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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Sechszehnte Homilie.

4.

Heilige Seelen sind also beschaffen: wenn sie in Gefahren kommen, so denken sie nicht daran, wie sie denselben entrinnen, sondern thun alles Mögliche, um ihre Verfolger zu gewinnen. So geschah es auch damals: Er trat hinein, um sich zu vertheidigen, nahm den Richter gefangen und zog von dannen. Dieses bezeugt der Richter 1selbst mit den Worten: „Beinahe könntest du mich bereden, ein Christ zu werden.” Das hätte auch heute geschehen sollen: unser Statthalter hätte eure Großmuth, eure Weisheit, eure vollkommene Ruhe bewundern, aus eurer Haltung eine Lehre [S. 321] mit sich nach Haus nehmen, eure Ordnung anstaunen, eure Versammlung beloben und aus den Thatsachen selber lernen sollen, welch' ein großer Unterschied zwischen Heiden und Christen bestehe. Jedoch ich komme auf das, was ich früher sagte, zurück. Nachdem ihn Paulus gefangen und Dieser gesagt hatte: „Beinahe könntest du mich bewegen, ein Christ zu werden,” so gab Paulus folgende Antwort: „Wollte Gott, daß nicht nur beinahe, sondern völlig, daß nicht allein du, sondern auch Alle, die mich hören, heute Christen würden, ausgenommen diese Bande.” 2Was sagst du, o Paulus? In deinem Schreiben an die Epheser sagst du: „Ich bitte euch also, ich der Gefangene im Herrn, würdig des Berufes zu wandeln, wozu ihr berufen seid.”3 Und zu Timotheus sprichst du: „In welchem (Evangelium) ich leide bis zu den Banden wie ein Missethäter.” 4Und wieder an Philemon schreibst du: „Paulus ein Gefangener um Jesu Christi willen.”5 Und wenn du mit den Juden streitest, sagst du: „Um der Hoffnung Israels willen bin ich mit dieser Kette umschlossen.” 6Und in deinem Briefe an die Philipper sagst du: „Die Mehrzahl der Brüder faßte Vertrauen durch meine Bande und wagte es um so mehr, ohne Furcht das Wort zu verkünden.” 7Überall redest du von den Banden; überall zeigst du die Ketten und rühmest dich ihrer; da du aber vor Gericht kömmst, gibst du zur Zeit, wo du am meisten deine Zuversicht hättest zeigen sollen, diese Weise Sprache auf und sagst zu dem Richter: „Wollte Gott, daß du ein Christ würdest — ohne diese Bande.” Sind nämlich die Bande etwas Gutes und zwar ein solches Gut, daß es auch Andern Muth einflößt, für die Heilslehre das Wort zu ergreifen (denn du hast ja eben früher gesagt, daß die Mehrzahl der Brüder im Vertrauen auf deine Bande das Wort furchtlos verkündeten): warum rühmst du dich ihrer nicht [S. 322] auch vor dem Richter, sondern thust da das Gegentheil? Scheint das, was ich sage, nicht eine Frage zu sein? Jedoch ich werde sie alsobald lösen. Paulus hat das nicht aus Angst, nicht aus Besorgniß, sondern mit tiefer Einsicht und vollem Bewußtsein seines Geistes gethan. Wie aber, werde ich erklären. Er redete mit einem Heiden und Ungläubigen, welcher unsere Lehre nicht kannte. Er wollte ihn also nicht durch das Schwierige derselben gewinnen, sondern nach seinem Ausspruch: „Für Diejenigen, die ohne Gesetz sind, bin ich geworden, als wäre ich ohne Gesetz.”8 Wenn er von Banden und Trübsalen hört, spricht er, wird er gleich zurückweichen, weil er die Kraft der Bande nicht kennt. Erst möge er gläubig werden, an der (christlichen) Lehre Geschmack finden, dann wird er freiwillig diesen Banden zulaufen. Ich hörte das Wort meines Herrn: 9 „Niemand setzt einen Fleck von neuem Tuch auf ein altes Kleid; denn er macht es zum Stückwerk, und der Riß wird ärger.” 10„Auch gießt man nicht neuen Wein in alte Schläuche, sonst zerreissen die Schläuche.” Die Seele dieses Mannes (Agrippa) ist ein altes Kleid und ein alter Schlauch; er ist noch nicht erneuert durch den Glauben, nicht aufgefrischt durch die Gnade des heiligen Geistes. Er ist noch schwach und irdisch gesinnt, hängt an der Welt, staunt noch irdische Eitelkeit an, liebt noch zeitlichen Ruhm. Wenn er gleich Anfangs vernimmt, daß, wer ein Christ wird, bald gebunden und mit Ketten umgeben wird, so wird er sich schämen und erröthend von der (christlichen) Lehre entfernen. Darum sagt er: „Ausgenommen diese Bande”, nicht als ob er sich weigerte, diese Bande zu tragen, das sei ferne! sondern um der Schwachheit des Andern zu Hilfe zu kommen; denn er liebt und verehrt dieselben so sehr. wie ein prunksüchtiges Weib ihr goldenes Geschmeide. Woraus ist das klar? „Ich freue mich in [S. 323] meinen Leiden,” sagt er, „und ersetze an meinem Fleische das, was noch mangelt am Leiden Christi.” 11Und wieder: „Euch ist von Christus die Gnade gegeben, nicht nur an ihn zu glauben, sondern auch für ihn zu leiden.” 12 Und wieder: „Aber nicht allein Dieß, sondern wir rühmen uns auch der Trübsale.” 13Wenn er sich also freuet und rühmt und die Leiden ein Geschenk nennt, so ist es klar, daß er bei seiner Unterredung mit dem Richter aus dem angeführten Grunde also gesprochen; er beweist Dieses ja, wenn er unter andern Umständen sich zu rühmen genöthiget ist, mit den Worten: „Gerne will ich also in meinen Schwachheiten, Nöthen, Schmähungen, Verfolgungen und Ängsten mich rühmen, damit in mir wohne die Kraft Christi.”14Und wieder: „Wenn es gerühmt sein soll, so will ich meiner Schwachheit mich rühmen.” 15Und an einer andern Stelle, wo er sich selbst mit Andern vergleicht und dadurch seine Bevorzugung zeigt, spricht er also: „Sie sind Diener Christi (ich rede wie ein Thörichter), ich noch mehr.” 16Und um diesen Vorzug zu beweisen, führt er etwa nicht an, daß er Todte erweckt, daß er Teufel ausgetrieben, daß er Aussätzige gereinigt oder andere ähnliche Thaten vollführt habe; sondern was denn? Daß er zahllose Mühsale bestanden. Nachdem er nämlich gesagt hatte: „Ich noch mehr,“ führt er die Menge seiner Mühsale an mit den Worten: „Ich habe über die Maßen Schläge erhalten, bin oft in Todesgefahren, öfters in Gefängnissen gewesen; habe von den Juden fünfmal vierzig Streiche weniger einen empfangen; bin dreimal mit Ruthen gestrichen, einmal gesteiniget worden; habe dreimal Schiffbruch gelitten, einen Tag und eine Nacht in der Tiefe des Meeres zugebracht” 17und so weiter. So rühmt sich also Paulus überall seiner Trübsale und betrachtet sie [S. 324] als seinen herrlichsten Schmuck und hat vollkommen Recht. Denn das ist es eben, was die Macht Christi am deutlichsten zeigt, weil die Apostel durch diese Mittel zum Siege gelangten: durch Bande und Trübsale, Geisselstreiche und die empfindlichsten Leiden. Denn diese zwei Dinge hat ihnen Christus angekündet: Trübsal und Befreiung, Beschwerden und Kronen, Schweiß und Vergeltung, Leiden und Freuden. Die Leiden jedoch hat er an das gegenwärtige Leben geknüpft, die Freuden aber für das künftige Leben bestimmt, wodurch er zugleich beweist, daß er die Menschen nicht betrüge und die Last der Leiden selbst durch die Ordnung 18 erträglicher machen wolle. Denn der Betrüger reicht zuerst den Freudenbecher, dann fügt er die Bitterkeit bei. Ich gebe ein Beispiel. Die Menschendiebe, welche oft Kinder entführen und rauben, versprechen ihnen nicht Schläge und Streiche oder ähnliche Dinge, sondern reichen ihnen Kuchen und Naschwerk und andere solche Sachen, woran das Knabenalter seine Freude zu haben gewohnt ist, damit sie dadurch gelockt sich ihrer Freiheit begeben und in die größte Gefahr stürzen. Die Vogelfänger und Fischer locken die Thiere, auf die sie Jagd machen, dadurch an, daß sie ihnen vorerst die gewohnte Lieblingsspeise vorhalten und so die Schlinge verbergen. So geht also das Absehen der Betrüger hauptsächlich dahin, zuerst Wonnevolles zu bieten, dann später das Bittere folgen zu lassen; bei denen, die es liebreich und aufrichtig meinen, geschieht gerade das Gegentheil. Die Väter machen es also ganz anders als die Menschenräuber: wenn sie die Kinder in die Schule schicken, so geben sie ihnen Erzieher an die Seite, drohen ihnen mit der Ruthe und jagen ihnen Furcht ein; haben aber die Kinder dieses Alter durchgemacht und sind nun Männer geworden, so übergeben sie ihnen ihre Ehrenstellen, ihren Besitz, ihren Wohlstand und all ihren Reichthum. —

1: Die folgenden Worte (Apostelgesch. 26, 28) sprach der bei dieser Verhandlung anwesende König Agrippa, nicht der Landpfieger und Richter Festus.
2: Apostelgesch. 26, 29.
3: Ephes. 4, 1.
4: II. Tim. 2, 9.
5: Philem. 1.
6: Apostelgesch. 28, 20.
7: Philipp. 1, 14.
8: I. Kor. 9, 21.
9: Matth. 9, 16. 17; Mark. 2, 21. 22.
10: Denn der neue Fleck hält nicht an dem morschen Kleide, sondern dieses bricht nebenan, und der Riß wird noch größer.
11: Koloss. 1, 24.
12: Philipp. 1, 29.
13: Röm. 5, 3.
14: II. Kor. 12, 9. 10.
15: Ebend. 11, 30.
16: Ebend. V. 23.
17: Ebend. Verse 23—25.
18: D. h. durch die Reihenfolge: Leiden, dann Freuden.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger