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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Sechszehnte Homilie.

5.

So macht es auch Gott, nicht nach Art der Sklaven- [S. 325] räuber, sondern nach der Weise sorgsamer Väter. Zuerst schickt er uns Leiden und gibt uns die Trübsal als Lehr- und Zuchtmeister, damit wir durch sie eine weise Erziehung erlangen und, nachdem wir alle Geduld und alle Weisheit erlernt und so ein vollkommenes Alter erreicht haben, das Himmelreich erben. Erst macht er uns tüchtig, die Güter, die er uns spenden will, verwalten zu können, dann gibt er uns erst die Güter selbst. Denn thäte er das nicht, so wären die Reichthümer, die er uns spendet, nicht eine Wohlthat, sondern eine Züchtigung und Strafe. Denn gleichwie ein thörichter und verschwenderischer Jüngling, der das Erbtheil seines Vaters erhalten, gerade durch dieses in den Abgrund gestürzt wird, weil er zur Verwaltung seines Vermögens nicht die genügende Einsicht besitzt; wenn er aber klug und rechtschaffen ist und Maaß zu halten versteht; wenn er die Güter des Vaters nur auf nothwendige Dinge verwendet, dadurch sich größern Ruhm und größeres Ansehen erwirbt: so geht es nothwendiger Weise mit uns. Nachdem wir die geistige Einsicht erlangt, nachdem wir alle zum vollkommenen Manne geworden, nachdem wir die Fülle des Alters erreicht, dann übergibt uns Gott Alles, was er verheissen; für jetzt unterrichtet er uns wie kleine Knaben durch Ermahnung und Zuspruch. Jedoch ist das nicht der einzige Vortheil, den wir aus den vorausgehenden Trübsalen ziehen, sondern es gibt noch einen andern, nicht geringern als diesen. Wer nämlich zuerst in Genüssen schwelgt, nach dem Genusse aber Strafe befürchtet, genießt nicht einmal die gegenwärtige Annehmlichkeit wegen der Furcht vor der folgenden Strafe. Wer aber zuerst das Bittere empfindet, dann aber Gutes zu gewärtigen hat, der verachtet auch die gegenwärtigen Leiden ob der Hoffnung auf die künftigen Freuden. Also nicht bloß zu unserer Sicherheit, sondern auch zu unserer Freude und zu unserem Troste hat es Gott so geordnet, daß das Beschwerliche vorausgehe, damit wir durch die Hoffnung auf die Zukunft gehoben die Gegenwart minder empfinden. Dieses beweist und zeigt auch Paulus mit den Worten: „Unsere gegenwärtige Trübsal, die augenblicklich [S. 326] und leicht ist, bewirkt eine überschwängliche, ewige, Alles überwiegende Herrlichkeit in uns, die wir nicht auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare sehen.” 1Leicht nennt er die Trübsal, nicht wegen der eigenen Beschaffenheit der Leiden, sondern wegen der Hoffnung auf die künftigen Güter. Denn gleichwie ein Kaufmann das Beschwerliche der Seefahrt nicht fühlt, weil ihm die Aussicht auf Gewinn Dasselbe erleichtert, und ein Faustkämpfer die Wunden an seinem Haupte nicht achtet, weil er die Krone im Auge behält: so werden auch wir beim Aufblick zum Himmel und bei der Betrachtung der himmlischen Freuden alle möglichen Leiden großmüthig ertragen, gestärkt durch die angenehme Hoffnung der Zukunft. Diese Lehre wollen wir also mit nach Hause nehmen; denn so einfach und kurz sie auch scheint, so enthält sie doch eine große Weisheit. Wer sich in Schmerz und Trübsal befindet, der empfängt daraus genügenden Trost; wer in Wollust und Üppigkeit lebt, eine mächtige Warnung. Denn wenn du bei Tische sitzest und dich dieser Worte erinnerst, so wirst du dich gleich vor der Trunkenheit und Gefräßigkeit hüten und eben diesem Ausspruch die Lehre entnehmen, daß es sich für uns zieme, ängstlich zu sein. Du wirst bei dir selber sagen: Paulus liegt in Banden im Kerker, ich aber bin berauscht an einer köstlichen Tafel; welche Verzeihung werde ich verdienen? Dieser Ausspruch paßt auch für Weiber; denn wenn sich die prunkliebenden und hoffärtigen Frauen, die sich ringsum mit Goldgeschmeide umgeben, an diese Kette2 erinnern, so werden sie, ich weiß es gewiß, jenen Schmuck hassen und zu diesen Banden hineilen; denn jenes Geschmeide ward zur Veranlassung großen und vielfachen Unheils; es hat zahllose Kriege in die Familie gebracht, Neid, Haß und Mißgunst verursacht; diese Bande hingegen haben die Sünden der Welt gelöst, die bösen Geister erschreckt und den Teufel in die Flucht geschlagen. Durch [S. 327] diese Bande hat Paulus während seines Aufenthaltes im Kerker den Kerkermeister gewonnen; durch diese den Agrippa sich günstig gestimmt; durch diese zahlreiche Jünger gewonnen. Deßwegen sagt er auch: „In welchem (Evangelium) ich leide bis zu den Banden wie ein Missethäter: aber das Wort Gottes ist nicht gebunden.” 3Denn wie man einen Sonnenstrahl nicht zu fesseln und in einem Gehäuse einzusperren vermag, so ists auch unmöglich bezüglich des Wortes der Predigt. Und was noch viel mehr ist: der Lehrer war gebunden und das Wort war flügge; er bewohnte den Kerker, und seine Lehre eilte geflügelt durch die ganze Welt.

1: II. Kor. 4, 17. 58.
2: Des heiligen Paulus.
3: II. Tim. 2, 9.

 

 

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Einleitung in die Säulenhomilien

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger