räuber es wegnimmt, noch eine Motte verzehrt. Wenn du anhaltend und inbrünstig betest, wird dir Niemand die Frucht davon zu entreissen vermögen; denn diese Frucht wurzelt im Himmel, ist frei von jeglichem Schaden und bleibt unantastbar. Wenn du Böses erduldest und dafür Gutes erweisest; wenn du beschimpft wirst und es großmüthig erträgst, wenn du gelästert wirst und dafür segnest: so bleiben diese Verdienste beständig; Niemand nimmt dir die daraus entspringende Freude, sondern du bist heiter und fröhlich und genießest, so oft du daran denkst, einer seligen Wonne. So wird auch sicher, wenn wir uns bemühen, das Schwören zu meiden, und unsere Zunge dahin vermögen, sich dieser schädlichen Gewohnheit zu enthalten, das Mühevolle dieses verdienstlichen Werkes in Kürze abgethan sein, die Freude aber darüber in's Endlose fortdauern. Übrigens müßt ihr auch Andere belehren und führen: die Freunde müssen der Freunde, die Knechte ihrer Mitknechte, die Jünglinge ihres Gleichen sich annehmen, sie unterweisen und anleiten. Hätte dir Jemand für einen jeden Menschen, den du bessern würdest, einen Dukaten 4 verheissen, würdest du dir nicht alle Mühe gegeben und allen Eifer angewandt [S. 330] haben, sie zu ermahnen und zu ermuntern? Nun aber verspricht dir Gott nicht einen, nicht zehn, nicht zwanzig oder hundert oder tausend Dukaten, auch nicht die ganze Erde als Lohn dieser Mühen, sondern bietet dir das, was mehr ist als die ganze Welt, des Himmels Besitz, ja nicht bloß Dieses allein, sondern noch etwas Anderes dazu. Was ist aber das? „Wer das Kostbare von dem Schlechten absondert,” heißt es, „wird wie mein Mund sein.” 5Was kann uns wohl größern Ruhm, größere Sicherheit bieten? Welche Entschuldigung, welche Vergebung können wir uns aber versprechen, wenn wir bei einer so großen Verheissung in der Beförderung des Heiles unseres Nächsten so nachlässig sind? Wenn du siehst, daß ein Blinder in eine Grube hinabstürzt, so reichst du ihm die Hand und hältst es für unanständig, um den Unglücklichen dich nicht zu bekümmern. Wenn du aber siehst, daß alle die Brüder sich täglich der schlimmen Gewohnheit des Schwörens ergeben, wagst du dagegen kein Wort vorzubringen? Aber du hast es ihm schon einmal gesagt, und er hat auf dich nicht gehört? Sage es ihm also zweimal und dreimal, ja so oft, bis du ihn überzeugt hast. Gott redet täglich mit uns, und wir hören nicht; er hört aber darum nicht auf, mit uns zu reden; diese Sorgfalt in Bezug auf den Nächsten ahme auch du nach. Darum leben wir in Gemeinschaft und bewohnen die Städte und versammeln uns in den Kirchen, damit wir gegenseitig die Lasten zu tragen, gegenseitig die Fehler zu verbessern suchen. Und gleichwie die Arbeitsleute in einer einzigen Werkstatt eine verschiedene Beschäftigung haben, Alles aber zu einem gemeinsamen Zwecke verrichten: ebenso sollen auch wir es machen. Was immer Jemand für seinen Nächsten Gutesthun kann, das lasse er sich nicht verdrießen, damit zaudere er nicht, sondern treibe eine Art Wuchergeschäft und liefere einen geistlichen Beitrag, damit wir in allen Dingen das allgemeine Beste befördern, nach Erwerbung großer Reich- [S. 331] thümer und im Besitze eines mächtigen Schatzes Alle zusammen des Himmelreiches theilhaftig werden durch die Gnade und Menschenfreundlichkeit unseres Herrn Jesu Christi, durch den und mit dem dem Vater und dem heiligen Geiste sei Ehre jetzt und alle Zeit und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

1: Röm. 5, 3.
2: Joh. 16, 22.
3: Ps. 111, 9.
4: Χρύσιμον ἕνα — Goldmünze, Goldgulden, Dukaten.
5: Jer. 15, 19.

 

 

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Einleitung in die Säulenhomilien

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger