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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Sechszehnte Homilie.

1.

Ich lobe zwar die Sorgfalt des Statthalters, daß er beim Anblick der Aufregung in der Stadt und beim Anblick, daß Alle über die Flucht sich beriethen, hieher kam, euch tröstete und euere Hoffnungen wieder belebte. Aber euretwegen schäme ich mich und erröthe, daß ihr nach den vielen und langen Predigten noch eines fremden Trostes bedurftet. Als ich hörte, wie er zu euch sprach und diese unzeitige und unvernünftige Furcht bald tröstend milderte, bald aber tadelte, da wünschte ich, daß sich die Erde mir spalte und mich verberge; denn es ziemte sich nicht, daß er euch belehre, sondern daß ihr die Lehrer für alle Ungläubigen werdet. Hat ja auch Paulus nicht gestattet, daß die Gläubigen von den Ungläubigen gerichtet werden; 1 du aber bedurftest nach einer solchen Unterweisung von Seite der Väter2 noch fremder Belehrung! Einige entlaufene Sklaven und Taugenichtse haben eine so große Stadt neuerdings in Aufregung versetzt und in die Flucht getrieben! Mit welchen Augen werden wir künftig die Ungläubigen anblicken, da wir so furchtsam und verzagt sind? Mit welchen Worten werden wir sie anreden und bewegen, bei hereinbrechenden Unglücksfällen muthvoll zu sein, da wir durch diese Angst furchtsamer als jeder Hase geworden? „Was sollen wir denn thun?” heißt es; „wir sind ja Menschen.” Gerade darum sollen wir uns [S. 314] nicht einem solchen Schrecken hingeben, weil wir Menschen und nicht unvernünftige Thiere sind. Diese werden durch jeden Lärm und jedes Geräusch erschreckt; denn sie haben keine Vernunft, um die Furcht vertreiben zu können; du aber bist mit Vernunft und Einsicht geschmückt; wie verfällst du nun in ihre Gemeinheit? Kömmt Jemand mit der Nachricht daher, es seien Soldaten im Anzug? Laß dich nicht beunruhigen, sondern schicke ihn fort, beuge die Kniee, flehe zu deinem Herrn, seufze bitterlich, und er wird das Unglück abwenden. Du hörtest, es seien Soldaten im Anzug; die Nachricht war falsch, und doch glaubtest du, dein gegenwärtiges Leben sei in Gefahr; jener selige Job aber, zu dem ein Bote nach dem andern kam, der die Unglücksverkünder, die sogar den unerträglichen Verlust seiner Kinder beifügten, anhörte, wehklagte nicht, seufzte nicht, sondern wandte sich zum Gebet und dankte dem Herrn. Diesem ahme auch du nach! Kömmt Jemand und meldet, daß Kriegsleute die Stadt umringt haben und deine Habe plündern wollen, so nimm deine Zuflucht zum Herrn und sprich: „Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen; wie es dem Herrn gefallen, so ist's auch geschehen; der Name des Herrn sei gebenedeit in Ewigkeit.” 3 Ihn entsetzten nicht die wirklichen Leiden, du erzitterst schon, wenn du nur davon hörst. Welche Achtung verdienen wir wohl, wenn wir, die wir selbst dem Tode muthig entgegengehen sollen, uns schon durch ein falsches Gerücht so sehr erschüttern lassen? Das verzagte Herz fürchtet sich, wo Nichts zu fürchten ist, und entsetzt sich vor einem nicht vorhandenen Schreckbild; wer aber ein kraftvolles und ruhiges Herz hat, verscheucht selbst die wirkliche Furcht. Siehst du nicht, wie der Steuermann, wenn das Meer wüthet, die Wolken sich ballen, Blitze niederfahren, wenn Alle auf dem Schiffe in Schrecken gerathen, am Steuerruder sitzt, ohne Furcht und Zittern auf seine Kunst achtet und nur darauf bedacht ist, wie er den drohen- [S. 315] den Sturm abhalten könne? Diesen ahme auch du nach; erfasse den heiligen Anker, die Hoffnung auf Gott, und bleibe unerschütterlich und unbeweglich! „Jeder, der diese meine Worte hört,” heißt es, „und sie nicht befolgt, wird einem thörichten Manne verglichen werden, der sein Haus auf den Sand gebaut hat. Und es fiel ein Regen, und es kamen die Fluthen, und es bliesen die Winde und stürmten auf jenes Haus; und es stürzte zusammen, und sein Sturz war gewaltig.” 4Siehst du, daß Fall und Sturz eine Folge der Thorheit ist? Wir aber sind nicht nur diesem Thoren ähnlich geworden, sondern sind noch elender gefallen als er. Denn sein Haus stürzte erst ein, nachdem die Fluth eingetreten, ein Regenguß herabgestürzt war und die Winde auf dasselbe gestürmt; wir aber sind gefallen, ehe Regengüsse gekommen, ehe sich Ströme ergossen, ehe Winde auf uns losgestürmt, ehe uns ein wirkliches Unglück getroffen: wir hörten nur ein Gerücht und vergaßen alle Lehren der Weisheit. Was glaubt ihr wohl, wie mir jetzt zu Muthe ist? Wie sehr ich mich schäme? Wie niedergeschlagen ich bin? Wie sehr ich erröthe? Hätten mich die Väter nicht so sehr gedrängt, so wäre ich nicht aufgestanden, hätte nicht gepredigt: mein Gemüth war verfinstert, muthlos durch euere Kleinmüthigkeit. Aber auch jetzt noch weiß ich mich nicht recht zu fassen: so sehr ist mein Herz von Unwillen und Trauer erfüllt. Denn wer sollte nicht unwillig werden, wer sollte nicht zürnen, da ihr nach einer so oftmaligen Unterweisung noch heidnischer Lehrer bedurftet, die euch aufforderten und ermahnten, die gegenwärtige Furcht muthvoll zu tragen? Bittet also, daß mir eingegeben werde, was ich reden soll, wenn ich meinen Mund aufthue, damit ich meinen Kleinmuth ablegen und mich ein wenig aufrichten kann; denn die Scham über eure Kleinmüthigkeit hat meine Seele sehr niedergebeugt.

1: I. Kor. 6, 1.
2: Μετὰ τὴν τοσαύτην τῶν πατέρων παραίνεσιν. Die „Väter” sind der Bischof, die Priester Antiochiens und hauptsächlich Crysostomus selbst wegen der vorausgegangenen Homilien.
3: Job 1, 21.
4: Matth. 7, 26. 27.

 

 

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Inhaltsverzeichnis
Einleitung in die Säulenhomilien

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger